Lenzburg

Warum Kerzenwachs im Haar die grösste Ehre war

Beatrice Burgherr als 17-Jährige im Austauschjahr in Schweden. Die Kerzen haben ihr in die Haare getropft.

Beatrice Burgherr als 17-Jährige im Austauschjahr in Schweden. Die Kerzen haben ihr in die Haare getropft.

Am 13. Dezember feiern die Skandinavier das Lichterfest Lucia. Beatrice Burgherr erhielt in ihrem Austauschjahr 1977 in Schweden die wichtigste Rolle im traditionellen Lichterfest.

Regelmässig geben die Menschen in den skandinavischen Ländern an, die glücklichsten auf der Welt zu sein. Trotz ­monatelanger Kälte und wenig Tageslicht. Doch die Norwegerinnen und Schweden haben ­gelernt, mit dem Winter umzugehen.

Wenn draussen das Licht fehlt, holen sie es sich ins Haus. Sie zünden unzählige Kerzen an und machen es sich zu Hause gemütlich. Nicht umsonst wurde aus dem dänischen Wort Hygge vor ein paar Jahren eine universelle Anleitung zum Glück.

Ihr wurde eine grosse Ehre zuteil

Am 13. Dezember, feiern die Skandinavier Lucia, das Lichterfest. Eine wunderschöne Tradition, die mit Kerzenlicht und Gesang die Winternacht erhellt. In Schulen und Vereinen versammeln sich die Menschen, um dem Chor von weiss gewandeten Sängerinnen und Sängern zuzuhören, die ­traditionelle Lucia-Lieder vortragen.

Als die Lenzburgerin Beatrice Burgherr 1977 ein Austauschjahr in Stockholm verbrachte, lernte sie den Brauch kennen. Ihr wurde eine grosse Ehre zuteil: Sie wurde als Lucia ausgewählt. Die Lucia trägt einen Kranz mit brennenden Kerzen auf dem Kopf und führt die Prozession an.

«Ich durfte die Lucia sein, weil ich das Austauschjahr meine einzige Gelegenheit war», sagt die Präsidentin der Lenzburger Kulturkommission. In Stockholm besuchte sie ein Musikgymnasium. Am 13. Dezember zogen die Schülerinnen und Schüler jeweils durch die Altersheime und hatten auch einen Auftritt in der Kirche, bei dem die Eltern dabei sein konnten. Lucia ist ein Gemeinschaftsfest, das ausserhalb der privaten Stube stattfindet.

Die heilige Lucia singt nicht mit

Beatrice Burgherr erinnert sich noch bestens an ihren Auftritt als Lucia; die festliche Stimmung, die schönen Lieder. «Mir haben die Lieder so gut gefallen, dass ich lauthals mitgesungen habe», sagt sie. Und muss herzlich lachen. Denn erst als sie abends wieder zu Hause war, nach mehreren Auftritten als Lucia, hat ihre Gastmutter ihr gesagt, dass die Lucia eigentlich nicht singe.

Die Schweizer Austauschschülerin wusste das natürlich nicht und ihre Gspändli hielten sich mit Kritik zurück. Vermutlich soll die Lucia im Sinn einer Heiligen ganz hold und still daherkommen. Das hat Beatrice Burgherrs Erinnerungen an Lucia aber keineswegs getrübt. Noch heute singt sie ohne zu Zögern schwedischen Lucialieder vor.

Beim Brauch des Lucia- Fests, der in Schweden besonders ausgeprägt ist, kommen verschiedene Wurzeln zusammen. In vorchristlicher Zeit war der 13. Dezember die längste Nacht des Jahres. Mit einem Lichterfest feierten die Schweden die Wintersonnenwende und den Lauf des Jahres.

Es gibt auch eine traditionelle Verköstigung

Mit der Christianisierung bekam das Fest einen südländischen Touch: Der 13. Dezember ist der Gedenktag der heiligen Lucia. Die Melodie des Liedes «Santa Lucia», das heute in Skan­dinavien an jeder Lucia-Feier gesungen wird, ist ursprünglich ein Lobgesang auf den neapolitanischen Fischerhafen Borgo Santa Lucia.

Der schwedische Liedtext beschreibt, wie ­«Sankta Lucia» mit Kerzenglanz die Dunkelheit vertreibt. Abgesehen vom Namen ist die religiöse Bedeutung heute eher gering. Wie es sich gehört für ein Fest, gibt es auch eine traditionelle Verköstigung.

Schnaps als Kälteschutz

Am 13. Dezember isst man Lussekatter, das sind Hefeteigbrötchen in S-Form, die mit Safran gelb gefärbt wurden. Dazu gibt es Glögg, skandinavischen Glühwein mit «Brännvin» – Schnaps – als Kälteschutz.

Beatrice Burgherr brachte den Lucia-Brauch mit in die Schweiz und hat für ihre Mitschüler Lussekatter gebacken. Während ihres Nordistik-­Studiums gehörte das Fest zum fixen Curriculum.

Auch dass ihre Gastmutter ihr mühsam das Kerzenwachs wieder aus den Haaren bürsten musste, trübte ihre Freude nicht. «Eine Nebenerscheinung», sagt sie lachend.

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