Bezirksgericht Lenzburg
Verhängnisvolle nächtliche Fahrt zu McDonalds – Autofahrer verurteilt

Ein 30-jähriger Mann wird vor dem Bezirksgericht Lenzburg wegen fahrlässiger Tötung und Fahrerflucht verurteilt. Der Autofahrer wollte eigentlich zu McDonalds. Doch er muss umkehren. Auf dem Rückweg übersieht er einen Velofahrer.

Jörg Meier
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Dieser Sonntag hat sein Leben nachhaltig verändert. Felix B. (Name geändert) hat den Abend mit seinem Kollegen im Casino in Zürich verbracht. Er hat ein bisschen getrunken, aber nicht viel; einen Caipirinha, eine Flasche Bier, mehr nicht. Als er nach Hause kommt, ist seine Freundin noch im Ausgang. Es ist zwei Uhr morgens. Felix B. kriegt Hunger. Er setzt sich in seinen Alfa Romeo und fährt nach Lenzburg in den McDonalds. Es ist Sonntag, 1. Juni 2014.

Die Unfallstelle in Dintikon.

Die Unfallstelle in Dintikon.

Emanuel Freudiger

Doch der McDonalds hat bereits geschlossen. Felix B. muss hungrig zurück ins Freiamt. Er hat wenig Verkehr. Er fährt nicht schneller als 80 km/h, hat das Abblendlicht eingeschaltet, hört Musik - und plötzlich spürt er einen kurzen, heftigen Aufprall, eine Scheibe zersplittert. „Ich war überzeugt, dass mir ein Reh ins Auto gerannt ist“, sagte Felix B. gestern an der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Lenzburg.

Ohne Licht in den Tod

Er fährt langsamer. Schaut in den Rückspiegel, kann aber nichts erkennen, fährt weiter. „Ich war ziemlich hässig“, sagte er der Richterin, „weil ich dachte, das gebe jetzt sicher viel Aufwand mit der Versicherung.“ Weitere Gedanken macht er sich nicht und er geht erst einmal schlafen.

Erst am Sonntagmorgen sieht er bei Tageslicht, wie heftig beschädigt sein Alfa Romeo ist. Jetzt meldet er sich bei der Polizei und erklärt, er sei wohl mit einem Reh kollidiert. Ein paar Minuten später sieht er im Internet die Meldung und begreift, was wirklich passiert ist. Sofort meldet er sich, völlig erschüttert, bei der Polizei.

Denn Felix B ist nicht mit einem Reh kollidiert, sondern mit einem Velofahrer. Der Zusammenstoss war so heftig, dass der Fahrradfahrer rückwärts auf die Motorhaube geschleudert und weiter über die rechte Dachkante des Autos über den Strassenrand hinaus katapultiert wurde. Dabei zog er sich tödliche Verletzungen zu. Der Velofahrer war ohne Licht unterwegs gewesen.

Im Laufe der Untersuchungen hat sich eine Autofahrerin gemeldet. Sie erzählt, sie sei wenige Minuten zuvor um ein Haar auch mit dem Velofahrer kollidiert. Es sei einem entgegenkommenden Auto mit Fernlicht zu verdanken, dass die den Mann im allerletzten Moment noch gesehen habe und ausweichen konnte.

Ein Joint zuviel

Felix B., der mit seinem Vater zur Verhandlung erschien, erklärte, wie leid ihm das alles tut. Dass er sich nach dem Unfall hat krankschreiben lassen, weil er nichts anders mehr denken konnte. Er hat mit der Familie des Opfers Kontakt aufgenommen, man hat sich getroffen, er hat sich entschuldigt. Autofahren darf er vorderhand nicht – und er möchte es auch nicht mehr.

Die nachträglich angeordnete Blut- und Urinprobe ergibt, dass Felix B. bei seiner Unfallfahrt unter dem Einfluss von Cannabis stand. Ja, sagte Felix B. das könne stimmen, früher habe er drei- bis viermal pro Woche einen Joint geraucht. So auch an jenem Freitag vor dem Unfall. Aber auch damit sei jetzt Schluss. Er sei vor drei Wochen 30-jährig geworden. Und seither sei er fertig mit den Drogen. Zumal er auch noch Vater sei.

Velofahrer wird bei Dintikon tödlich verletzt - Unfallfahrer flüchtet
7 Bilder
Die Spurensicherung am Werk
Der Unfall ereignete sich ausserorts.
Auch die Rechtsmedizin ist vor Ort.
Jedes Detail wird aufgenommen.
Der Unfallfahrer stellte sich am Mittag der Polizei
Der Velofahrer verstarb noch auf der Unfallstelle.

Velofahrer wird bei Dintikon tödlich verletzt - Unfallfahrer flüchtet

Peter Rippstein/TeleM1

Die Verteidigerin verlangte Freispruch vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Sie argumentierte, Felix B. habe keine Chance gehabt, den Velofahrer rechtzeitig zu sehen und so die Kollision zu verhindern. Sie verwies auf verwandte Fälle, bei denen die Angeklagten ebenfalls frei gesprochen worden waren. Es handle sich um eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Wäre der Velofahrer mit Licht gefahren, hätte es den Unfall nicht gegeben und keine Gerichtsverhandlung, und Felix B. hätte ein einfacheres Leben.

Schuldig im Sine der Anklage

Der Staatsanwalt sah das anders. Ein Autofahrer müsse jederzeit auf Sichtweite anhalten können, sagte er. Ob der Velofahrer mit Licht gefahren sei oder ohne, spiele dabei keine Rolle. Erschwerend komme hinzu, dass Felix B. bei der nächtlichen Fahrt unter Drogeneinfluss gestanden sei – und das, wie die Vorstrafen zeigen, nicht zum ersten Mal. Zudem handle es sich auch um einen klaren Fall von Führerflucht.

Als Strafmass forderte der Staatsanwalt eine bedingte Freiheitsstrafe von 19 Monaten sowie ein bedingte Busse von 9000 Franken.

Das Bezirksgericht unter Leitung von Danae Sonderegger folgte weitgehend dem Antrag des Staatsanwaltes. Es verurteilte Felix B. wegen fahrlässiger Tötung und vollendeter Führerflucht. Es reduzierte zwar die bedingte Freiheitsstrafe auf 13 Monate, sprach aber eine unbedingte Busse aus und erhöhte sie von 9000 auf 18‘000 Franken. Zudem muss Felix B. die Verfahrens- und Untersuchungskosten tragen.

Felix B. nahm das strenge Urteil fassungslos zur Kenntnis und blickte hilfesuchend zum Vater.

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