Bezirksgericht Kulm

Aussage gegen Aussage: Verging sich ein 19-Jähriger an seiner 10-jährigen Cousine?

Die Vorwürfe sind happig: Arben, damals 19-jährig, soll 1996 und 1997 seine gut 10 Jahre jüngere Cousine bei mindestens vier bis fünf Gelegenheiten sexuell missbraucht haben.  (Symbolbild)

Die Vorwürfe sind happig: Arben, damals 19-jährig, soll 1996 und 1997 seine gut 10 Jahre jüngere Cousine bei mindestens vier bis fünf Gelegenheiten sexuell missbraucht haben. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht musste einen schwierigen Fall verhandeln. Cousin und Cousine – wer lügt?

Es gibt Delikte, da fehlen Zeugen. Sexuelle Handlungen mit einem Kind. Vergewaltigung. Schändung. Sexuelle Nötigung. Da steht Aussage gegen Aussage. Und wenn die mutmasslichen Straftaten 20 Jahre zurückliegen, ist die Beweislage schwierig. Wie in dem Fall, der diese Woche vor dem Bezirksgericht Kulm verhandelt wurde. Was passiert ist, damals in einer Reinacher Wohnung, können nur die Betroffenen wissen. Arben und Drita (Namen geändert), Cousin und Cousine.

Die Vorwürfe sind happig: Arben, damals 19-jährig, soll 1996 und 1997 seine gut 10 Jahre jüngere Cousine bei mindestens vier bis fünf Gelegenheiten sexuell missbraucht haben. Er habe Drita am ganzen Körper geküsst, im Intimbereich berührt und ihr befohlen, seine Genitalien anzufassen. Auch psychisch habe er Drita unter Druck gesetzt: Ihre Mutter würde sie hassen; niemand würde ihr glauben. Es sei zu vaginaler, später auch analer Penetration gekommen, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt.

Arben, mit 16 aus der Balkanregion in die Schweiz gekommen, heute verheiratet und Vater dreier Kinder im schulpflichtigen Alter, sieht das anders. «Ich wurde fast geschändet», sagt er vor Gericht und erinnert sich an einen Fall. Die Familie seiner Cousine war zu Besuch. Er habe in seinem Zimmer geschlafen, sich erholt von der körperlichen Arbeit. Da sei Drita zu ihm ins Bett gestiegen, und als er erwacht sei, habe sie ihn im Genitalbereich berührt. Sofort sei er daraufhin in die Stube gegangen.

Familienfehde

Damals hätten sich die Familien noch regelmässig getroffen. Und Arben habe mit den Kindern, Drita und ihrem älteren Bruder, Ausfahrten unternehmen müssen. Damit die Erwachsenen ihre Ruhe hatten. Und der Aufenthalt Dritas in Arbens Zimmer? Einmalig? «Bei der Polizei haben Sie gesagt, es sei mehrfach vorgekommen, dass Ihre Cousine, während Sie schliefen, in Ihr Bett gekommen sei», sagt Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs. Und es könne sein, dass sie sich gegenseitig geküsst hätten. «Nein», widerspricht Arben am Tag der Verhandlung. Und wenn Küsse, dann die üblichen: zur Begrüssung und Verabschiedung.

2004 wurde Arben erstmals mit diesen Vorwürfen konfrontiert, sagt er. Auf einem Parkplatz in Suhr. Aus Spannungen zwischen den Familien habe sich ein Familienstreit entwickelt. Und worin sieht Arben den Grund für diese schweren Vorwürfe? Er wisse es nicht, es werde behauptet, so Arben, Dritas erste Ehe sei in die Brüche gegangen, weil sie nicht mehr Jungfrau gewesen sei. Oder es ist Neid im Spiel: «Ich führe eine gute Ehe», sagt Arben.

Wer ist glaubwürdiger?

Die Befragung von Drita findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Arben, der im Einzelrichterzimmer zuhören darf, hält es nicht lange da aus.

Staatsanwältin Jessica Walter gibt in ihrem Plädoyer zu bedenken, dass es für Kinder schwierig sei, über traumatische Erlebnisse zu reden. Scham. Angst vor Familienverlust, vor Wut der anderen Seite. Drita habe sich aber an Details erinnern können, die man nicht erfinde: Zimmer, Latzhose, Sujet auf T-Shirt. Vor allem aber fehle ein Motiv. Drita sei glaubwürdig in ihren Aussagen. Zweimal habe sie die Opferhilfe beansprucht und auch einen Familienstreit in Kauf genommen. Arben aber rede sich mit Verweis auf fehlende Erinnerungen heraus.

Sie beantragt eine Freiheitsstrafe von 6 Jahren. Mildernd wirke, dass er keine weiteren Straftaten verübt habe. Werde er schuldig gesprochen, sei er in Sicherheitshaft zu nehmen. Dazu kämen Ausweisung und Entzug der Aufenthaltsbewilligung. Der Vertreter Dritas unterstützt diesen Antrag und verlangt noch 30 000 Franken Genugtuung plus Zinsen. Der Schockmoment habe sich eingebrannt, Drita habe seit dem Tag des ersten Übergriffs angefangen, sich selber zu duschen. «Ein typisches Verhalten von Vergewaltigungsopfern», sagt er. Zudem habe Arben ausgesagt, er habe Drita im Zimmer nicht geschlagen, was einem Geständnis gleichkomme, «dass etwas passiert sei».

Verteidigerin Andrea-Ursina Bieri moniert die Ablehnung eines «aussagepsychologischen Gutachtens»: nicht nachvollziehbar. Die Staatsanwaltschaft stelle ausschliesslich auf Dritas Aussagen ab. Zudem habe es zehn Jahre gedauert von den ersten Vorwürfen 2004, bis Dritas Mutter Strafanzeige gemacht hat. Von wegen Jungfräulichkeit: Es sei nicht auszuschliessen, dass Drita vor ihrer ersten Heirat mit 18 «körperlich aktiv» gewesen ist. Sie sieht Widersprüche in Dritas Aussagen. Waren die Latzhosen bis zu den Knien unten? Ist so eine Penetration möglich? Die Verteidigerin verlangt einen Freispruch nach dem Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten. Und welchen Vorteil soll Drita aus den Anschuldigungen ziehen? «Finanzielle», sagt Andrea-Ursina Bieri. Opferhilfe.

Meistgesehen

Artboard 1