Lenzburg

Wenn sich zwei Brüder streiten – Bezirksgericht muss in einem ungewöhnlichen Fall urteilen

Der Saal des Bezirksgerichts Lenzburg.

Der Saal des Bezirksgerichts Lenzburg.

Ein aussergewöhnlicher Fall vor Bezirksgericht Lenzburg, bei dem es um mehr geht als einen Grenzzwist zwischen zwei Nachbarn.

Wenn sich zwei streiten, sind es manchmal Nachbarn. Davon können Richter und Anwälte ein Lied singen. Unter Einfamilienhausbesitzern hat der Verlauf der Grundstückgrenzen grosses Konfliktpotenzial. Damit einhergehend die Begrünung. So wie in diesem Fall vor Bezirksgericht Lenzburg, der mit einem Augenschein in einem Dorf in der Region begann. Privatkläger und Beschuldigter sowie Gerichtspräsident Daniel Aeschbach begutachteten intensiv eine Hecke am Rande eines Grundstücks.

Hier hat der Beschuldigte an einem Morgen im Sommer 2017 von einer Firma mehrere Bäume und Sträucher am Gartenrand entfernen lassen. Das Problem: Die Pflanzen befanden sich zum Teil auf dem Grundstück des Privatklägers, wie dieser beim Augenschein anhand von Grenzpunkten und Baumstümpfen demonstrierte.

Empört stand er in seinem Garten und berichtete, wie er an diesem Tag einen Anruf im Geschäft erhielt. «Mir wurde gesagt, da seien Leute mit Motorsägen auf meinem Grundstück, die alles abhauen.» Der Beschuldigte stellte sich während des Augenscheins ausserhalb des Grundstücks auf einen Kiesweg. «Ich beantworte keine Fragen der Gegenpartei», sagt er jedes Mal, wenn ihn der Anwalt des Privatklägers etwas fragt.

Verletzte Gefühle mit gefällten Bäumen ausdrücken

Die beiden Streithähne sind nicht nur Nachbarn, sondern auch noch Brüder. Brüder, die nicht mehr miteinander reden und verletzte Gefühle mit gefällten Bäumen ausdrücken. Der Beschuldigte, ein pensionierter Handwerker, wirkt bodenständig. Der Privatkläger kommt in seinen teuren Turnschuhen und dem weissen Polohemd etwas geschliffener daher. Der Grund für den Bruderstreit liegt offenbar in einer erbrechtlichen Auseinandersetzung.

Im Gerichtssaal schätzt der als Privatkläger auftretende Bruder im Gerichtssaal den entstandenen Schaden auf 40 000 Franken. «Da waren 36-jährige Bäume dabei», sagte er. Die Bäume seien gefühlsmässig schon immer auf seinem Land gestanden, ein Geometer habe ihm das bestätigt.

«So was tut man nicht, ohne zu fragen», sagte er. Der beschuldigte Bruder dagegen ist sich keines Vergehens bewusst. Er habe seinen Bruder über die bevorstehenden Gartenarbeiten informiert – mit einem eingeschriebenen Brief. Der andere Bruder hat ihm darauf ebenfalls schriftlich angekündigt, dass er sich strafbar mache, falls er Pflanzen auf dem Grundstück entfernen liesse.

Konsequent zeigte er ihn nach der Tat wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung an. Das Strafmass lag bei einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 140 Franken und einer Busse von 2200 Franken, dazu kommt eine Strafbefehlsgebühr von 1200 Franken. Der Streit der beiden Brüder scheint zur Normalität geworden zu sein, beide zeigen vor Gericht keine auffälligen Emotionen, niemand wird laut.

Metaphysisches Dickicht wird noch undurchdringlicher

«Ich habe dem Gärtner gesagt, er soll alles, was auf meinem Grundstück ist, entfernen.» Bei dieser Aussage blieb der beschuldigte Bruder, egal welche Fragen gestellt wurden. Der Gärtner, der vom Privatkläger ebenfalls angezeigt wurde, behauptet seinerseits, nur gemacht zu haben, was der Beschuldigte verlangt habe. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.

Der Gerichtspräsident sprach den beschuldigten Bruder frei. Zwar können Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung auch in mittelbarer Täterschaft begangen werden. «Doch die Crux ist, dass nicht nachgewiesen werden kann, ob mit Vorsatz gehandelt wurde», sagte Aeschbach.

Für die Schadenersatzforderungen verwies er den Kläger auf den Zivilweg. In den Akten befindet sich ein Bild, das zeigt, wie kahl es nach dem Einsatz der Gärtner an der Grundstücksgrenze aussah. Mittlerweile sind die Büsche zurückgewachsen. Und auch das metaphysische Dickicht zwischen den Brüdern dürfte mit dieser Episode nur noch undurchdringbarer geworden sein.

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