Beinwil am See

Wie die Brüder Merz ihr Carunternehmen durch die Krise steuern

«Im Car wird nicht politisiert», sagt Unternehmer und SVP-Grossrat Christian Merz.

«Im Car wird nicht politisiert», sagt Unternehmer und SVP-Grossrat Christian Merz.

Die Nummernschilder sind abgegeben, die Chauffeure auf Kurzarbeit, der Notkredit hilft: Trotz ungewissen Aussichten bleibt man optimistisch.

Wenn im Büro von Merz Carrreisen in Beinwil am See dieser Tage das Telefon läutet, so ist längst nicht immer jemand am Draht, der seine gebuchte Reise annullieren will. «Es gibt Optimisten, die wollen jetzt unbedingt ihre Spargelfahrt buchen», sagt Christian Merz und schmunzelt. Doch Spargelfahrten führt das Reiseunternehmen diese Saison keine durch. Corona hat den Tourismus lahmgelegt. Merz hat die Car-­Kontrollschilder von drei grossen und einem Midi-Car beim Strassenverkehrsamt deponiert, die Mitarbeitenden sind auf Kurzarbeit. Wann rechnet er mit dem Neustart? Merz zuckt die Schultern. «Schwierig zu sagen. Im jetzigen Zeitpunkt ist das wie Kaffeesatzlesen.»

Der 59-jährige Christian Merz führt die Gebr. Merz AG Reisen & Transport AG in vierter Generation gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Ueli. Die beiden Männer sitzen hinter dem Steuerrad, die Ehefrauen Barbara und Ma­- rianne lenken die Administration. Und sie sind für die Goodies zuständig, mit welchen man bei Merz die Gäste unterwegs bei Laune hält. Mit etwas Glück schafft man es auf eine Fahrt, bei der im Car ein Apéro offeriert wird, oft mit Selbstgebackenem von den Merz-Frauen. Was über die kulinarische Unterhaltung an Bord des Cars hinausgeht, ist Sache des Chauffeurs. Es ist hinlänglich bekannt, dass Reise­buschauffeure über ein ansehnliches Repertoire an Witzen verfügen. Merz lacht. Sein Vater sei ein begnadeter Witzerzähler, ihm liege das weniger. Ist Christian Merz, seit 2017 im Kantonsparlament, unterwegs für eine politische Plauderei mit den Reisegästen zu haben? Er winkt kategorisch ab: «Im Car wird nicht politisiert. Gespräche in diese Richtung klemme ich sofort ab.»

Wäre die Saison nach Plan verlaufen, so sässe Christian Merz nicht im Seetal, sondern würde einen Car durch Spanien chauffieren, sein Bruder wäre in Südtirol.

Seit 1930 rollen Räder unter dem Namen Merz durch die Lande. Der Urgrossvater betrieb eine Velohandlung und eine Schlosserei. Schon bald wurde ein kleiner Ford-Lastwagen angeschafft. Urgrossvater Merz war ein gewiefter Unternehmer: An schönen Sommersonntagen montierte er Gartenbänke auf die Ladebrücke des Lastwagens. «Mit diesem ersten Freiluftcar wurden erste kleinere Ausflüge gemacht», ist überliefert. 1935 wurde der erste Reisecar angeschafft.

Die fünfte Generation der Familien-AG steht in den Startlöchern. Bei allen vier Kindern der beiden Familien sind die beruflichen Grundlagen für eine Weiterführung des Betriebs vorhanden. Vor drei Jahren ist Christians 29-jährige Tochter Jacqueline ins Unternehmen eingetreten.

Zögerliche Rückkehr zum normalen Carreisegeschäft

Bringt der Lockdown im Reisegeschäft den Familienbetrieb ins Schlingern? Über konkrete Zahlen spricht Merz nicht, doch scheint die Firma finanziell auf soliden Beinen zu stehen. Hinzu kommt, dass die Merz-Brüder nicht nur auf ein Standbein setzen, sondern mit acht Last­wagen als Transporteur für Dritte sowie mit dem Verkauf von Brenn- und Treibstoffen und Tankrevisionen, Letzteres mit einem Partner, über weitere Einnahmequellen verfügen. Diese Geschäftszweige konnten in den vergangenen Wochen aufrechterhalten werden.

Die Merz-Brüder haben schon zu Beginn des Lockdowns gehandelt. Auf Rat der Bank habe man einen Notkredit beantragt. «Jetzt sind wir froh über diese Liquidität. So konnten wir die Löhne unserer Mitarbeitenden fristgerecht bezahlen.» Acht Chauffeure und ein Lernender sind unter Vertrag.

Christian Merz rechnet nicht damit, dass die Carreisen bald wieder zum Normalbetrieb zurückkehren werden. «Ein ansehnlicher Teil unserer über 2000 Kunden gehört altershalber zur Risikogruppe.» Auch bei Firmen und Vereinen sowie den Schulen geht er von einer eher zögerlichen Rückkehr zum Ausflugsgeschäft aus.

Im Gespräch zeigt sich Christian Merz äusserst gefasst. Die Coronakrise scheint ihn nicht allzu stark aus der Balance zu bringen. Dieser Eindruck hat seinen Grund. «Wir haben am 26.Dezember 2004 den Tsunami in Sri Lanka hautnah erlebt, sind jedoch glücklicherweise unverletzt geblieben.» Die furchtbare Naturkatastrophe hat Merz und seiner Familie eine ganz neue Sicht aufs Leben gegeben, wie er sagt.

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