Hirschthal
Die Männer, die Westeuropa gerettet haben

In seinem Vortrag in der Biberburg rehabilitiert Lukas Frey, leitender Arzt der Nuklearmedizin im Kantonsspital Aarau, im Zusammenhang mit Tschernobyl die Russen. Und er sprach über gesundheitliche Folgen von Tschernobyl für die Schweiz.

Peter Weingartner
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«Finger weg von Milch, wenn so etwas passiert», sagt Mediziner Lukas Frey. wpo

«Finger weg von Milch, wenn so etwas passiert», sagt Mediziner Lukas Frey. wpo

Vor allem aber machte er bewusst, wie schnell der Mensch vergisst. Und er räumte mit Mythen auf: da die rückständige Sowjetunion (Tschernobyl), hier das moderne Japan (Fukushima).

Lucens und Pedoskop

Wer erinnert sich an den Zwischenfall in Lucens, Kanton Waadt, im Januar 1969, eines der zehn schlimmsten Ereignisse im Zusammenhang mit der Atomenergie?

Nicht zu vergessen die Atomwaffenversuche der 50er- und 60er-Jahre, welche die radioaktive Belastung in die Höhe steigen liessen.

Der etwas sorglose Umgang mit Radioaktivität gerade in der Schweiz zeigte sich auch darin, dass das Pedoskop, welches die Schuhe röntgt, erst Anfang der 70er-Jahre verschwunden ist.

Dank Russen davongekommen

Und dann kam der 26. April 1986: Tschernobyl. «Typisch russische Schlamperei» brachte Frey die durchschnittliche Meinung des Mitteleuropäers auf den Punkt.

Er siehts anders: Hätten sich nicht Männer, die meisten wohl unfreiwillig, geopfert, «wäre die Hälfte Westeuropas 300 Jahre lang nicht mehr bewohnbar». Vorteil der Diktatur?

Was zynisch erscheinen mag, hat Wirkung gezeigt: 1400 Flüge deckten mit 2400 Tonnen Blei, dazu Lehm und Bor den Reaktor ein. Und dann gings ans Aufräumen. Titanische Arbeit, auch die Umsiedlung der Stadt Pripjat: in drei Stunden wurden 48 000 Menschen evakuiert.

Belastete Milch

«Tschernobyl war kein lokales Ereignis»: Lukas Frey zeigte die Verteilung der Radioaktivität in alle Himmelsrichtungen.

Dass bei Kindern bis 15 Jahre eine zwanzig Mal höhere Wahrscheinlichkeit bestand, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, wird dem Genuss von Milch zugeschrieben: «Die Kuh als Staubsauber der Radio-Isotope.»

Und so war auch die Schweiz betroffen. Die Tessiner Geisskäse-Produzenten durften ihre Produkte nicht mehr verkaufen; Milchpulver war schnell ausverkauft; im Luganersee durfte nicht mehr gefischt werden.

Wie schreibt man «Gefahr»?

«Wissen Sie, wie man die Pyramiden gebaut hat?», fragte Lukas Frey. Niemand weiss es, dabei ist es erst 4000 Jahre her. Worauf er hinaus wollte: Kann man 10 000 Jahre lang vor dem Ausgraben von radioaktivem Material warnen?

Müsste man über einem Lager ein Kloster bauen? Das traditionelle Zeichen für Radioaktivität ist heute nicht mehr Allgemeingut. Eine tragische Pointe: In Japan stehen Steine mit der Aufschrift «Sei immer auf überraschende Tsunamis vorbereitet. Baut nicht unterhalb dieses Punktes.»

Genau darunter haben die Japaner Fukushima gebaut. Und zwei Jahre nach der Katastrophe bedecke erst ein Styropordach die Anlage. Tschernobyl war in sechs Monaten verschlossen.

200 Schweizer Opfer

Lukas Frey sagte, Tschernobyl habe etwa 200 Krebsopfer auch in der Schweiz gefordert. Die Zahl – vom Publikum zum Teil angezweifelt – beruhe auf Hochrechnungen aufgrund der Strahlenbelastung.

Opfer zu beziffern sei schwierig, auch in der Ukraine selber. Ein Drittel der Menschen sterbe eh an Krebs. Tschernobyl könne bei uns nicht passieren, aber anderes, sagte Frey.

Und was wäre im Notfall zu tun? «Wir gelten als wahnsinnig gut vorbereitet», sagte er. Jodtabletten? Für Kinder nützlich, nicht aber für Erwachsene. «Pfadikonzepte». Er würde wohl auch ins Auto steigen und in sein Ferienhaus verreisen.

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