Sprache
Wirrwarr um Genderstern und Gendergap: EDU-Grossräte fordern vom Kanton eine klare Haltung

Die Bundesverwaltung lehnt den sogenannten Genderstern ab. Im Kanton Aargau gibt es zu geschlechtergerechten Formulierungen mit Sonderzeichen keine klaren Regeln. Das wollen die Grossräte der wertkonservativen EDU ändern.

Eva Berger
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Sascha Steinach

Mit zunehmender Sichtbarkeit der LGBTQ-Bewegung (Abkürzung steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich und queer) wird in deutschsprachigen Texten immer öfter der Genderstern oder der Gendergap gebraucht. Sie beziehen neben weiblichen und männlichen auch nichtbinäre diversgeschlechtliche Personen mit ein. So heisst es dann beispielsweise Bürger*innen oder Wähler_in. Doch ob es diese Zeichen überhaupt braucht oder wie sie zu verwenden sind, darüber wird seit ihrem Aufkommen gestritten.

Martin Bossert, Grossrat EDU.

Martin Bossert, Grossrat EDU.

zvg

«Seit vielen Jahren besteht in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft eine Unsicherheit bezüglich der sprachlichen Gleichbehandlung der Geschlechter», halten denn auch die beiden Grossräte der wertkonservativen EDU, Martin Bossert und Rolf Haller, in einer im August eingereichten Interpellation fest. «Unzählige» verschiedene Versionen würden auch in der Kommunikation des Kantons verwendet, manche Schulen und Organisationen hätten ihre eigenen Regeln definiert. Das sehe man etwa in offiziellen Einladungen, in Vorstössen oder in Abschlussarbeiten der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW).

Regeln sollen auch in Ausbildung gelten

«Wie ich beobachte, formulieren heute alle nach ihren persönlichen Vorlieben», sagt Bossert. Er stösst auch als Vizepräsident der Rothrister Schulpflege auf dieses Wirrwarr, weil schlicht nicht klar sei, welche Formen in der kantonalen Kommunikation gelten. Gerade für die Lehrpersonenausbildung an der FHNW, wo der Kanton zusammen mit den beiden Basel und dem Kanton Solothurn Träger ist, sollte seiner Ansicht nach deshalb eine geltende gendergerechte Formulierung definiert sein. Martin Bossert sagt:

«Ich verliere die Geduld. Nicht einmal an den Schulen gibt es klare Vorgaben.»

Im Juni hatte der Bund seinen Leitfaden von 2009 zur geschlechtergerechten Sprache um Weisungen zum Umgang mit dem Genderstern und ähnlichen Schreibweisen in Texten des Bundes ergänzt. Die Weisung ist klar: Genderstern oder Gendergap werden in Texten des Bundes nicht verwendet. Die beiden EDU-Grossräte haben das als Anlass genommen, beim Regierungsrat nachzufragen, inwiefern Regeln zur gendergerechten Sprache im Kanton ein Thema sind.

Kanton orientiert sich am Bund

Grossrat Bossert hätte sich auf die Interpellation eine klare Antwort gewünscht. Stattdessen ist er mit der jetzt vorliegenden Antwort der Regierung nicht zufrieden. «Der Regierungsrat bleibt sehr schwammig», sagt er. Die 2005 erlassenen Richtlinien in der Verwaltungssprache gelten für alle Bereiche der kantonalen Verwaltung, schreibt dieser.

In den Richtlinien ist festgehalten, dass sich der Kanton Aargau hierbei am Bund orientiert – inklusive des Merkblatts vom Juni 2021 zu Genderstern und ähnlichen Schreibweisen. Diese werden also in der kantonalen Kommunikation nicht verwendet. Für die kantonalen Schulen gelten die gleichen Richtlinien, die FHNW wiederum sei in dieser Frage unabhängig. Sie hat 2016 Empfehlungen für inklusive und gendergerechte Formulierungen erlassen, verbindliche Weisungen gebe es hier allerdings nicht.

Anfang August sagte Regierungssprecher Peter Buri in der AZ, der Regierungsrat haber derzeit nicht die Absicht, die geltenden Weisungen anzupassen und den Genderstern oder weitere Formen zu verwenden.

Als Nächstes ein Postulat oder eine Motion

«Da der Kanton nicht einziger Träger der FHNW ist, ist die Situation anspruchsvoll. Dennoch fehlt bedauernswerterweise die klare Haltung des Regierungsrats zu diesen Schreibweisen», sagt Bossert. Das Thema ist für den EDU-Grossrat darum mit der Antwort des Regierungsrats nicht vom Tisch, sondern erst richtig lanciert.

Das Bedürfnis nach Regelungen sei da, auf weitere Unterstützung aus dem Grossen Rat könnten er und Rolf Haller zählen. Bossert sagt, er sei nach Einreichen seines Vorstosses von mehreren Grossräten diesbezüglich angesprochen worden und er habe Zuspruch erhalten. So oder so ist für ihn klar: «Wir machen noch einmal einen Vorstoss.» Diesmal allerdings nicht mit Fragen, sondern mit klaren Forderungen.

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