Seine Impulsivität bringt ihn immer wieder in die Bredouille. Daniel (Namen geändert) wird von zwei Kantonspolizisten mit Handschellen und Fussketten in den Gerichtssaal in Kulm begleitet. Es ist nicht das erste Mal, dass der 34-Jährige vor diesem Gericht steht. Eine schwere Straftat – wie eine Tötung oder eine schwere Körperverletzung – hat Daniel aber noch nie begangen.

Der Angeklagte wirkt gleichzeitig nervös und leicht verwirrt darüber, weshalb er heute hier ist. Aktuell befindet er sich in Sicherheitshaft im Gefängnis in Lenzburg. Seit 2012 kommt er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Er habe eine niedrige Frusttoleranz, bestätigt ein psychiatrisches Gutachten.

Daniel rastete in der Vergangenheit regelmässig aus – meistens dann, wenn er sich unter Druck gesetzt oder provoziert fühlte. Etwa als eine Apothekerin ihn aufforderte, die Musik auf seinem Handy leiser zu stellen. In der Folge drohte er mit einem Anschlag, würde sie ihm nicht sofort seine Medikamente aushändigen. Ein anderes Mal tickte er im Zug aus und drohte, er würde den Kontrolleur verprügeln. In der darauffolgenden Untersuchungshaft ging er auf einen Vollzugsangestellten los.

Er wurde in den letzten Jahren mehrfach wegen Drohung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie wegen versuchter Nötigung und mehrfacher Beschimpfung zu unbedingten Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt. Die Staatsanwaltschaft forderte für ihn bereits zweimal eine stationäre Massnahme, auch bekannt als sogenannte «kleine Verwahrung», bei der Daniel bis auf weiteres in einer geschlossenen Abteilung eines Gefängnisses oder einer psychiatrischen Klinik untergebracht würde. Diesem Antrag folgten die Richter aber nie, da dies nicht verhältnismässig sei.

Schwierige Vergangenheit

Daniel hat keine einfache Lebensgeschichte: Seine drogensüchtige Mutter gab ihn nach der Geburt bei den Grosseltern ab, später lebte er beim Götti, dann im Heim. Mit 14 Jahren versuchte er zum ersten Mal, sich das Leben zu nehmen. Er sei ein Süchtiger, sagt er selbst: «Ich kann nicht einfach sagen, dass ich nie mehr etwas nehme.» Auch wegen Drogenmissbrauch – früher bis zu zehn Gramm Kokain täglich – wurde er bereits verurteilt.

Auch beim aktuellen Prozess geht es um die Frage, ob Daniel in einer stationären Massnahme nicht besser aufgehoben wäre.

Das Gericht befragt einen forensischen Psychiater, der 2017 ein Gutachten über Daniel erstellt hat. Ein aktuelles Gutachten gibt es nicht. Jedes Mal, wenn der Arzt die Wörter Psychopathie oder Schizophrenie benutzt, schaut Daniel nervös lächelnd zu seinem Verteidiger herüber und schüttelt den Kopf. Die angeordneten ambulanten Therapien brachten keine Verbesserung, bestätigte das Gutachten 2017. Wenn Daniels Erkrankung nicht behandelt wird, seien in Zukunft auch schwere Gewaltstraftaten zu erwarten, besagte das Gutachten. Bei Daniel wurde eine schizoaffektive Störung diagnostiziert. Eine stationäre Behandlung, gekoppelt mit einer medikamentösen Behandlung, könnte Daniels Legalprognose eventuell verbessern, sagt der Gutachter.

Mit der medikamentösen Behandlung selbst hat Daniel kein Problem. Eine stationäre Massnahme kommt für ihn aber nicht infrage: «Ich war mein ganzes Leben viel zu viel eingesperrt. Ich will wieder arbeiten», sagt er gegenüber Gerichtspräsident Christian Märki. Daniel beschreibt seinen Alltag in der Einzelzelle des Sicherheitstraktes. Er mache viele Liegestütze und schreibe Briefe an Freunde. Seit April sitzt er wieder in Sicherheitshaft. Bei einer Therapiesitzung im Rahmen der ambulanten Massnahme rastete er aus. Die Psychiaterin habe «gestichelt», rechtfertigt er seinen Zorn. Die Fussketten rasseln auf dem Boden. Die psychiatrischen Dienste Aargau stellten die ambulante Massnahme nach dem letzten Vorfall ein «Mit der Begründung, eine ambulante Behandlung sei ‹nicht mehr zielführend und zweckmässig›», sagt Staatsanwalt Simon Burger.

Bisher keine schweren Straftaten

«Der ambulante Weg ist gescheitert», sagt Burger in seinem Plädoyer. Es sei mit schweren Gewaltstraftaten zu rechnen, obwohl Daniel bisher keine begangen habe. «Die Verhältnismässigkeit für eine stationäre Massnahme ist gegeben.» Entweder man ordne eine solche an, damit der Angeklagte seine Aggressionen in den Griff bekomme und seine Störungen behoben werden könnten, oder man ordne wieder eine ambulante Behandlung an. «Das bringt aber nichts», so Burger.

«Solche Menschen gehören nicht einfach weggesperrt», sagt Daniels Verteidiger Silvio Mayer. Die Therapeutin habe die ambulante Therapie nach Daniels Ausraster abrupt abgebrochen, worauf der Verurteilte entgleist sei. «Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Therapie Wirkung gezeigt.» Die schweren Taten, über die gemutmasst wird, habe es nie gegeben. «Er hat sich seit 2015 nichts zuschulden kommen lassen», so Mayer. Daniel brauche Hilfe in Form einer ambulanten Massnahme.

Das Bezirksgericht Kulm folgt diesem Antrag einstimmig und lehnt eine kleine Verwahrung ab. «Der Beschuldigte hat noch nie einen Menschen am Körper geschädigt», sagt Gerichtspräsident Märki. Er sei zwar immer wieder deliktisch auffällig geworden und er sei ein «Mühsamer», sagt er weiter. Die Voraussetzungen für eine stationäre Massnahme seien aber nicht gegeben.

Trotzdem geht Daniel heute zurück ins Gefängnis, er hat noch 100 Tage einer Freiheitsstrafe aus dem Jahr 2013, die er absitzen muss. «Die ambulante Massnahme wird darüber hinaus weitergeführt.» Sollten sich in der Zwischenzeit Vorfälle ereignen, würde geprüft, ob doch eine stationäre Massnahme angeordnet werden müsse.