Adventsgeschichten

Sie wollten etwas Gutes tun – und verpassten einem alten Fraueli den Schreck ihres Lebens

Vor 65 Jahren schlichen die Freundinnen Heidi Härri (l.) und Erna Nafzger mit einem Bäumchen ins Nachbarhaus.

Vor 65 Jahren schlichen die Freundinnen Heidi Härri (l.) und Erna Nafzger mit einem Bäumchen ins Nachbarhaus.

Heidi Härri und Erna Nafzger wollten einst einer alten Meisterschwanderin eine Weihnachtsfreude machen. Das ging fast in die Hosen.

Sie wollten etwas Gutes tun – und verpassten einem alten Fraueli den Schreck ihres Lebens. Die beiden Mädchen, Heidi und Erna, damals elfjährig und voller sozialem Eifer und guter Ideen.

Und das kam so: Kennengelernt hatten sich die beiden Mädchen in der ersten Klasse der Bezirksschule Fahrwangen. Sie hatten das Heu sofort auf der gleichen Bühne. Und unternehmungslustig waren sie: Schleppten Bänke heran und luden die Kinder aus dem Dorf ein, um für sie Kasperlitheater-Stücke zu spielen, die Heidi geschrieben hatte. Oder standen morgens um drei auf, um im Fernsehen Box-Kämpfe zu schauen; in den Fünfzigerjahren eine ganz exklusive Sache, so ein Fernseher, aber Ernas Eltern hatten einen. Und im Advent 1956 kamen die Freundinnen auf die Idee, Ernas betagter Nachbarin, dem «Sanmeier-Fraueli», die allein in diesem heruntergekommenen Hochstudhaus in Meisterschwanden wohnte, die Weihnachtszeit zu verschönern.

«Das Sandmeier-Fraueli war alt, man hat sie kaum je draussen gesehen, noch nicht einmal beim Einkaufen im Dorf», erinnert sich Heidi Härri (heute 76). Vor dem Haus mit dem tief herab reichenden Dach hatte die Nachbarin einen kleinen Pflanzblätz angelegt, von dessen Ertrag sie sich versorgte. Freundin Erna aber kannte die Frau etwas besser; sie erledigte für sie unter anderem Botengänge in die Käserei.

Verkleidet und mit geschmücktem Baum

Diese Einfachheit, dieses Alleinsein war es vermutlich, was die beiden Freundinnen so beschäftigte. «Wir hatten Mitleid mit der alten Frau», sagt Heidi Härri. Ein fröhliches Lied solle ihr die kalte, graue Vorweihnachtszeit verschönern, dachten sich die beiden Mädchen. «Also bastelten wir Geschenke, besorgten ein kleines Tannenbäumchen, schmückten es weihnächtlich und suchten Engelskleider zusammen», sagt Heidi Härri. Das mit brennenden Kerzen geschmückte Bäumchen wollten die Mädchen direkt in die Stube tragen, wo die alte Frau jeweils abends zu sitzen pflegte.

Und das taten die Mädchen. «Da es draussen kalt und neblig war, beschlossen wir, erst ins Haus zu schleichen und dort die Kerzen anzuzünden», sagt Heidi Härri. Also öffneten sie die Haustür und schlichen in die Küche. Und da geschah es: Erna stiess in der Finsternis gegen einen Stapel Kochtöpfe, der mit lautem Geschepper zu Boden krachte. «Das waren Töpfe aus Blech, das hat einen furchtbaren Krach gemacht», sagt Erna Nafzger und die beiden Frauen lachen.

Zum Glück erkannte die Frau Ernas Stimme

Das Entsetzen bei den Mädchen war gross – und nicht nur bei ihnen: «Die Stubentür flog auf und die zutiefst erschrockene Frau starrte uns entgeistert an. Wie wir da standen im Dunkeln, in unseren Engelskostümen und in der Hand ein Bäumchen, mussten wir erst erklären, was wir hier tun.» Der Schreck währte zum Glück nicht lange, das Sandmeier-Fraueli erkannte Ernas Stimme. «Wir zündeten die Kerzlein an, sangen ein Lied und übergaben der Frau unser Geschenk – sie hatte eine riesige Freude daran.»

Die beiden Mädchen übrigens blieben nicht nur in der Region wohnen, sie blieben auch Freundinnen bis heute. Die Geschichte von der alten Frau aber war in Vergessenheit geraten. Bis vor ein paar Wochen, als Heidi Härri den Aufruf in der Zeitung las. «Da kam mir diese Geschichte plötzlich wieder in den Sinn.»

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