Kölliken
Nur im gepanzerten Wagen darf man über den Sondermüll ruckeln

Die Arbeiten in der Sondermülldeponie Kölliken laufen wieder wie gewohnt. Ein Augenschein zeigt, dass die Sicherheitsvorkehrungen enorm sind. Nur mit Panzerfahrzeugen, geschützt durch Panzerglas, darf man durch die Mondlandschaft ruckeln.

Hans Lüthi
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Arbeiten in der Sondermülldeponie Kölliken
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Oben Proben aus Fässern mit der Fernsteuerung, unten zugedeckte Fässer und Container im Lager (rechts)

Arbeiten in der Sondermülldeponie Kölliken

Aargauer Zeitung

Mit einem Ruck verlässt das Spezialfahrzeug die Andockstelle, ähnlich einer Raumstation. Doch statt zu schweben, sind wir hier in der brutal harten Realität der Sondermülldeponie Kölliken. 26 Tonnen schwer ist unser raupenbestückter Wagen, eine Federung hat er nicht, dafür 47 Millimeter dickes Panzerglas. Beruhigend: «Bei einer Explosion mit der Wucht von 10 Kilogramm TNT nur einen Meter entfernt sind wir geschützt», sagt der mitfahrende Benjamin U. Müller, Geschäftsführer des Konsortiums Sondermülldeponie Kölliken (SMDK).

Angst kommt nicht auf, höchstens um das eigene Knochengerüst, selbst unter dem Höchsttempo von maximal 5 (in Worten: fünf) Kilometern pro Stunde schüttelt und rüttelt das Gefährt wie ein alter Armeepanzer. Zum Glück sind wenigstens die Sitze gefedert, sonst wären die wenigen hundert Meter Fahrt kaum schadlos zu überstehen.

Vorselektion durch die Bagger

Dennoch: Die spektakuläre Fahrt mit Fachbauleiter Hubert Vogel am Steuer lohnt sich. Aus nächster Nähe sehen wir Bagger beim Bergen von Fässern - die manchmal unter dem Druck der Greifarme auseinanderbrechen. Der giftige Inhalt ist unbekannt, das Erdreich hat teilweise seltsame Farben, ähnelt aber aus Laiensicht einem normalen Aushub. Einer der Bagger stösst auf einen Haufen Kleider und Plastikstoffe, abgelagert wurde damals kreuz und quer.

Das rächt sich jetzt bitter und verschlingt enorme Summen: Immer wieder müssen Proben genommen und draussen im Labor analysiert werden, um das Material und den richtigen Entsorgungsweg bestimmen zu können. Gegenüber jedem Bagger sitzt ein Triage-Experte in der luftdichten Kabine des gepanzerten Spezialwagens. Per Funk sagt er dem Baggerführer ständig, auf welchen Haufen oder in welche Mulde der Abfall gehört. Die Vorselektion geschieht in der Deponie, in 25 grosse Spezial-Mulden.

Probenarm mit Fernsteuerung

«Für die spätere Entsorgung unterteilen wir in zwölf Materialschienen plus Spezialstoffe wie Phosphor, Magnesium und Batterien», erklärt Müller. Parallel zur Safenwilerstrasse haben wir im unteren Teil nach rund 200 Meter Fahrt die westliche Rückwand erreicht. An der tiefsten Stelle lagern die Abfälle nur noch drei Meter hoch, an der höchsten sind es 14 Meter. Dort reicht das harmlose Abdeckmaterial bis unter die heruntergehängte Decke.

Sie ist an der gigantischen Gitterkonstruktion befestigt, die Autofahrer auf der nahen A1 immer wieder ins Staunen versetzt. Seit vier Jahren ist kein Regentropfen auf die Deponie gefallen, die Luft ist derart staubgesättigt, dass der Fahrer öfters die Scheibenwischer einschalten muss. Nach der Rückfahrt werfen wir einen Blick auf die Männer in der Probekanzel; sie sind hinter Panzerglas und legen mit einem ferngesteuerten Arm Probe um Probe in weisse Kübel. Für diese Arbeit haben sie neu einen ebenfalls ferngesteuerten kleinen Bagger zur Verfügung.

Höchste Priorität für Sicherheit

Das Sicherheitskonzept, überarbeitet nach den Bränden im Pilotbetrieb, ist streng. Mitarbeiter und Besucher können nur über eine Andockstation in ihre Fahrzeuge gelangen, dank Überdruck kann der furchtbare Gestank nicht in die Kabinen eindringen. Alle tragen ein Badge, die Kommandozentrale sieht dann via GPS zu jeder Sekunde, wo sich Personen aufhalten - um sie bei einer Explosion oder einem Brand sofort herausholen zu können.

Brände gab es in den letzten Monaten zwar keine mehr, «aber die Feuerwehren waren wegen Fehlalarmen schon öfters da», präzisiert Müller. Wenn nach der Tagesschicht der Betrieb stillsteht, gehen Alarme, z. B. von den Wärmebildkameras direkt zu den Brandbekämpfern. Zuerst kommt das Kader, bei Vollalarm die Feuerwehren von Safenwil und Kölliken.

Verlad und Lager im Weissbereich

Die Deponie selber gilt als Schwarzbereich, hier dürfen Menschen nur in den geschützten Kabinen unterwegs sein oder in seltenen Fällen per Schutzanzug und Maske. Vorerst wird das selektionierte Material in riesigen Boxen zwischengelagert, in reisefertige Container gefüllt und via die Schleusen in die Lagerhalle verfrachtet. Der Weissbereich ist wie eine grosse Fabrikhalle, hier können sich die rund 30 Mitarbeitenden völlig normal bewegen.

Via Oberglatt bis nach Holland

Derzeit geht alles stark belastete Material nur noch per Zug via den neuen Bahnanschluss weg. «Der Transport funktioniert über unseren Erwartungen, im Zug mit rund 500 Tonnen haben 20 Container mit je 25 bis 28 Tonnen Gewicht Platz», schildert Geschäftsführer Müller den letzten Schritt. Im neuen Bodencenter der Firma Eberhard von der Arge Phönix in Oberglatt wird alles sortiert. Via Auslese und Siebung gibt es Wertstoffe für das Recycling und sauberes Material für Schweizer Deponien. Hoch belastetes Material kommt in eine Sondermüllverbrennung, meist nach Holland. Das Bundesamt für Umwelt klärt die Entsorgungskette genau ab - damit sich der Fall Kölliken nicht wiederholt.