Zeitreise

Als das WSB-Tram noch auf der Strasse fuhr – ein Fan war auf einer der letzten Fahrten im Führerstand dabei

Als das WSB-Tram noch auf der Strasse fuhr – ein Fan war auf einer der letzten Fahrten im Führerstand dabei

Mit dem damaligen «Autofahrer-Schreck» von Suhr nach Aarau – das Video ist teilweise beschleunigt.

Vor zehn Jahren verschwanden die Züge der Wynental- und Suhrental-Bahn zwischen Aarau und Suhr von der Strasse – nach jahrzehntelangem Hin und Her. Ein Fan konnte auf einer der letzten Fahrten im Führerstand dabei sein und hat das mit der Videokamera festgehalten.

Die letzte Fahrt gabs zur Geisterstunde, Abfahrt um 00.26 Uhr in Suhr Ausweiche. Die Passagiere, zu dieser Uhrzeit für einmal eher rührselig denn bierselig, hatten lange in der klammen Kälte auf diesen Moment gewartet. Auf diesen einen, geschichtsträchtigen Moment: die allerletzte Bahnfahrt auf der Tramstrasse in Richtung Aarau, die letzte Fahrt der WSB als «Strassenbahn» im Wynental.

Das war in der Nacht vom 19. auf den 20. November 2010. Das Ende der Schreckmomente für auswärtige Autofahrer, denen bei der Fahrt nach Aarau plötzlich und unbeirrbar das «Trämli» entgegenrollte. Und das Ende einer zehnjährigen Planungs- und zweijährigen Baugeschichte.

Noch brenzliger war die Situation nur in Reinach

Ihren Anfang hatte die Verlegung schon Jahrzehnte früher genommen. Seit ihrem Bau 1904 hatte die Bahn sich in mehreren Dörfern die Kantonsstrasse mit allen anderen Fahrzeugen geteilt. Mit der steten Zunahme des Verkehrs – im Falle von Suhr fuhren Ende der Neunzigerjahre 18'000 Fahrzeuge täglich – ein immer heikleres Unterfangen, das Tag für Tag zu brenzligen Situationen führte.

Noch gefährlicher war die Situation einzig in Reinach und Menziken, wo die WSB dem Gegenverkehr in Kurven entgegengekommen war. Hier war das «Trämli» aber bereits im Dezember 2002 von den Strassen verschwunden.

Bild aus vergangenen Tagen: Die Wynental- und Suhrental-Bahn mitten auf der Kreuzung beim «Bären» in Suhr.

Bild aus vergangenen Tagen: Die Wynental- und Suhrental-Bahn mitten auf der Kreuzung beim «Bären» in Suhr.

Nach verschiedenen Studien und jahrzehntelangem Hin und Her kam Ende der Neunzigerjahre der Durchbruch: Die SBB rangen sich dazu durch, den Bahnhof in Suhr mit der WSB zusammenzulegen und ihr Trassee nach Aarau für den Personenverkehr aufzugeben (was sie schliesslich 2004 tat). Doch kaum hatte das Projekt an Fahrt aufgenommen, geriet es wieder ins Stocken: Anfang 2005 musste sich Baudirektor Peter C. Beyeler gegen den Vorwurf wehren, das Projekt werde verschleppt.

Die Abklärungen und Verhandlungen liefen zäh; in erster Linie diejenigen mit den SBB über die Übernahme ihres stillgelegten Trassees und den Kostenschlüssel beim Bahnhof Suhr. Aber auch die Abklärungen mit Dritten und den Gemeinden, beispielsweise bezüglich zusätzlicher Gleisanschlüsse und Haltestellen, unterirdischer Führungen oder Barrieren liefen harzig.

200 Kilogramm Akten eingereicht

Dann endlich ging es voran: Ende 2005 lief das Mitwirkungsverfahren, im Februar 2006 beschloss der Grosse Rat einstimmig die Verlegung der WSB auf das SBB-Trassee und den Kantonsanteil von 30,6 Millionen Franken (an die Gesamtkosten von 80 Millionen Franken). Daraufhin nahm der Bund das Projekt in die Liste der dringlichen Investitionen für den Agglomerationsverkehr auf.

Dadurch konnte die Hälfte der Baukosten aus dem Infrastrukturfonds bezahlt werden. Als «Vater» dieses Fonds gilt der Aarauer Thomas Pfisterer (FDP), damaliger Präsident der ständerätlichen Verkehrskommission. Im März 2007 reichte das Departement Bau, Verkehr und Umwelt beim Bundesamt für Verkehr 200 Kilogramm Akten für das Bewilligungsverfahren ein.

Grundwasser machte Strich durch die Rechnung

Am 7. Juli 2008 begannen die Bauarbeiten mit dem offiziellen Spatenstich. Die Vorbereitungsarbeiten für die beiden aufwendigsten Kunstbauten – die Verbreiterung der Gais-Brücke in Aarau sowie die Unterführung von Bernstrasse und SBB beim Möbel Pfister – waren schon früher aufgenommen worden. Das Buchser Bahnhofgebäude wurde abgebrochen, die Suhrebrücke bei der Badi in Suhr ersetzt, die Fahrleitungen des SBB-Trassees abgebrochen, die Schienen demontiert. Im November 2010 wurde die Neubaustrecke in Betrieb genommen.

Schliesslich investierten Bund, Kanton und die Gemeinden Suhr, Buchs und Aarau zusammen rund 102 Millionen Franken in die Entflechtung von Bahn und Verkehr, dazu kamen 20 Millionen für den Bahnhofumbau in Suhr. Die Mehrkosten verursacht hatten ein ungenügender Unterbau auf der alten SBB-Linie sowie der stark schwankende Grundwasserspiegel im Bereich der Unterführung an der Suhrer Bernstrasse. Diese Schwankungen hatten den Bau einer 276 Meter langen Grundwasserwanne nötig gemacht.

Mehr Sicherheit, Pünktlichkeit und Viertelstundentakt

Den Wynentalern brachte die Eigentrassierung nicht nur mehr Sicherheit und Pünktlichkeit, sondern auch den Viertelstundentakt. Den Suhrern brachte sie noch viel mehr: Mit dem Verschwinden des Trams war der Anfang dafür gemacht, dass das durch die Verkehrsstränge geteilte Dorf wieder mehr zusammenwachsen konnte. «Fürs Dorf haben sich völlig neue Möglichkeiten ergeben», sagt alt Gemeindepräsident Beat Rüetschi rückblickend. «Es war das richtige Projekt für Suhr.» Auch zehn Jahre danach sei er noch immer sehr zufrieden.

Die Kantonsstrasse ist inzwischen saniert, im Dorfzentrum ist kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. An der Station «Ausweiche» mitten im Dorf, wo die Kinder an den Zugscheiben klebten, weil beim Schmied direkt neben dem WSB-Gleis ein Pferd beschlagen wurde, steht heute ein neues Wohnquartier.

Selbst auf der Tramstrasse ist vom Tram nicht mehr viel zu sehen. Noch ein paar hundert Meter Schiene ziehen sich vom Dorfmuseum bis zum Schotterbett beim Steinfeld; ausgegossen, damit kein Velorad mehr hineingerät. Doch auch diese Schienen werden verschwinden. Und dann wird ein Strassenname mehr an etwas längst Verschwundenes erinnern.

Eine Kopie des rund 25 Minuten langen Originalvideos kann «gegen einen kleinen Unkostenbeitrag» beim Urheber bestellt werden: 079 863 93 44.

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