Grosser Rat
Leutwyler ist nicht allein – die erste Aargauer Grossrätin amtete auch nur drei Monate

Jean-Pierre Leutwyler ist nicht der Einzige: Schon einmal war ein Grossrat genau drei Monate im Amt. Marlene Bänziger war im Amtsjahr 1972/73 sogar die erste Aargauer Grossrätin.

Adrian Hunziker (Text und Foto)
Merken
Drucken
Teilen
Marlene Bänziger schaut gern auf ihre Amtszeit als Grossrätin zurück.

Marlene Bänziger schaut gern auf ihre Amtszeit als Grossrätin zurück.

Ab Januar 2013 übernimmt der parteilose Jean-Pierre Leutwyler für drei Monate den Grossratssitz von GLP-Politiker Peter Schuhmacher (Aargauer Zeitung vom Freitag). Dieses Szenario eines Kurzintermezzos im Parlament gibt es nicht zum ersten Mal. Denn die allererste Frau im Grossen Rat war ebenfalls nur für drei Monate im Amt.

Die heute 76-jährige Marlene Bänziger hat die Zeit als Grossrätin in guter Erinnerung: «Das war für uns natürlich ein riesiger Erfolg. Denn wir vom Frauenstimmrechtsverein strebten damals die Gleichberechtigung an.» Bänziger war im Verein zuerst als Kassierin und danach als Präsidentin aktiv. Dieser Umstand verhalf ihr letztlich auch zum Grossratssitz.

Neuer Rock für Vereidigung

Bänzigers Ehemann Walter sass insgesamt zwölf Jahre für die Gruppierung der freien Stimmberechtigten im Grossen Rat. Während seiner letzten Amtsperiode zog sich 1972 ein Grossrat der Partei zurück, da er aus dem Aargau zog. «Der erste Nachfolger auf der Liste wollte aber den Grossratssitz nicht übernehmen», schaut Bänziger zurück. So mussten die Wahlmänner jemanden bestimmen. Da drängte sich der Frauenstimmrechtsverein vor und Bänziger wurde vorgeschlagen. «Ich nahm die Wahl natürlich an, denn ich kämpfte ja damals seit acht Jahren für die Rechte der Frauen und die Gleichberechtigung», so Bänziger.

Als sie dann am Tag zur Vereidigung – «Ich hatte extra einen neuen Rock gekauft und hatte einen Blumenstrauss in der Hand.» – vor das Radio und Fernsehen trat, wurde die Feier abgeblasen. Obwohl die SP damals mitunter am meisten für die Frauen machte, war sie es, die eine Beschwerde gegen Bänzigers Wahl einreichte. «Das Stimm- und Wahlrecht war für Frauen in der Schweiz 1971 eingeführt worden, im Aargau bei meiner Wahl aber noch nicht», erklärt Bänziger. Letztlich ergab aber eine Untersuchung, dass das eidgenössische Recht vor dem kantonalen gelte und so wurde Bänziger doch noch vereidigt.

Sechs Sitzungen im Parlament

Nach drei Monaten musste sie ihren Posten aber wieder räumen. Denn für die neu anstehenden Wahlen fiel die Gruppierung der freien Stimmberechtigten auseinander und Bänziger schloss sich der Europäischen Union EU an. In dieser Gruppierung hatte sie aber keine Chance auf eine Wiederwahl. So nahm Bänziger insgesamt nur sechsmal an Sitzungen im Parlament teil.