In jedem geraden Jahr wäre es wunderbar einfach, kritisch über das Lenzburger Jugendfest zu berichten. Dann findet das Manöver statt. Minderjährige marschieren in Kriegsmanier durch die Stadt, Erwachsene bemalen sich die Gesichter und alle schiessen einen Nachmittag lang mit historischen Karabinern in die Luft, ein Riesentheater.

Doch in den ungeraden Jahren feiert Lenzburg ein kleines, ruhigeres Jugendfest. Und trotzdem kommt das diesjährige Jugendfest im Beitrag vom SRF-Regionaljournal schlecht weg. «Die Einheimischen lieben ‹ihr› Jugendfest. Aber das ist nur die halbe Wahrheit», deckt ein Journalist auf.

Und präsentiert die andere Hälfte der Wahrheit: gestresste Mütter, übermüdete Erstklässler und ein wegen Blumen und Kleidchen strapaziertes Haushaltsbudget als Folge einer unbeugsamen Tradition. Ein Fest für die Jugend, ein Test für die Eltern?

Zugegeben, besonders für Familien bedeutet der Jugendfesttag einiges an Aufwand. Morgens muss die Jugend bekränzt und adrett eingekleidet werden und den ganzen Tag irgendwo abgeliefert oder abgeholt, fotografiert oder am Umzug bestaunt werden.

Richtig anstrengend wird es bei mehr als zwei Kindern. Doch vielleicht lässt sich das Jugendfest mit einer Hochzeit vergleichen, die ja auch als einer der stressigsten Tage im Leben gilt. Und gleichzeitig als der schönste. Und einen solchen Tag hat Lenzburg jedes Jahr.

«Familien sollen sich für das Jugendfest vernetzen»

«Ich kann nachvollziehen, dass das Jugendfest für Familien stressig sein kann», sagt Stadtrat Andreas Schmid, der diesjährige Jugendfestpräsident. «Aber Lenzburg wäre nicht Lenzburg ohne das Jugendfest.» Das Jugendfest stifte Identität, gerade mit seinen immer gleich bleibenden Traditionen.

Schmid, selber Familienvater, hat auch einen Tipp für gestresste Eltern: «Vernetzen Sie sich! Man findet nie so viel Hilfsbereitschaft in Lenzburg wie am Jugendfest.» Die Kleiderbörse sowie der Blumenmarkt und das Chränzle am Donnerstag seien kostengünstige Möglichkeiten für die Festgarderobe. Schmid sieht auch ein, dass den Schülerinnen und Schülern einiges zugemutet wird. «Wir geben aber auch viel zurück», sagt er.

«Die Jugend steht im Zentrum.» Vorabende von Montag bis Mittwoch, Spiele und 10 Gratis-Bons für den Lunapark. Der immer gleich bleibende Ablauf verstärke das Zusammengehörigkeitsgefühl. Dies dürften die Scharen von Exil-Lenzburgern /-innen bestätigen, die jedes Jahr für das Jugendfest zurückkommen, um diesen schönsten Tag zu erleben.

In der SRF-Sendung «10vor10» wurde Lenzburg der ganzen Nation als Bezirk mit den kürzesten Sommerferien – vier Wochen – präsentiert. Auch diese Besonderheit ist dem Jugendfest geschuldet, das eine Woche später als der Aarauer Maienzug stattfindet. Aber damit haben die Lenzburger keine Mühe: Die Schüler vergessen in vier Wochen weniger und freuen sich über drei Wochen Herbstferien.

In der Facebookgruppe «Du bisch vo Lenzburg wenn» gibt es viele Kommentare zum kritischen Beitrag. Der erste in klassischer Lenzburger-Manier: «Ich finde, man sollte genau nichts daran ändern.» Andere zeigen Verständnis für Neuzuzüger, betonen jedoch die identitätsstiftende Funktion des Jugendfests. Eine Frau, schreibt, dass sie als Kind frühmorgens freiwillig nach dem ersten Kanonenschuss aus dem Bett gehüpft sei.

Bleibt die Fränklerverteilung. Mit einer «untertänigen Verbeugung» holen die Schüler beim Mann im Frack einen Franken ab, heisst es im Radio-Beitrag. Die Geste ist tatsächlich etwas angestaubt. Bückling gegen Geld sollte nicht die Message sein, die man der Schuljugend mit auf den Weg gibt. Der Mann im Frack könnte durch eine Frau ersetzt werden. Und der Knicks durch einen Freudensprung. Schliesslich ist Jugendfest.