Menziken

Die Stube wird zum Reisebüro – Corona zwingt Ehepaar Daetwyler zu drastischem Schritt

Monika und Gerhard Daetwyler vor ihrem «Reisebüro Menziken». Ende September brechen sie dort die Zelte ab.

Monika und Gerhard Daetwyler vor ihrem «Reisebüro Menziken». Ende September brechen sie dort die Zelte ab.

Statt Buchungen werden im «Reisebüro Menziken» derzeit nur Stornierungen und Umbuchungen getätigt. Der finanzielle Schaden durch das Coronavirus zwingt Gerhard und Monika Daetwyler nach 22 Jahren zu einem radikalen Schritt: Sie zügeln ihr Geschäft in die heimische Stube.

Die weite Welt lockt auf den Postern in Gerhard und Monika Daet­wylers Reisebüro. Eine Kreuzfahrt im Mittelmeer, Motorradfahren in den USA oder eine Safari in Südafrika. Doch seit Jahrzehnten waren diese Ziele nicht so weit weg wie heute. Viele Destinationen sind nicht erreichbar, eine Fernreise lässt sich derzeit niemand zusammenstellen.

Seit April sind die Einnahmen des Reisebüros Menziken, einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt, so gut wie null. Und für die Zukunft werden erheblich weniger Reisebewegungen erwartet. Das Ehepaar hat sich deshalb zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Sie zügeln ihr Geschäft an ihre Privatadresse.

Die Pandemie hat das Tagesgeschäft des Reisebüros auf den Kopf gestellt: Statt Buchungen werden Stornierungen und Umbuchungen getätigt. Das Ehepaar Daetwyler ist auf massgeschneiderte sowie USA-Reisen spezialisiert, sie hätten dieses Jahr etwa geführte Ausflüge zum Grand Canyon, über die Route 66 oder zu amerikanischen Flugshows im Angebot gehabt. «Bis Oktober wird nichts gehen», sagt Gerhard Daetwyler. Gerade sei ein Kunde da gewesen, mit dem er die für Oktober gebuchte Kreuzfahrt von Kalifornien nach Florida via Panamakanal besprochen habe. «Ob man bis dahin wieder über den Atlantik reisen kann, steht aber in den Sternen.»

Wegen Corona fiel Verkauf des Reisebüros ins Wasser

Eigentlich hatten die beiden geplant, dieses Jahr die Nachfolgeregelung anzugehen und kürzerzutreten. Gerhard Daetwyler ist 59, seine Frau Monika 63 Jahre alt. Die Verkaufsverhandlungen waren bereits im Gange, auch die beiden Angestellten wären übernommen worden. Dann schwappte das Virus auf Europa über. «Und wer will ein Reisebüro während Corona kaufen», fragt der Chef. Einen sechsstelligen Betrag an Stornierungskosten gelte es, seinen Kunden zurückzuzahlen.

Dazu muss er erst die Flugkosten rückerstattet bekommen, die die Swiss und andere Fluggesellschaften ihm schulden. In den Kredittopf von Bund oder Kanton möchten die beiden lieber nicht greifen. «So kurz vor der Pensionierung möchten wir uns nicht verschulden», sagt Monika Daetwyler. Ihren beiden Mitarbeiterinnen mussten sie inzwischen kündigen, was sehr geschmerzt habe.

Bereits die Digitalisierung gut überstanden

Ab dem 1. Oktober stellen sie Reiselustigen in ihrem Heim an der unteren Dägelmattstrasse 2 Harleytouren, Mietwagenreisen, Spezialarrangements oder eine Zugreise im Orient Express zusammen. Ein Termin ist dafür zwingend. Bereits wird die Einliegerwohnung, wo das Reisebüro seinen Sitz haben wird, entsprechend eingerichtet. Der Umsatz werde nach Corona nur noch einen Bruchteil davon betragen, was sie früher umgesetzt hätten, sagt Gerhard Daetwyler. Der grosse Reiseanbieter Knecht Reisen schliesst per Ende Jahr seine Reinacher Filiale. Just die Firma, in der er die Lehre absolvierte. Dann wird das Reisebüro Menziken noch eines von wenigen in der Region sein. Im Garantiefonds der Schweizer Reisebranche bleibt es weiterhin.

Dass er sich neu erfinden kann, das hat der gelernte Reiseberater Gerhard Daetwyler bereits bei der Überhandnahme der Internetbuchungen bewiesen. «Statt über den Konkurrenten Internet zu schimpfen, müssen wir es uns zunutze machen», habe er sich vor zehn Jahren gesagt. Via Google sollten auch Kunden ausserhalb der Region auf ihre Reiseangebote stossen.

Dafür mussten sie sich unweigerlich spezialisieren. Nordamerikareisen, die auch privat sein Steckenpferd sind, boten sich da als ideale Nische an. Die jährliche Reise zum Wrestlemania-Event, Air­shows und die meisten Harleytouren begleitet Gerhard Daetwyler höchstpersönlich. Der Nischenplan ging auf: Die Menziker Telefonnummer wird inzwischen nicht nur vom Wynental, sondern auch von Kunden aus Basel, Genf oder Deutschland gewählt.

Neuerfindung statt Pensionierung

Nun steht die nächste Neuerfindung an. «Ich habe mein ganzes Berufsleben in der Reisebranche gearbeitet, ich kann gar nichts anderes», sagt Gerhard Daetwyler mit einem Augenzwinkern. Bei seinem Einstand 1978 war die Branche freilich noch fern von jeder Krise. «Ich hatte zwei dicke Bücher mit Flugverbindungen und ein drittes mit Tarifen.

Die Flüge habe ich telefonisch bei der Swissair gebucht und den Kunden von Hand ein Ticket erstellt», erinnert er sich. Die Entwicklung der letzten Jahre mit Billigflügen zum Preis eines S-Bahn-Tickets hat er mit Skepsis verfolgt. «Wie sich die Flugreisen genau entwickeln, weiss heute niemand. Wir müssen uns wohl aber daran gewöhnen, dass künftig nicht mehr vier Flieger täglich von Zürich nach New York fliegen.»

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