Gontenschwil

Die Flop-Gemeinde wehrt sich: «Eine Landregion hat andere Werte»

Ihr Herz schlägt für Gontenschwil: Gemeindeammann Renate Gautschy vor dem Gemeindehaus. psi

Ihr Herz schlägt für Gontenschwil: Gemeindeammann Renate Gautschy vor dem Gemeindehaus. psi

Bei einem Gemeinderating der «Weltwoche» belegt Gontenschwil einen der letzten Plätze. Gemeindeammann Renate Gautschy erklärt, weshalb sie der Ausdruck «Flop-Gemeinde» nicht plagt und was Gontenschwil zu bieten hat.

Die Wochenzeitung «Die Weltwoche» stellt ein Gemeinderating vor mit einer Rangliste der attraktivsten Gemeinden in der Schweiz. 893 Gemeinden (mit mehr als 2000 Einwohnern) wurden nach 20 Faktoren aus den Gruppen Arbeitsmarkt, Dynamik, Reichtum, Steuerbelastung und Sozialstruktur bewertet. Im Aargau schwingen Baden, Meisterschwanden, Mägenwil und Oberwil-Lieli obenaus (zwischen Rang 32 bis 100). Unter den schlecht platzierten, den «Flopgemeinden», sind gleich vier Wynentaler Gemeinden aufgeführt: Gontenschwil (816), Menziken (842), Reinach (809) und Unterkulm (854). Gemeindeammann Renate Gautschy ordnet dieses Ergebnis ein.

Frau Gautschy, als Sie erfuhren, dass Sie einer Flop-Gemeinde vorstehen, wie reagierten Sie?

Renate Gautschy : Es machte mich sehr betroffen. Ich bekam diese Aussage an einer Sitzung zu hören, ohne die Bewertungskriterien der Studie zu kennen.

Dann haben Sie in der Folge die Studie genauer angesehen?

Ja, ich befasste mich eingehend mit der Studie und deren Fragestellung und musste eingestehen, so gefragt, da kann gar kein anderes Ergebnis resultieren.

Und jetzt stecken Sie das einfach so weg?

Als Flop-Gemeinde bezeichnet zu werden, das schmerzt, wenn ich daran denke, mit welchem Engagement unsere Verwaltung und die Behörde am Wirken sind. Allerdings wurde mir auch von dritter Seite gesagt, ich solle das Ergebnis nicht persönlich nehmen, man wisse, was Gontenschwil biete.

In den letzten Jahren war Gontenschwil in den Schlagzeilen, weil sich die Gemeinde für eine Einzonung von Industrieland einsetzte.

Das ist es. Wir haben uns dafür eingesetzt, die 800 Arbeitsplätze – inklusive der Landwirtschaft – zu erhalten und im Verhältnis zu einer Landgemeinde zu erweitern. Weiter haben wir uns der Steuerfussdiskussion gestellt, und es ist uns gelungen, diesen innerhalb von zehn Jahren um 18 Prozent zu senken. Da macht mich zum heutigen Zeitpunkt eine derartige Studie betroffen.

Sehen Sie trotz allem in einer derartigen Studie einen Nutzen oder ist dieses Ranking für Sie nicht relevant?

Doch, in der Studie wurden die Arbeitslosenquote und der Arbeitsmark, das Wachstum und die Dynamik, untersucht. Das betrifft jede Gemeinde. Denkanstösse bringt mir die Studie auf jeden Fall.

Werfen die Antworten jedoch auch Fragen auf?

Ja, warum wird uns negativ ausgelegt, wenn wir zum Land Sorge tragen und nicht auf Spekulationsbauten setzen?

Reichtum ist ein wichtiges Kriterium. Was sagen Sie da?

Das hat mich beschäftigt. Alle Gemeinden wollen nur noch reiche Einwohner. Doch es gibt nicht nur materiell reiche Einwohner. Aber, es gibt unterschiedlich reiche Einwohner. Ich setze mich mit den Kriterien auseinander und kann mit dieser Studie umgehen. Wer nicht an der Spitze ist, kann immer noch besser werden.

Vier Oberwynentaler Gemeinden+ schneiden schlecht ab, politisieren dies Kommunen falsch?

Ein Blick zurück zeigt, dass wir in einer Region leben, die sich mit dem steten Wandel in der Industrie, Tabak, dann Aluminium, jetzt vermehrt Dienstleister und KMU verändert. Wir haben in unserer Landregion andere Werte. Wir können mit den Werten von Baden, Aarau, den Gemeinden am Mutschellen nicht mithalten.

Sie sagen andere Werte, welche?

Wir haben etwa Wasser, viel grünes Land. Beides gewinnt an Bedeutung.

Sind denn den Einwohnern hier andere einfach Werte wichtig?

Da spielt eine Heimatbezogenheit mit. Wir waren schon immer eine tiefere Landgemeinde, nicht zu vergleichen mit denjenigen, die heute vorne stehen. Wir gehören nicht in das Einzugsgebiet von grossen Städten. Wir haben weder See noch Schloss, wir haben einfach Land. Das ist vielleicht der Reichtum der Zukunft.

Welche Bewertungspunkte sind für Sie entscheidend?

Man spricht rasch nur noch vom Geld. Aber das kann es nicht sein. Man kann die Wahrheit über eine Gemeinde nicht einfach mit gewissen Kriterien herausfiltern. Das geht nicht.

Was braucht eine Gemeinde?

Wir brauchen und wir haben Arbeitsplätze, Produktion und Dienstleistungen, den Zugang zu Bildungsplätzen und die Anbindung an den öV. Alle Wünsche erfüllen können wir nicht.

Meistgesehen

Artboard 1