Tattoos. Wer glaubt, dass diese Körperverzierungen nur für Seeräuber und andere Menschen mit liederlichem Lebensstil sind, kennt Kathrin Christen nicht. Die Lenzburgerin zeigt, dass es auch anders geht. Sie betreibt im Wisa-Gloria-Areal ein Tätowierstudio und hat ihren ganz eigenen Stil gefunden – der eine eigene Kundschaft anzieht. «Zu mir kommen hauptsächlich Frauen», sagt sie. Die Tattoos von Kathrin Christen (36) sind filigran und detailreich, vergeben sucht man in ihrer Galerie die satten Farben und starken Kontraste der traditionellen Seemanmotive oder gar asiatische Schriftzeichen. «Ich mache Kunst am Körper», sagt sie. Nie kopiert sie einfach ein vorgegebenes Bild auf die Haut. Zusammen mit der Kundin entwickelt sie aus einer Idee ein Motiv, das ihre eigene Handschrift trägt. Christen arbeitet viel mit der Handpoke-Methode. Dabei entsteht ein Bild aus einzelnen Punkten, die anstatt mit der Maschine alle von Hand aufgetragen werden. So ist ihre eigene Ästhetik entstanden, die sehr minimalistisch ist. «Ich überlege mir immer, mit wie wenig Punkten und Strichen man eine Wirkung erzielen kann», sagt sie.

Ihr erstes Tattoo gefiel ihr nicht

Kathrin Christen ist ausgebildete Fachfrau Gesundheit. Doch hat schon immer gemalt und dann die Haut als Leinwand entdeckt. Mit Unterbrüchen hat sie ungefähr zehn Jahre in der Pflege gearbeitet, doch der Beruf liess sich einfach nicht mit ihrem Drang für das Kreative vereinbaren. Bereut hat sie diesen Weg aber nicht, dank dieses Hintergrunds kennt sie sich gut aus mit Haut und Hygiene. Vor einem Jahr entschied sie sich, ihre Leidenschaft zu verfolgen und eröffnete «Die kleine Tätowierstube» in Lenzburg.

Wie viele Tattoos sie insgesamt hat, weiss sie gar nicht. Über ihren linken Unterarm ranken sich fragile Blumen. Auf das rechte Handgelenk sind feine geometrische Formen gezeichnet. Ihre Motive gefallen ihr bis heute. Anders als ihr allererstes Tattoo. Da war sie 16 Jahre alt. Sie liess es wieder entfernen. Doch diese Erfahrung war für sie kein Grund, die Tattoos wieder sein zu lassen. Im Gegenteil. Kathrin Christen merkte, wie sie arbeiten wollte. Ihr Geschäft hat sie bewusst «Stube» genannt. Der kleine Raum in der ehemaligen Fabrik ist entsprechend gemütlich eingerichtet. Die Kundschaft soll sich wohlfühlen. Die Einrichtung hilft, aber den wichtigsten Beitrag leistet zweifelsohne die Tätowiererin selbst mit ihrer freundlichen Art und der sanften Stimme. Gross Werbung gemacht habe sie nie. Via Social Media und Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich aber herumgesprochen, dass sich in Lenzburg ein spezielles Tattoostudio befindet. «Meine Kundinnen kommen aus der Region, aber auch aus der ganzen Schweiz», sagt Kathrin Christen. Wer nur schnell ein Tattoo stechen lassen will, ist bei ihr am falschen Ort. Der persönliche Austausch ist ihr wichtig. Sie feilt, bis das Motiv perfekt und die richtige Körperstelle ausgewählt ist.

«Tattoo ist kein Mode-Ding»

Kathrin Christen ist Mutter von zwei kleinen Mädchen. Diese dürften sich auf keinen Fall vor 18 tätowieren lassen, auch sie selber tätowiert keine Minderjährige. «Ein Tattoo ist für mich kein Mode-Ding», sagt sie. «Sondern hat viel mit Selbstakzeptanz zu tun.» Man solle sich mit sich selber auseinandersetzen, bevor man sich dafür entscheidet. «Das Motiv wird ein Teil der Person.» Das Stechen sei wie ein Ritual; das Motiv wird Punkt für Punkt aufgebaut. Je nach Stelle und Schmerzempfindlichkeit kann es aber auch bei ihr wehtun. «Da muss man durch.»

Die «Tätowierstube» ist auch eine «Kunststube». Die herzigen Tierzeichnungen auf Holz würden sich sehr gut verkaufen. Gern malt sie auf schwarzem Hintergrund, zum Beispiel Vögel mit leuchtenden Federn. Oder abstrakte Formen. Sie ist froh, dass sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat. «So stimmt es für mich», sagt Kathrin Christen; der lebende Beweis dafür, dass man trotz Tattoos und Nasenring weder Pirat noch Schwiegermutterschreck sein muss.