Ständeratswahl
Pascale Bruderer: «Im Ständerat könnte ich noch mehr bewirken»

Pascale Bruderer will nur Vertreter und Vertreterinnen im Bundesrat, die zur Konkordanz stehen. Trotz anstehender Mutterschaft sieht sie dem möglichen Ständeratsamt gelassen entgegen. Sie will beruflich kürzer treten, sagt die SP-Kandidatin.

Christian Dorer, Mathias Küng (Text) und Emanuel Freudiger (Bilder)
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Frau Bruderer, warum werben Sie viel stärker mit Ihrer Persönlichkeit als mit Ihrer Partei?Pascale Bruderer: Ständeratswahlen sind Persönlichkeitswahlen.

Damit distanzieren Sie sich indirekt von Ihrer Partei, um mehrheitsfähig zu werden.
Überhaupt nicht. Das ist auch nicht nötig. Sie ist in all meinen Unterlagen und auf meinem Plakat erwähnt.

Laut neustem Ranking des «Tages-Anzeigers» stehen Sie in der SP-Delegation im Nationalrat am weitesten rechts. Sind Sie froh darüber, weil Sie damit im bürgerlichen Aargau punkten können?
Das stellten alle bisherigen Ratings fest. Froh ist das falsche Wort. Aber es stimmt, dass ich moderat politisiere und nach mehrheitsfähigen Lösungen suche. Dafür muss man mit anderen Parteien zusammenarbeiten.

Kehren wir die Frage um: Sie stehen in der SP rechts, aber weit links vom linksten bürgerlichen Vertreter. So weit her mit eigenen Positionen ist es also doch nicht.
In den allermeisten Themen stimme ich mit meiner Partei. Aber es gibt Fragen, in denen ich eine andere Meinung vertrete. Es ist wohl eine Eigenheit unseres Medienzeitalters, dass diese Abweichungen jeweils besonders genau hervorgehoben werden.

Wo sind Sie denn hundertprozentig auf Parteilinie?
Ich stehe aus Überzeugung zum Grundgedanken der Sozialdemokratie: Wir wollen Lösungen finden, die allen dienen und nicht nur einigen Privilegierten. Ich bin mit Menschen mit einer Behinderung aufgewachsen und musste erkennen, dass sie weniger Chancen haben. Ich kämpfe für Chancengerechtigkeit. Dafür ist die SP die richtige Partei.

Dann wollen Sie auch die Armee abschaffen, so wie es der SP-Parteitag in Lausanne beschlossen hat?
Im Vorschlag der Parteileitung war die Armeeabschaffung nicht enthalten. Die Delegierten haben anders entschieden. Damit kann ich leben. Es ändert aber meine persönliche Haltung nicht. Ich stehe zur Armee. Sie soll schlagkräftig und effizient sein. Die Vorschläge des Bundesrates dazu sind gut. Die vom Parlament beschlossene Aufstockung lehne ich hingegen ab. Niemand kann erklären, wie man das zahlen soll. Noch mehr stört mich, dass man versucht, die neuen Kampfjets an der Bevölkerung vorbeizuschmuggeln.

Schadet der Armeeabschaffungs-Beschluss der SP?
Die Diskussion liegt doch schon ein Jahr zurück. Aktuell ist der Einsatz der SP für die Mitbestimmung des Volkes beim Kampfjetentscheid. Das schadet keinesfalls, im Gegenteil.

Dieselbe Delegiertenversammlung hat auch beschlossen, den Kapitalismus zu überwinden.
Ja, das ist meines Erachtens eine unnötige Floskel, unter der man alles und nichts verstehen kann. Wenn man sie konkretisiert und etwa darunter versteht, den Finanzmarkt besser zu regulieren, weil dessen heutige Risiken nicht tragbar sind, sage ich unbedingt Ja dazu. Die «Too big to fail»-Vorlage ist die richtige Antwort.

Die SP versucht im Aargau seit Jahrzehnten erfolglos, in den Ständerat einzuziehen. Warum hat mit Ihnen nun erstmals eine SP-Vertreterin sehr gute Chancen, gewählt zu werden?
Die Aargauerinnen und Aargauer haben meinen Weg von der Einwohnerrätin bis zur Nationalratspräsidentin eng mitverfolgt. Sie haben mich als verlässliche Politikerin kennen gelernt, die sich ihre Meinung unabhängig bildet. Das wird geschätzt. Im Ständerat wollen die Wählerinnen und Wähler überzeugende Persönlichkeiten, und nicht solche, die einfach ihr Parteiprogramm vertreten.

Warum wollen Sie künftig im Ständerat politisieren?
Ich bin jetzt seit zehn Jahren Nationalrätin. Parteipolitik erschwert dort zunehmend die gemeinsame Suche nach Lösungen. Im Ständerat mit seiner überparteilich auf Lösungen ausgerichteten Art des Politisierens könnte ich noch mehr bewirken für unseren Kanton und unser Land.

Mit wem möchten Sie im Ständerat den Aargau vertreten?
Das ist kein Wunschkonzert! Die Stimmberechtigten entscheiden. Der Aargau ist sehr vielfältig. Das darf im Ständerat Niederschlag finden; zum Beispiel durch Vertreter verschiedenen Alters, verschiedener Regionen oder politischer Ideen.

Ein wunderbares Plädoyer für Ueli Giezendanner!
Das war nicht so gemeint, nein. Ich stelle damit vielmehr die so genannt ungeteilte Standesstimme infrage. Es zeigte sich im Verlauf der Legislatur nämlich immer wieder, dass es sie gar nicht gibt. Im Ständerat sollen sich doch möglichst viele Aargauerinnen und Aargauer gut vertreten fühlen.

Eben: Das spricht doch für die stärkste Partei im Kanton, die SVP.
Es gibt eine breite Auswahl an Kandidierenden. Die Stimmberechtigten entscheiden und dürfen sicher sein: Wenn es um die vitalen Interessen unseres Kantons geht, werden die beiden Gewählten zusammenstehen – in welcher Konstellation auch immer.

Sollten Sie es in den Ständerat schaffen, haben Cédric Wermuth und Martin Kilias hervorragende Chancen, Nationalrat zu werden. Wen favorisieren Sie?
Die Frage greift zu kurz. Wir haben auch hervorragende Kandidatinnen, viele gute Köpfe, ich will niemanden in den Vordergrund stellen.

Wir nennen diese Namen, weil der eine in der SP ganz links und der andere ganz rechts steht.
Das zeichnet die Breite unserer Partei aus. Diese widerspiegelt sich auf unserer Liste. Und das ist gut so.

Cédric Wermuth polarisiert enorm. Schadet er Ihrer Kandidatur, weil die Wähler wissen, dass er auf Sie folgen könnte?
Die Leute können sehr gut unterscheiden zwischen ihm und mir. Cédric Wermuth nutzt die Provokation gezielt als Mittel zum Zweck. Und zwar mit medialem Erfolg. Das war nie meine Art, zu politisieren.

Sie werden im November Mutter. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?
Für mich ist klar, dass ich als Ständerätin auf meine berufliche Tätigkeit als Geschäftsführerin der Krebsliga Aargau verzichten würde. Auch mein Mann wird sein berufliches Engagement reduzieren. Weil wir beide für unser Kind da sein wollen. Viele andere junge Mütter im Parlament zeigen, dass die Vereinbarkeit von Politik und Familie in unserem Milizsystem möglich ist.

Im Sorgenbarometer der Menschen steht die Migration zuoberst. Die SP steht eher für offene Tore.
Offene Tore? Ohne SP hätten wir bei der Personenfreizügigkeit keine flankierenden Massnahmen. Wir haben für Kontrollen und Schutzmassnahmen gekämpft – das Gegenteil von offenen Toren. Zu Recht! Viele machen sich heute Sorgen. Die Kontrollen zeigen in der Tat Handlungsbedarf. Wir müssen die Sanktionen für fehlbare Arbeitgeber verschärfen und das Problem der Scheinselbstständigen in den Griff bekommen.

Ist die hohe Zuwanderung der Preis für die bilateralen Verträge oder müssen wir nachverhandeln, wie es die SVP fordert?
Dank zugewanderter Arbeitskräfte wurde ein hohes Wirtschaftswachstum erreicht. Nun müssen wir dafür sorgen, dass dieses Wachstum in der Schweiz allen zugute kommt. Es braucht eine fortschrittliche Raumplanung sowie Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Wir dürfen aber sicher nicht die bilateralen Verträge gefährden, wie es die SVP-Initiative tut.

Im Dezember ist Bundesratswahl. Soll die SVP wieder 2 Sitze haben?
Ich bin eine klare Verfechterin der Konkordanz. Diese kann man nicht losgelöst von der Parteiengrösse anschauen. Die grössten Parteien haben arithmetisch Anrecht auf zwei Sitze. Man schaut natürlich auch, wen eine Partei aufstellt. Ich wähle nur Persönlichkeiten, die sich zu Konkordanz und Kollegialitätsprinzip bekennen.

Ginge ein zweiter SVP-Sitz auf Kosten von Eveline Widmer-Schlumpf?
Die Wahlen werden zeigen, wie die Parteien der Mitte abschneiden.

Die BDP erreicht bei den Wahlen sicher nicht Bundesratsgrösse.
Ja, ich höre aber immer wieder, dass sich die Kräfte in der Mitte vielleicht so gruppieren, dass es gar nicht nötig wird, eine Bundesrätin abzuwählen. Die Abwahl von Eveline Widmer-Schlumpf würde ich sehr bedauern. Sie macht ihre Arbeit gut.