Bezirksgericht Kulm

275'000 Franken Sachschaden: Sprayer kommen mit einem blauen Auge davon

Der Lenzburger Transportunternehmer Remo Sigg ist einer der Geschädigten der Sprayer.

Der Lenzburger Transportunternehmer Remo Sigg ist einer der Geschädigten der Sprayer.

108 Mal waren ein Mann (35) und eine Frau (24) mit der Spraydose zugange. Nun standen sie vor dem Bezirksgericht Kulm – die Strafe fällt bescheiden aus.

Er wollte ihr mit seinen Schriftzügen imponieren; sie hatte, so sagte sie vor dem Bezirksgericht Kulm, künstlerische Ambitionen, dazu emanzipatorische: Die Sprayerszene sei männerdominiert. Da wollte sie für Ausgleich sorgen. Gestern präsentierten sich Julian (35, alle Namen geändert) und Kerstin (24) geläutert. Nichts da von Hip-Hop-Klamotten; sie trägt elegante Schuhe, keine Sneakers, er gibt einen jugendlich gebliebenen Mittdreissiger mit Dreitagebart.

Vor allem im Aargau, aber auch im Tessin und in Genf aktiv

Was die beiden zwischen 2014 und 2016 zumeist in Nachtarbeit geleistet haben, lässt sich sehen, häufig auf Zugswaggons, Güterwaggons, an Wänden und Betonmauern. 79 solche Graffitis tragen Julians, 29 Kerstins Handschrift. Die Sujets? Kurze Buchstabenkombinationen, Wörter. «Buchstaben, die man gerne macht», sagt Julian. Die grafisch etwas hergeben. Und ihre (verräterischen) Tags, Signaturkürzel, um zu zeigen, wessen Kind das Bild ist.

Aargauer Sprayer-Paar wegen rund 100 Graffitis zu bedingten Gefängnisstrafen verurteilt

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Gewirkt haben Julian und Kerstin im Aargau von Koblenz bis Beinwil am See, aber auch in Zürich, Lausanne, Genf und Biasca gibt es farbige Spuren der beiden. Dabei stand Kerstin zuweilen bloss Schmiere. In Beinwil am See fand die Sprayerkarriere ihr Ende. Mitte Oktober 2016, zwischen 2.30 und 3.40Uhr. Und da kamen neben der Sachbeschädigung noch andere Delikte auf Julians Kerbholz: Er hatte seiner Mutter ohne deren Wissen mehrfach den «Mini» entwendet, obwohl ihm der Führerausweis entzogen war. So auch in jener Nacht. Und die beiden wollten sich der Polizeikontrolle damals durch Flucht zu Fuss entziehen.

Dass sie ihre Lektion gelernt haben, ist ihnen abzunehmen: Sie haben den Schlussstrich gezogen und akzeptieren die Rechnung. Julian und Kerstin gehen getrennte Wege. Kerstin steht kurz vor dem Abschluss ihres Bachelor-Studiums: Kommunikation. Und Julian, der gelernte Koch, arbeitet auf seinem Beruf und hat gute Perspektiven als Lehrlingsausbildner. Auch möchte er eine Familie gründen.

Gesamtschaden von über einer Viertelmillion

Beiden liegt daran, das zeigt die Befragung, mit der Vergangenheit abzuschliessen. Dazu gehört die Bestrafung, die sie für angemessen halten. Der bedingte Strafvollzug entschärft sie. Für Julian sind das eine zweijährige Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 21 600 Franken, für Kerstin beträgt die Freiheitsstrafe 15 Monate, die Geldstrafe 3600 Franken. Dies bei einer Probezeit von zwei Jahren. Fällig werden hingegen die Bussen: 2500 Franken für Julian, 1800 Franken für Kerstin. Dazu kommen die Gerichtskosten. Dabei können Julian und Kerstin von Glück reden, dass die Geschädigten, vorab die SBB, auf das Stellen einer Zivilforderung verzichten. Die Anklageschrift beziffert den Sachschaden bei Julian auf über 225 000, bei Kerstin auf über 50 000 Franken.

Sobald das Urteil rechtskräftig ist, können die beiden die beschlagnahmten Gegenstände abholen, als da unter anderem sind: Kunstbücher, Hefte, Zeichnungen, Skizzenbücher, ein Zugsmodell, eine Stirnlampe.

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