Gerichtspräsident Daniel Aeschbach haut mit seinem Holzhammer viermal auf den Resonanzkörper. Die Urteilsverkündung ist eröffnet. Der Richter gibt mit seinen Hammerschlägen, die aus einer vermeintlich längst vergangenen Zeit stammen, den Takt einer emotionalen Woche vor. Zum Soundtrack gehört das Rauschen der Laptop-Tastaturen, das die 65 Journalisten bei jedem markanten Satz anschwellen lassen. Bei manchen Aussagen des Vierfachmörders geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Dazwischen rascheln die Taschentücher, mit denen Tränen getrocknet werden.

Richter Aeschbach zählt die neun Anklagepunkte auf, welche die unfassbare Tat zumindest juristisch fassbar machen: von Mord bis Brandstiftung. In allen Punkten wird er für schuldig erklärt. Das Gericht verhängt die härteste Strafe des Gesetzbuches, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, und die zweithärteste mögliche Massnahme, eine ordentliche Verwahrung.
Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Thomas N. im Gefängnis sterben wird. Nach 15 Jahren ist bei guter Führung eine bedingte Entlassung möglich, wobei die zwei bisherigen Haftjahre angerechnet werden. Doch dann beginnt für N. die Verwahrung. Er wird nur entlassen, wenn Psychiater ihn nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft einstufen.

So erlebten der Angeklagte Thomas N., die Angehörigen und die Zuschauer der Opfer den letzten Prozesstag

So erlebten der Angeklagte Thomas N., die Angehörigen und die Zuschauer der Opfer den letzten Prozesstag

Lebenslängliche Haft mit ordentlicher Verwahrung: Das Urteil für den Vierfachmörder Thomas N. sorgt nicht bei allen Zuschauern des Prozesses für Zustimmung. Viele hätten sich die Höchststrafe für den Verurteilten gewünscht.

Opfer wurden «geschächtet»

Gerichtspräsident Aeschbach beschreibt, wie die Tat ihren Lauf nahm: «Es war, wie wenn sich N. in ein Fahrzeug setzte, bei dem er zuvor die Bremsen entfernt hatte, und dann den Autopiloten einschaltete. Er fuhr auf den Highway des Grauens und beschleunigte langsam von null auf tausend.» Ein Adverb genügt nicht zur Beschreibung. Er habe kaltblütig getötet, primitiv und krass egoistisch, mitleid- und empathiefrei. Besonders grausam sei, was Simona (†21) als Letztes in ihrem Leben gesehen habe: die Hinrichtung ihres Freundes, mit dem sie zuvor die Nacht verbracht hatte. Aeschbach kommentiert die vier Tötungen durch Kehlenschnitte: «Die Opfer wurden regelrecht geschächtet.»

Aeschbach lässt die Momente nach der Tat Revue passieren: «Er ging duschen und anschliessend mit seiner Mutter und den Hunden spazieren. Am Abend ging er mit Freunden in den Ausgang.»

Die Tat war drei Tage vor Weihnachten. In N. habe es in dieser Zeit wieder «gerattert», sagt Aeschbach. Der Täter habe die nächste Tat geplant. Er habe sie sogar optimieren wollen und sich deshalb Seile für die Fesselung besorgt. Einer der Brüder hatte sich von den Kabelbindern befreien können. Dann schnitt ihm N. die Kehle durch. Das Gericht sieht wie die Gutachter Anzeichen einer Serientäterschaft und stuft auch die Vorbereitungshandlungen für ähnliche Verbrechen in den Kantonen Solothurn und Bern als strafbar ein.

Dass das fünfköpfige Gericht bei der Freiheitsstrafe die Höchststrafe wählt, ist nicht überraschend. Verteidigerin Senn forderte 18 statt 20 Jahre und machte strafmildernd geltend, dass Behörden und Medien ihren Klienten vorverurteilt hätten und «ihm die Opfer in die Karten gespielt» hätten. Sie hätten sich einfach manipulieren lassen. Dieses Argument sorgte diese Woche für den Gipfel der Empörung. Sogar das Gericht tadelt sie dafür: «Es erscheint bizarr-grotesk, die Schuld den Opfern oder der Polizei zuzuschieben.»

Das Gericht ist gespalten

Die grosse juristische Frage, welche noch weitere Instanzen beschäftigen könnte, ist jene nach der Verwahrung. Gemäss Präsident Aeschbach ist das Bezirksgericht diesbezüglich gespalten. Voraussetzung für eine lebenslängliche Verwahrung ist, dass zwei Gutachter den Täter als untherapierbar einstufen. Die Psychiater diagnostizierten N. eine Kernpädophilie und eine zwanghafte oder narzisstische Persönlichkeitsstörung. Damit erklären sie den sexuellen Übergriff auf den Buben, N.s Hauptmotiv. Danach habe er die Familie getötet, um die Tat zu vertuschen. Das sei typisch für einen Narzissten: Um sich selber vor einem Gesichtsverlust zu bewahren, tötet er vier Menschen.

Staatsanwältin Barbara Loppacher hingegen sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen der Diagnose und den Tötungen. So hat sie N. kurzerhand für untherapierbar erklärt und eine lebenslängliche Verwahrung gefordert.

Staatsanwältin Barbara Loppacher tritt nach dem Prozess vor die Medien

Staatsanwältin Barbara Loppacher tritt nach dem Prozess vor die Medien

«Ich denke das ist ein gutes Urteil.»

Präsident Aeschbach sagt, das Gericht habe das Argument der Staatsanwältin einstimmig als interessant eingestuft. Doch eine Mehrheit habe es nicht statthaft gefunden, dass sie Rosinen herauspicke. Sie hätte ihre Erklärung den Gutachtern vorlegen müssen, was sie aber wohl bewusst nicht getan habe.

Aeschbach beendet die Urteilsverkündung mit vier Hammerschlägen. An den ersten beiden Prozesstagen war die Pause dazwischen kurz. Für das Finale hält er zwischen jedem Schlag kurz inne. Danach geht das Geratter los. Die Selfiesticks werden ausgefahren. Vor den Mikrofonen entsteht Gedränge. Eine Journalistin von «20 Minuten» hat sich zwar einen Platz in der ersten Reihe besetzt, doch sie wird weggeschubst. «Wie Hühner», ruft sie.

Urteil im Rupperswil-Prozess – die Reaktionen von Beteiligten und Rechtsexperten:

Alle sind erleichtert

Staatsanwältin Barbara Loppacher tritt vor die Handykameras: «Unser Ziel war, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe zu bekommen. Das ist gelungen.» Dass sie mit ihrem Antrag für eine lebenslängliche Verwahrung nicht durchgekommen ist, scheint sie zu akzeptieren: «Der Täter bleibt sicher längere Zeit, wo er jetzt ist. Ich denke, das ist gut so. Ich bin überzeugt, dass dieser Mann sehr, sehr gefährlich ist, und ich glaube nicht, dass die ambulante Massnahme daran etwas ändern wird.» Deshalb sei der Entscheid des Bezirksgerichts richtig. Die Erleichterung sei gross: «Sehr viele Leute bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft haben akribisch auf diesen Tag hingearbeitet, wochenlang, monatelang.»

Verteidigerin Senn: "Es ist ein hartes Urteil gefallen."

Verteidigerin Senn: "Es ist ein hartes Urteil gefallen."

Der vierfache Mörder von Rupperswil wird ordentlich verwahrt. Die Verwahrung schliesst sich an eine lebenslängliche Freiheitsstrafe an, die das Bezirksbericht Lenzburg am Freitag verhängt hat. Verteidigerin Renate Senn spricht von einem harten Urteil. Sie hatte eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren gefordert. Senn in den Medien kritisiert, den Opfern eine Mitschuld gegeben zu haben.

Auch Verteidigerin Senn gewinnt dem «harten Urteil» Positives ab. Die Verwahrung sei zwar «schwer nachzuvollziehen». Doch ihr Klient sei «sehr glücklich», endlich eine Therapie zu erhalten. Ob sie das Urteil anficht, liess sie offen. Sie könnte fordern, dass therapeutische Massnahmen genügen würden. Das Gericht entschied sich dagegen, da dabei ein Therapieerfolg in weniger als fünf Jahren realistisch sein müsste. Dies sei nicht der Fall.
Die Opferanwälte äussern sich ebenfalls erleichtert. Zum Beispiel Markus Leimbacher: «Für die Opferfamilien war wichtig, dass das Gericht einen Weg findet, damit der Täter nie mehr freikommt. Das dürfte mit der ordentlichen Verwahrung sichergestellt sein.» Die Anwälte danken sogar den Medien, für die «sorgfältige Berichterstattung». Dabei sind es die Opfer, die bei diesem Prozess zu kurz gekommen sind. Der Täter stand im Zentrum. Zu jedem Hammerschlag wurde seine Reaktion notiert.