Porträt
«Ich bin kein Mensch, der stillsitzen kann!» Silvia Dell’Aquila kandidiert als erste Seconda und erste Homosexuelle für den Aarauer Stadtrat

Silvia Dell’Aquila ist in Lenzburg als Tochter sizilianischer Emi­granten aufgewachsen und heute in Aarau zu Hause. Mit 45 Jahren ist sie schon über 20 Jahre politisch tätig und ist seit Ende 2019 für die SP im Grossen Rat.

Kristin T. Schnider
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Silvia Dell’Aquila: Anderssein darf keine Rolle spielen.

Silvia Dell’Aquila: Anderssein darf keine Rolle spielen.

Iris Krebs

Von den 140 Aargauer Parlamentsmitgliedern sind gerade einmal 45 Frauen. Im Regierungsrat waren seit dem Stichjahr 1971 nur drei Frauen, und seit der letzten Wahl ist der Rat wieder ein reines Männergremium. Silvia Dell’Aquila – nach ihrem Abschluss in Soziologie und Volkswirtschaft mehrheitlich in Gewerkschaften tätig – ist die Regionalleiterin des VPOD Aargau/Solothurn und die erste Frau, die den Aargauer Gewerkschaftsbund präsidiert.

«Und jetzt im Jahr 2021 bin ich die erste Seconda und auch die erste Lesbe, die im Herbst für den Aarauer Stadtrat kandidiert!»

Wird sie gewählt, wäre sie im Rat auch die Einzige ohne eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung: eine Mieterin. Sie findet: «Es braucht gerade in solchen Gremien Diversität, was Gesellschaftsschichten, Lebensumstände und Lebensformen angeht, weil sonst einfach nichts passiert.»

Serie zu 50 Jahre Frauenstimmrecht

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt, die Frauenzentrale Aargau feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass stellt die AZ unter dem Titel «Frauenstimmen» jeden Montag eine Frau aus dem Aargau vor.

Ausländer sollen auf Gemeindeebene mitbestimmen dürfen

Zur Vielfalt in der politischen Mitbestimmung und für ein Mehr an Demokratie gehört für sie ein weiterer Schritt. Als ihre Mutter aus Italien in die Schweiz einreiste, gab es in ihrem Land das Frauenstimmrecht schon seit mehr als 20 Jahren. «Dass den Schweizerinnen dieses demokratische Recht verwehrt war, erstaunte sie», erzählt die Tochter. «Andererseits haben meine Eltern, obwohl sie seit bald 60 Jahren in der Schweiz leben, bis heute weder das Wahl- noch das Stimmrecht auf irgendeiner Ebene.» Deshalb hat sie kürzlich im Grossen Rat die entsprechende Motion für das Mitspracherecht auf Gemeindeebene für ausländische Einwohnerinnen und Einwohner eingereicht.

Dass etwas passieren muss, war ihr früh klar: «Ich bin in Wohnblöcken aufgewachsen, in der Community der italienischen Migrantinnen und Mi­granten. Was Chancenungleichheit bedeutet, lernte ich schnell. Das beginnt schon in der Schule. Ich ging in die Kanti und an die Universität und hatte dadurch Seltenheitswert. In meinem Umfeld war es normal, dass die Kinder in die Real, bestenfalls in die Sek geschickt wurden. Das war der übliche Bildungsweg von Kindern von Migrantinnen und Migranten sowie von Arbeiterinnen und Arbeitern.»

Dass jeder Mensch sich ungeachtet der Herkunft, der Lebensform und der finanziellen Stärke entwickeln und verwirklichen können soll, ist Silvia Dell’Aquilas Credo.

Dazu gehört für sie das Bewusstsein, dass Ungleiches nicht gleichbehandelt werden kann. Das gilt auch für die Frage, warum Frauen immer noch untervertreten sind in Politik und Wirtschaft. «Bis sich das wirklich ändert», sagt Dell’Aquila, «müssen wir die unterschiedliche Sozialisation, die anderen Verhaltensweisen von Frauen ernst nehmen. Zu sagen, ‹die kämpfen halt nicht für das, was sie wollen›, greift einfach zu kurz.»

Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen

Der Impuls, für etwas einzustehen, hat sie schon immer begleitet. «Ich bin nun mal ein Mensch, der nicht stillsitzen kann», sagt sie und lacht. Damit ihr Zukunftswunsch von einer Gesellschaft, in der die Armut bekämpft wird, sodass alle in Würde leben können und in der Anderssein keine Rolle spielt, in Erfüllung geht, engagiert sie sich: «Denn wie es in unserer Verfassung steht, misst sich die Stärke eines Volkes am Wohl der Schwachen. Wenn sich die Politik und die Gesellschaft wirklich daran messen, ist schon vieles erreicht.»

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