Rupperswil ist ein sympathisches Dorf. Aber einen Café Crème kann man auch hier nicht mit einem Lächeln bezahlen. Und die zehn Schritte vom Confiserie-Café Schwarz zur benachbarten «Hypi» sind ja kein weiter Weg. Doch wer hier am Bancomaten steht, die Maschine rattern hört und sich wartend umschaut, hat plötzlich den Schrecken wieder vor Augen: Farbig ausgedruckt auf A3 hängt er rechts an der Betonwand, hingeklebt mit braunem Paketband.

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Grafik: Elia Diehl

CartoDB: Vierfachmord von Rupperswil

Der Zeugenaufruf der Kantonspolizei ist bald zwei Monate alt – und erinnert daran, dass Rupperswil zuletzt nicht als sympathisches, sondern als gefährliches und tieftrauriges Dorf Schlagzeilen machte.

Um 9 Uhr füllen sich die Eckbänke im Café Schwarz. Männer in orangefarbenen Arbeitskleidern kommen zum Znüni. Die Leuchtjacken ziehen sie aus, die Wollmützen behalten sie auf. Sie bestellen Kaffee und Schinkensandwich oder «en Halbe Cola». Wirt René Schwarz ruft hinter der Kaffeemaschine hervor: «Morgä! Alles guet?» Es habe scheints noch einen Schneesturm gegeben, «hender’s au ghört?»

Nachdem die Büezer bezahlt haben, bleibt Zeit für einen Schwatz mit dem Reporter. Die Lage habe sich etwas beruhigt. Aber die Leute, die im Spitzbirrli-Quartier wohnten, dort, wo am 21. Dezember 2015 vier Menschen ermordet wurden, hätten nach wie vor Angst. Weil man nicht wisse, wer es getan habe, und vor allem warum. «Viele denken: Mich hätte es genauso gut treffen können.»

Er versuche jeweils, seine Gäste zu beruhigen, ihnen die Angst zu nehmen. «Hach», seufzt René Schwarz, «wir sind doch umgeben von Mord, Totschlag, Krieg. Die heile Welt gibt es längst nicht mehr.» Für ihn bestehe sie aus etwas anderem. «Wir müssen einfach ehrlich zueinander sein, füreinander da sein, über alles reden. Das ist mein Rezept hier.»

Rupperswil Vierfachmord

Rupperswil Vierfachmord

Über einen Monat ist das Drama von Rupperswil her. Ein Kopfgeld könnte zu neuen Hinweisen führen und den Druck auf die Täter erhöhen. Ob die Staatsanwaltschaft ein solches aussetzt ist noch nicht klar. Würde dies überhaupt Sinn machen?

Die az berichtet an diesem Februarmittwoch über einen «Problem-Knoten». Weil die neue Verkehrsführung bei der Autobahnkreuzung Aaretalstrasse–A1 die Autofahrer verwirrt, kam Baudirektor Stephan Attiger extra an den Rupperswiler Gemeinderatstisch. «Unsere Anliegen wurden positiv aufgenommen», wird Gemeindeammann Ruedi Hediger zitiert. Ein paar Stunden später – Hediger steht gerade im Schnee von Grindelwald – sagt er in sein Mobiltelefon: «Ja, es gibt jetzt auch wieder andere Themen.»

Grundsätzlich interessiere nach wie vor, wer die Täterschaft gewesen sei, welches Motiv sie hatte. «Das wird alle hier so lange interessieren, bis man es weiss. Aber die schreckliche Tat ist nicht mehr immer gleich das erste Thema.» Und dann sagt der Ammann einen Satz, der wohl für das ganze Dorf stimmt: Nach den Trauergottesdiensten von Mitte Januar sei «etwas Normalität eingekehrt».

Noch nicht vorbei
Auf dem Friedhof vor der reformierten Kirche tragen die Bäume keine Blätter. Die Sonne scheint, wird aber immer wieder von vorbeifliegenden Wolken verdeckt. «Simona Fäs, 1994–2016» steht auf einem Holzkreuz. Über dem Grab liegen feuchte Tannenzweige, dazwischen stehen Kerzen, frische Rosen, ein Gruss von den Grosseltern. Etwas weiter hinten zeigen drei Steintafeln, wo die Asche von Carla, Davin und Dion Schauer vergraben wurde. Tulpen und Narzissen blühen erfolgreich gegen den schwachen Winter an.

Ein Wimpel des FC Rupperswil wurde niedergelegt, geschützt von einer Plastikfolie. Unter dem Vereinslogo steht: «Weil Fussball Freude macht». Mit Signierstift hat eine trauernde Familie darauf geschrieben: «Letzter Gruss euch allen». Ein kalter Wind geht, sein Rauschen in den Ästen ist das einzige Geräusch. Dann knistert es vom Kiesweg her. Ein gelber Lieferwagen fährt zum Kirchgemeindehaus: «Die Post – Pakete kommen immer gut an». An diesem Tag trägt der Pöstler nicht bloss Bestellungen aus, sondern auch etwas Normalität.

Vierfachmord: Wie geht es den Angehörigen?

Vierfachmord: Wie geht es den Angehörigen?

Ein 7-köpfiges Care-Team widmet sich den Hinterbliebenen des Gewalttat von Rupperswil. Tele M1 trifft den Leiter zum Interview.

Der 4. Januar war der erste Schultag nach den Weihnachtsferien – der erste nach dem Schock. In einem Elternbrief schrieben die Schulleitungen von Primarschule und Oberstufe: «Als Eltern haben Sie Ihre Kinder im familiären Umfeld in den vergangenen Tagen bestens unterstützt. Dafür sind wir sehr dankbar.» Der Vorfall habe «uns alle tief erschüttert». Man werde «die Möglichkeit für klasseninterne Gespräche» bieten und wolle «im schulischen Umfeld Sicherheit vermitteln».

Heute sagt Primarschulleiter Martin Bolli: «Es war ein Riesenglück für uns, dass es nicht während des Schulbetriebs passierte.» Die Kinder hätten so Zeit gehabt, das Unfassbare zu Hause mit ihren Familien zu fassen versuchen. Die Schulsozialarbeiterin habe zwei Wochen lang grossen Einsatz geleistet, Familien betreut. Und: Er bewundere die Kinder, weil sie noch die Gabe besässen, in der Gegenwart zu leben. «Was gestern war und morgen sein wird, interessiert sie viel weniger als uns Erwachsene.»

Der Gedanke, dass man die Täter noch nicht gefasst habe, schwinge zwar nach wie vor mit. Doch weil 90 Prozent des Lehrerteams auswärts wohnten, könne man damit gut umgehen: «Wir reden darüber, nehmen es am Abend aber nicht mit nach Hause.» Als Nächstes stehen die Skilager an. Und Bolli sagt: «Es ist zwar noch nicht vorbei, aber wir haben wieder Normalbetrieb.»

«S’Läbe goht halt wiiter»
Im Volg legt Frau Keller* zwei Familienpackungen Glace und einen Liter Milch aufs Kassenband. Die Ladenleiterin begrüsst sie mit Namen, sie hat drei volle Sammelkarten dabei. Treueaktion «Glänzende Aussichten»: italienische Glasprodukte der Marke Leonardo, «bis zu 69 Prozent Rabatt». Frau Keller bestellt drei Blumenvasen. Vor der Schiebetür auf den Vierfachmord angesprochen, sagt sie etwas verunsichert: «Darüber will ich nichts sagen.» Und dann, nach der Zusicherung, dass es nicht um Spekulation, sondern um Verarbeitung geht: «Es ist immer noch Thema im Dorf. Die Leute fühlen sich unsicher. Wenn man mindestens wüsste, warum das passierte!»

Solange man die Tat keinem Motiv zuordnen könne, würden viele denken, es hätte «grad so gut mich treffen können». Und jetzt sei auch noch «so ein Mail» herumgegangen. Was sie damit meint: Klaus F.*, ein deutscher Hobby-Ermittler, verschickte vor einigen Tagen ein Mail an alle Rupperswiler, von denen er die Adressen im Internet fand.

FC, STV, Schiessverein – Schule, Gemeinde, Presse: Alle haben die verstörende Nachricht erhalten. Klaus F. behauptet, die Ermittler stünden «auf dem Schlauch», aber er traue sich zu, «mit einem Geistesblitz recht zu behalten». Streut eine eigene Theorie, sagt, er stütze sich auf «Logik und Plausibilität».

Frau Keller hat das Mail auch erhalten, aber sofort gelöscht. «Ich kannte den Absender nicht. So etwas will ich nicht lesen.» Das Auto verriegle sie jetzt immer von innen. Wenn sie alleine daheim sei, lasse sie nach dem Waschen das Kellerfenster nicht mehr offen. «Aber irgendwie müssen wir weitermachen. S’Läbe goht halt wiiter.»

Thomas Wassmer, seit 12 Jahren Präsident des FC Rupperswil, sitzt im Sitzungszimmer seines Arbeitgebers in Hunzenschwil. Es ist 12.30 Uhr, er hat gerade etwas gegessen. Vor dem Treffen hatten er und seine Vorstandskollegen sich gut überlegt, ob sie dieses wollen.

«Jetzt, da endlich etwas Ruhe eingekehrt ist, wollen wir nicht, dass ein neuer Artikel wieder alles hervorholt», sagt Wassmer. Aber da es darum gehe, wie man zurück zur Normalität finde, mache man gerne mit. Wassmer sagt, die 1. Mannschaft, bei der Dion (19) zuletzt gespielt hatte, sei nach dem Schock «zusammengestanden, mehr oder weniger geräuschlos». Alle hätten gewusst, dass man füreinander da sei, ohne Worte. Auch Davin (13) hatte beim FCR das Fussballspielen gelernt, galt wie sein Bruder als «grosses Talent».

Die Mutter war oft an den Spielen. 60 Mitglieder nahmen an der Trauerfeier für die Familie teil, auch viele Ehemalige, die jetzt bei anderen Vereinen tschutten. Jetzt ist man im FC froh, dass bald die Rückrunde beginnt, dass neben zwei bis drei Trainings pro Woche nicht mehr zu viel Zeit zum Nachdenken bleibt.

Der Präsident sagt es so: «Sport ist immer noch das beste Mittel, um den Kopf zu leeren.» Er sei selbst oft im Dorf unterwegs gewesen, auch im Spitzbirrli. Wenn es Einladungen für die Mitglieder zu verteilen gab, nahm er seine Tochter mit, die Briefe im Velokörbchen. «Aber seit es passiert ist, war ich nicht mehr da oben. Mich braucht es dort nicht.»

Auch wenn seine Worte klar sind, zittert die Stimme jetzt. Der Blick driftet ins Leere. Dann sagt er, wieder gefasst, gar entschlossen: «Wir haben 60 Aktive und 210 Junioren, Schiedsrichter, Funktionäre. Wir haben die Verpflichtung, den Ablauf der Saison voranzutreiben. Das hilft uns.» Durchhalteparole und Optimismus in einem.

Rupperswil: eine Gemeinde, die froh ist, wenn sie so bald wie möglich nicht mehr als gefährlich und tieftraurig Schlagzeilen macht. Sondern einfach wieder ein sympathisches Dorf ist. Und keine Zeugenaufrufe mehr an den Wänden kleben. *Namen geändert