Lenzburg
«So managt man eine Krise nicht»: Alterszentrum-Leiter übt scharfe Kritik an Bund und Kanton

Michael Hunziker ist froh, dass das Alterszentrum in Lenzburg bisher glimpflich davonkam. Er ärgert sich über die Pauschalisierung der Altersheime als Todesfalle – und er kritisiert das Vorgehen von Bund und Kanton in der Coronakrise.

Ruth Steiner
Drucken
Teilen
Michael Hunziker leitet das Alterszentrum seit Herbst 2007.

Michael Hunziker leitet das Alterszentrum seit Herbst 2007.

Lenzburger Bezirks-Anzeiger (20.4.2020

Im vergangenen Jahr sind im Alterszentrum Obere Mühle (AZOM) in Lenzburg 35 Personen gestorben. Sterben gehört zum Alltag in einer Altersinstitution und führt normalerweise zu keinen Schlagzeilen.

Seit Ausbruch der Pandemie im vergangenen März ist das anders. Seit damals sind die Alters- und Pflegeheime im Fokus. «Altersheime sind die grössten Covid-19-Stationen. Die Mehrheit der Coronatoten hat in einem Seniorenzentrum gelebt», hiess es beispielsweise vorgestern in der NZZ. Das Altersheim als Todesfalle? «Für unsere Institution stimmt das nicht», sagt Michael Hunziker, Leiter des Alterszentrums Obere Mühle (AZOM) in Lenzburg bestimmt.

Er ärgert sich über die Pauschalisierung. Reine Effekthascherei, findet er. «Im AZOM ist bisher kein einziger Todesfall auf das Coronavirus zurückzuführen», sagt Hunziker. Seit März 2020 seien zwei Bewohner an Corona erkrankt und wieder genesen. Neun Mitarbeitende hatten das Virus ebenfalls erwischt, auch sie sind wieder gesund. Aktuell fallen zwei Mitarbeitende coronabedingt aus.

Vorzeitiger Lockdown über Alterszentrum

Alles in allem: ein Riesenglück für das AZOM. Die Frage drängt sich auf: Weshalb wurde das Lenzburger Alterszentrum nicht stärker von Corona beeinträchtigt? Der Zentrumsleiter führt dies auf die Massnahmen zurück, welche das AZOM im März 2020 durchgesetzt hatte. «Wir haben uns sehr unbeliebt gemacht damals, weil wir viel rigoroser vorgegangen sind, als vom Bund vorgesehen war», erklärt er. Hunziker hat bereits am 13. März, noch bevor der Bundesrat die ausserordentliche Lage erklärte, über das Alterszentrum ein Besuchs- und Ausgangs­verbot verhängt.

Zum damals schweizweit eingeführten ­Hy­gienekonzept sagt er, dass das AZOM schon seit langem strenge Hygieneregeln anwende und diese auch regelmässig kontrolliere. Auch von den Besuchern forderte die Zentrumsleitung mehr als üblich, als das Besuchsverbot wieder aufgehoben und durch ein eingeschränktes Besuchsrecht ersetzt wurde. Wer seine Angehörigen besuchen wollte, wurde kontrolliert. «Nebst der Zutrittskontrolle mussten die Besucherinnen und Besucher sich die Fieber messen lassen», erklärt Hunziker. So wird es auch heute noch gehalten: Wer ins AZOM will, muss seine Temperatur messen lassen.

AZOM-Verwaltungsratspräsidentin Heidi Berner bestätigt Hunzikers Aussagen und betont: «Die Zentrumsleitung hat wahnsinnig aufgepasst und die Regeln strikte durchgesetzt.» Zwar habe es Kritik gehagelt an diesem Vorgehen, aber es seien auch lobende Worte gefallen.

Scharfe Kritik in «Rundschau» von SRF

Michael Hunziker ist bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und die Dinge beim Namen nennt. Das zeigte sich auch vergangene Woche, als Zentrumsleitung, Mitarbeitende und Bewohnerinnen und Bewohner des AZOM in der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens (SRF) befragt wurden. Konkret ging es im Beitrag um die Covid-Impfung.

Bei dieser Gelegenheit kritisierte Hunziker das Vorgehen von Bund und Kanton heftig. «Ich denke, dass die Skepsis gegenüber der Covid-Impfung stark mit dem Informationschaos zusammenhängt, das von Bund und Kanton veranstaltet worden ist. So managt man eine Krise nicht», sagte er. Und er betonte, dass er «persönlich als heftiger Impfbefürworter» es seinen Mitarbeitenden nicht verüble, wenn sie aufgrund der erhaltenen Informationen etwas zurückhaltend seien mit Impfen und lieber etwas zuwarten wollten.

Aufgrund seiner gesundheitlichen Disposition gehört Michael Hunziker zu den Risikogruppen. In seiner Funktion als Zentrumsleiter mit fast 300 Bewohnerinnen und Bewohnern, Seniorinnen und Senioren in den Alterswohnungen und Mitarbeitenden kann er sich jetzt impfen lassen. Doch weit gefehlt: «Ich hatte keine Chance auf einen Impftermin beim Hausarzt.»

Auch was das rasche Impfen der Bewohnerinnen und Bewohner der Altersinstitutionen anbelangt, sieht Hunziker eher schwarz. «Im Kanton sind 173 Pflegeinstitutionen im VAKA (Gesundheitsverband Aargau) angeschlossen. Bis allein diese Gruppe geimpft ist, könnten Monate vergehen», ist Michael Hunziker überzeugt.

Noch etwas: Müsste der AZOM-Zentrumsleiter das Unwort des Jahres 2020 bestimmen, so würde dieses «Empfehlen» lauten. «Es ist jetzt nicht Zeit zu empfehlen. Es ist höchste Zeit, anzuordnen.»

Aktuelle Nachrichten