Lenzburg
Wegen Pensionierung: Das «Theaterschöneswetter» löst sich Ende Jahr auf

Nach der 20. Auflage fällt der Vorhang über den Theatertagen Lenzburg. Theatermann Mark Wetter hat keinen Nachfolger für sein Werk gefunden. Der Verein wird aufgelöst. Ein Rückblick.

Ruth Steiner
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Mark Wetter stellt die Requisiten für seine Theaterstücke selber her. Seine Werkstatt ist vollgestopft mit Erinnerungen an die vergangenen 20 Jahre. Chris Iseli

Mark Wetter stellt die Requisiten für seine Theaterstücke selber her. Seine Werkstatt ist vollgestopft mit Erinnerungen an die vergangenen 20 Jahre. Chris Iseli

Chris Iseli

Auf den ersten Blick mutet es im Raum nach einem heillosen Durcheinander an. Auf langen Gestellen lagern aufeinandergestapelte Karnevalsmasken, unzählige Dosen und Flaschen, Stoffe quellen aus Kisten am Boden. An einem Haken hängen Engelsflügel mit ramponierten Hühnerfedern, daneben eine Ukulele. Beine baumeln daran. Mit wenigen Handgriffen hat der Lenzburger Theatermann Mark Wetter dem Instrument Leben eingehaucht. Bei einigen Requisiten mag sich Wetter an deren Geschichte erinnern. Bei anderen überlegt er, schüttelt den Kopf und sagt: «Jesses, das ist lange her.»

Vor sich auf der Werkbank hat Mark Wetter eine Kopfbüste aus Styropor, in einem Glasbehälter stecken grell orangefarbene Plastik-Rüebli. Verraten sie etwas über das neue Theaterstück «Besuch beim Hasen»? Wetter zuckt die Schultern, noch weiss er nicht so recht, was er mit den Karrotten anfangen soll. «Die Geschichte ist erst am Entstehen», sagt er. Mit der Aufführung für Kinder ab drei Jahren und Erwachsene wird sich Theaterschöneswetter von den Lenzburger Theatertagen verabschieden.

Die 20. Theatertage vom 7. bis 11. Juni im alten Gemeindesaal und unter den Arkaden beim Metzgplatz in Lenzburg sind die letzten. Das Ende ist ein angekündigtes. Mark Wetter hat das bereits vor zwei Jahren so beschlossen. Damals hatte der Theatermann das Pensionsalter erreicht. Und mit seiner Pensionierung ist der Anspruch von Theaterschöneswetter auf Unterstützungsbeiträge durch das Aargauer Kuratorium erloschen. Der Verein hat damit seine finanzielle Existenzgrundlage verloren. Vor wenigen Tagen wurde er aufgelöst (siehe Text unten). Nicht ganz ohne Tränen.

Verein Theaterschöneswetter wird Ende Jahr aufgelöst

Mit den 20. Theatertagen Lenzburg 2017 beendet Mark Wetter seine Bühnenpräsenz, und damit ist auch der Trägerverein Theaterschöneswetter am Ende eines Weges. Die Generalversammlung vom 10. Mai beschloss einstimmig die Auflösung auf Ende 2017. Mit 20 (von insgesamt 133) Mitgliedern war dieser letzte Akt «überdurchschnittlich besucht», wie Präsident Beat Troller festhielt. Wichtiger war die finanzielle, substanzielle und ideelle Unterstützung des Lenzburger Theatermachers Wetter. Der Verein war 2002 gegründet worden, um die Voraussetzungen für Unterstützungsgelder des Aargauer Kuratoriums zu generieren, ein erfolgreiches Unternehmen. Um einen rechtsgültigen Entscheid fällen zu können, brauchte es vorerst eine ausserordentliche Generalversammlung zur Abänderung des ursprünglichen Statutentextes, welcher für die Auflösung die Anwesenheit von «mindestens der Hälfte der Vereinsmitglieder» und zum Beschluss eine Zweidrittelmehrheit forderte. Da dies – siehe oben – eine Illusion war, genügte nun die Zweidrittelmehrheit der Anwesenden. Somit war innert Kürze das Ziel erreicht. Die finanzielle Lage erlaubte dem Verein, für dieses Jahr auf die Mitgliederbeiträge zu verzichten.

Nach der Durchführung der letzten Theatertage, zumindest unter der Marke «Theaterschöneswetter», und des «Theaterfunkens» für die Schüler wird abgerechnet, der «Wetterbericht» mit Nummer 31 abgeschlossen und die Website «entschlackt». Das Inventar soll an einem Flohmarkt verhökert werden. Was vom Vereinsvermögen übrig bleibt, wird Mark Wetter für weiteres Schaffen überlassen. Was bleibt, sind gegenseitig schöne Erinnerungen an das kollegiale Zusammenwirken mit dem Künstler, welcher vor und hinter der Bühne unermüdlich mit grossem Enthusiasmus gewirkt hat und vorerst mit einem Beitrag des Kuratoriums einen Berliner Aufenthalt geniessen wird. (HH.)

Es begann im Güterschuppen

Dass sich die Theatertage zu einem Publikumsmagneten im kulturellen Geschehen der Stadt entwickeln würden, war so nicht vorhersehbar. Damit hat auch Mark Wetter nicht gerechnet, als er vor 20 Jahren seine erste Veranstaltung organisierte. Im Güterschuppen beim alten Stadtbahnhof wurden die Theatertage sozusagen «per Zufall aus der Taufe gehoben», erinnert sich Mark Wetter. «Als Gäste dabei waren Künstler wie Christine Lauterburg und Pedro Lenz.» Gespielt wurde auf einer improvisierten Plattform, für die Wetter eigenhändig 120 Holzpaletten hergekarrt und mit ihnen behelfsmässig eine Zuschauertribüne eingerichtet hatte. Wetter schmunzelt. «Alles war ein wenig ‹handglismet›.» Doch das Publikum war begeistert und die Theatertage waren geboren. Eine erste Zäsur kam schon nach den ersten Aufführungen. Das alte Lenzburger Stadtbahnhöfli und mit ihm der Güterschuppen mussten dem Bau der Kerntangente weichen. Die Theatertage verloren ihr «Zuhause».

Intermezzo im Kerntangententunnel

Wetter wäre jedoch nicht Wetter, wenn er in diesem Umbruch nicht auch eine Chance gesehen hätte. Die Kerntangente stand noch im Bau, als der Angelraintunnel kurzerhand zum Spielort umfunktioniert wurde. Dann zügelte Theaterschöneswetter mit seiner Veranstaltung an den Metzg- platz. Im alten Gemeindesaal und unter den Arkaden wurden Veranstaltungen in den vergangenen Jahren weiter entwickelt und professionalisiert. Seine eigenen Produktionen hat der Theaterverein stets mit Gast-Theaterbeiträgen ergänzt. Einer der Höhepunkte in den letzten zwei Jahrzehnten waren für Wetter die «Sommernachtsträume». Für das Urban-Gardening-Projekt an den Theatertagen vor zwei Jahren war der Metzgplatz in einen blühenden und spriessenden Pflanzplätz verwandelt worden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Als ehemaliger Lehrer spielt Mark Wetter am liebsten vor Kindern. «Sie sind ein dankbares Publikum. Sie leben mit und sind neugierig auf das, was auf der Bühne passiert.» Er selber kam nicht auf die Rechnung, als er als junger Lehrer vor der Klasse stand. «Das Klassenzimmer ist nicht meine Welt», musste er feststellen und suchte für sich eine neue Bühne. An der renommierten Mimenschule «Ecole Jacques Lecoq» hat er sich zum Mimen ausbilden lassen. Damit war der Grundstein für die spätere Theaterkarriere gelegt.

Die 20. Theatertage sollen die letzten sein. Und trotzdem ruht in Mark Wetter die leise Hoffnung, dass das letzte Kapitel der Theatertage Lenzburg noch nicht geschrieben ist. «Das Interesse am Festival geht über die Stadtgrenzen hinaus, hat sogar nationale Bekanntheit. Vielleicht findet sich doch noch jemand, der die Veranstaltung weiterführt.» Für die letzte Auflage hat Mark Wetter noch einmal viele Gastspieler aufgeboten, die ihm besonders am Herzen liegen (siehe Programm in Textbox).

Theater-Programm 7. bis 11. Juni

Mittwoch, 7. Juni:

- 18.30 Uhr: Eröffnung mit der Big Band Stadtmusik; 20 Uhr: Theater Marie, Zersplittert.

Donnerstag, 8. Juni:

- 10.15 Uhr: Theaterschöneswetter; Besuch beim Hasen (für Kinder ab 3 Jahren und Erwachsene); 20 Uhr: Vorstadttheater Basel, Herr Macbeth oder die Schule des Bösen.

Freitag, 9. Juni:

- 10.15 Uhr: Jörg Bohn, Bruno aus Bovolino (für Kinder ab 5 Jahren und Erwachsene); 20 Uhr Bern ist überall.

Samstag, 10. Juni:

- 20 Uhr: Kollektiv 20-14, Lokalbericht. Von Hermann Burger.

Sonntag, 11. Juni:

- 9.30 Uhr: Frühstück und Mitmach-Atelier; Pop-up, Papier-Theater für Zwerge;

- 11.30 Uhr: Play Back Produktionen, Frerk, du Zwerg! Familienvorstellung. Kinder ab 6 Jahren.

Vorführungen im alten Gemeindesaal und unter den Arkaden in Lenzburg.

Täglich Theaterbar: Essen und Grill ab 18 Uhr und nach den Vorstellungen unter den Arkaden des alten Gemeindesaals.

Reservation und Vorverkauf: Tourismus Lenzburg Seetal, Kronenplatz, Lenzburg, 062 886 45 42, Theaterkasse eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

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