Menziken
15. Open Air «Mutterschiff»: Mit Mutti die Grenzen ausloten

Zum 15. Mal steuert das Open Air «Mutterschiff» den Hafen an – noch bleibt Zeit für einen Blick zurück.

Katja Schlegel
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Das Highlight aus dem Jahr 2016: Wallis Bird bei ihrem Auftritt auf der «Mutterschiff»-Bühne.

Das Highlight aus dem Jahr 2016: Wallis Bird bei ihrem Auftritt auf der «Mutterschiff»-Bühne.

Christian Steiner;zvg;

Mutterschiff. Das ist Heimkommen. Das ist das zweitägige Heimweh der Oberwynentaler. Das ist Klassenzusammenkunft und zugleich der Ort, wo man sich gerne mal in Luft auflösen möchte. Mutterschiff. Das sind die zwei Nächte, nach denen man wieder bei den Eltern am Frühstückstisch hockt. Und es ist vor allem eines: immer gute Musik, immer gutes Essen und doch nie das Gleiche. So, dass man sich am Ende fragt, was wohl nächstes Jahr kommt, ob es denn noch höher, schöner, besser werden kann, dieses kleine, feine Open Air Mutterschiff. Und es kann. Seit 15 Jahren immer wieder.

Entstanden ist das «Mutterschiff» 2003 an der Bar im Theater am Bahnhof in Reinach. «Aus einem Defizit heraus», wie Stefan Jablonski (36), Gründungsmitglied des Vereins «Mutterschiff», sagt, ein Defizit an kulturellen Veranstaltungen. Doch anstatt ins Bierglas zu grienen, krempeln Nicole Bussmann, Stephan Haller und Stefan Jablonski die Ärmel hoch.

Innert nur gerade drei Monaten organisieren sie eine Handvoll einheimischer Künstler und eine Barcrew, bauen zu fünft innert nur drei Tagen auf dem Areal der Baufirma Herzog in Menziken eine Bühne und verschiedene Leuchtobjekte auf. «Das war schmerzhaft», erinnert sich Jablonski und lacht, «da flossen Tränen und da wurde geflucht, dass sich die Balken bogen.» Aber ans Aufgeben habe nie einer gedacht. «Wir wollten das und wir wollten das selber machen, mit unseren Kräften und Möglichkeiten.»

Keine Bühnendekoration sieht gleich aus wie die aus dem Vorjahr. Auf der Bühne: Hard Bitten im Jahr 2011.

Keine Bühnendekoration sieht gleich aus wie die aus dem Vorjahr. Auf der Bühne: Hard Bitten im Jahr 2011.

rahel_grau;zvg;

Im Folgejahr sehen alle doppelt

Am 3. August 2003 sticht das «Mutterschiff» erstmals in See. Mit an Bord für die Jungfernfahrt: 250 Passagiere. Ein voller Erfolg, die Schiffsbesatzung wittert Morgenluft. Und bereits im Jahr darauf wird alles verdoppelt: zwei Bars, zwei Bühnen, zwei Tage und doppelt so viele Besucher. In den Folgejahren baut die Besatzung das Kleinkunstprogramm aus, die Küchencrew wird professionalisiert und die Platzdekoration nimmt einen immer grösseren Stellenwert ein. Kein «Mutterschiff» gleicht dem andern, jedes Jahr ist alles neu.

«Auf dem Herzog-Areal können wir unsere Ideen verwirklichen», sagt Fabian Meier (33), seit 2006 Mitglied der Baucrew und seit 2013 Präsident des Vereins. «Hier kann sich jeder mit seinen Ideen austoben.» Und das mit dem Segen vom Platzeigentümer Christoph Herzog, Inhaber des Baugeschäfts. Er lässt die Crew tun und lassen, stellt Material und Maschinen zur Verfügung. «Ohne sein Engagement und sein Vertrauen könnten nie und nimmer solche Festivals stattfinden», sagt Meier.

Wenn die Aufbaucrew in Fahrt kommt, dann werden Wasserfälle und Tribünen im Baumhaus-Stil gebaut und statt einfacher Bartresen Schatztruhen und Schiffsrümpfe gezimmert, und auch die Deko-Crew überbietet sich jedes Jahr wieder mit noch verrückteren Lichtobjekt- und anderen Kreationen. «Selten entsteht eine dieser Ideen während der Planungsphase auf dem Papier, das meiste entsteht spontan beim Aufbau», sagt Meier. Das sei mit der Hauptgrund, weshalb sich so viele Helfer jedes Jahr wieder zur Verfügung stellen.

Der Aufbau, das bedeutet zwei Wochen lang Vollgas, bis das Areal kaum wiederzuerkennen ist. Rund 100 Leute sind es mitsamt den Helfern am Anlass selbst, die sich für das «Mutterschiff» in die Seile legen, alle ehrenamtlich. Ohne sie ginge überhaupt nichts, sagen Jablonski und Meier unisono, ohne ihren Einsatz, ohne ihre Ideen. «Jedes Mutterschiff war und ist ein neues Experiment, jedes Mal geht die Crew an ihre Grenzen», sagt Jablonski. «Und der grösste Stolz ist es jedes Jahr, dass es machbar ist.»

zvg

Finanzielle Gratwanderung

Inzwischen hat sich das «Mutterschiff» oder «Mutti», wie es liebevoll genannt wird, etabliert. Aus dem Anlass «von Oberwynentaler für Oberwynentaler», ist längst ein Anlass für ein breites Publikum aus der ganzen Schweiz geworden, vom Kleinkind bis zum Grossvater ist alles dabei. Auch Gemeinde, Kanton, Industrie und Politik stehen hinter dem Open Air – und die «Mutti»-Crew nimmt die Unterstützung gerne an. Ohne ihre Hilfe, ohne Spendengelder ginge es nicht. «Auch so ist es immer eine finanzielle Gratwanderung», sagt Meier. In den letzten Jahren habe man aber nie Minus gemacht, auch die Besucherzahlen sind jedes Jahr gestiegen auf inzwischen 1350.

Niemals hätten sich Jablonski und Meier träumen lassen, dass das «Mutterschiff» irgendwann zum 15. Mal den Heimathafen ansteuern würde. Wenn er aber in den Jahren eines gelernt habe, sagt Jablonski, dann das: «Hartnäckigkeit zahlt sich immer aus.»

Programm

Die «Mutterschiff»-Besatzung hatte immer ein gutes Näschen für Bands, die kurz vor dem Durchbruch standen: So standen auf den «Mutti»-Planken bereits Mighty Roots (2004), Kutti MC (2005), Lunatica (2006), Fusion Square Garden (2009), Bubblebeatz und Knackeboul (2010), Dabu Fantastic, Aloan und Carrousel (2012), Dodo & the Liberators, Traktorkestar und Damian Lynn (2013), Gustav (2014), Kunz (2015) und Wallis Bird und Nemo (2016).
Vorfreude auf Mutti Vor lauter Vorfreude auf die dreitägige Jubiläumsausgabe 2017 (vom 27. bis 29. Juli, erstmals mit Kleinkunstabend) findet am Samstag, 8. April, ab 21 Uhr, eine Party im Theater am Bahnhof in Reinach statt. Mit dabei: «Urban Jr.», das Elektro-Pop-Duo «Fiji», und Silvia Dell’Aquila alias «DJ Beatween».

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