Ein Tüftler und Bastler aus Leidenschaft

Kölliken Matthias P. Müller arbeitet trotz Frühpension an zahlreichen Projekten – ein Besuch in seinem Atelier in Uerkheim

Lilly-Anne Brugger
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Matthias P. Müller in seinem Atelier in Uerkheim. Im Moment arbeitet er vor allem mit Ton.lbr

Matthias P. Müller in seinem Atelier in Uerkheim. Im Moment arbeitet er vor allem mit Ton.lbr

«Momentan bin ich in der Ton-Phase», sagt Matthias P. Müller. Sein ganzes Atelier in Uerkheim zeugt von dieser Phase, die nun schon etwa ein Jahr dauert: Überall hat es kleine Tongefässe, auf einem Tisch steht ein Kunstwerk aus Ton, gegenüber auf dem Regal lagert Müller Tonplättli. «Das ist die neueste Aufgabe, die ich mir gegeben habe», schmunzelt der 60-Jährige. «Ich will das Badezimmer mit selbst gemachten Plättli auslegen.» Einige hundert Stück benötigt er dafür. Das Schwierigste sei, dass die Plättli beim Brennen schön flach blieben, erklärt Müller. Er hat so lange getestet und geprobt, bis er Plättli herstellen konnte, die auch wirklich flach sind.

Arbeit mit Kopf und Händen

Das Tüfteln, sich mit Akribie mit etwas auseinandersetzen, das liegt Müller – nicht nur wenn er mit Ton arbeitet. Auch Holz, Wachs oder Farbe und Leinwand gehören zu den Materialien, mit denen er in seinem Atelier in Uerkheim arbeitet. Wenn der Kölliker Holz verwendet, baut er meist Spielzeuge und Modelle. Viele davon für seine Enkelkinder, andere aber auch für sich selber. Stolz nimmt er einen selbst gebauten grünen Holz-Oldtimer in die Hand. «Ich habe mir die Aufgabe gestellt, möglichst viel an diesem Modell mit Holz auszuführen», sagt Müller. Mit Ausnahme von zwei, drei feinen Drähten hat er diese Aufgabe erfüllt: Das Chassis, die Räder, der Auspuff und sogar die Federung sind aus Holz.

Matthias P. Müller wollte immer die Arbeit mit dem Kopf und die Arbeit mit den Händen miteinander verbinden. Er hat an der ETH Materialwissenschaften studiert und nach dem Studium bei der ehemaligen BBC gearbeitet. «Ich habe mich mit Rissen auseinandergesetzt», sagt Müller. Er hat erforscht, ob sich die Produkte seines Arbeitgebers unter Betriebsbelastung bewähren werden – oder ob sich unerwartet Risse bilden könnten. Nach zwei Jahren in den USA als Assistent an der Carnegy Mellon University in Pittsburgh zog es ihn wieder in die Schweiz zurück. Nach einem kurzen beruflichen Zwischenspiel in Biel konnte Müllers damalige Frau ihr Elternhaus in Unterentfelden erben, und die mittlerweile auf fünf Personen angewachsene Familie kehrte in den Aargau zurück. Müller fand einen Job bei Escher-Wyss.

«Die meisten meiner ehemaligen Arbeitgeber gibt es nicht mehr», sagt Matthias P. Müller etwas wehmütig. Dies hängt mit den Veränderungen in der schweizerischen Maschinenindustrie zusammen: Müller ist bei mehreren Arbeitgebern das Opfer von Umstrukturierungsmassnahmen geworden. Den ersten tieferen Einschnitt gab es 1988 bei Escher-Wyss. Doch anstatt zu resignieren, beschloss Müller, die Chance zu packen und sich zu verändern: Er wechselte in den Versicherungsbereich und untersuchte fortan, weshalb die verschiedensten Maschinen kaputtgegangen waren. Auf diesen Erkenntnissen basierend arbeitete er für die Versicherungen und ihre Kunden Empfehlungen aus, um die Lebensdauer der Maschinen zu erhöhen. «Ich habe mich in dieser Zeit mit Maschinen von A wie Abfallverbrennung bis K wie Kuttelputzmaschine beschäftigt.»

Frühpensionierung mit 55 Jahren

Nach einem weiteren Arbeitgeberwechsel – Müller blieb dabei der Versicherungsbranche treu – wurde der Kölliker vor fünf Jahren frühpensioniert. «Mit 55 Jahren hatte ich den Kopf voller Ideen und plötzlich unglaublich viel Zeit», schaut Müller zurück. Er genoss die kreative Zeit in seinem Atelier und probierte dies und jenes aus. In diese Zeit fällt auch Müllers «Kerzengiess-Phase». In einem aufwendigen Verfahren machte er von den verschiedensten Gegenständen Silikon-Hohlformen, die er dann mit flüssigem Wachs ausfüllte. So entstanden «Sparlampen», Kerzen in Glühbirnenform oder «Steinkerzen», Kerzen in Steinform. Er habe fast im Akkord Kerzen produziert und zuletzt nicht mehr gewusst, wo er seine Produkte noch verstauen konnte, erzählt Müller.

Autor von zwei Büchlein

Trotz der intensiven, kreativen Zeit spürte Müller eine Leere: «Das Gefragt-Sein, der Austausch mit anderen Menschen, das fehlte mir plötzlich.» Und so entschied sich der Tüftler, der mittlerweile mit einer neuen Partnerin in Kölliken wohnte, in die Kirchenpflege einzutreten. «Ich möchte nicht in einem Dorf wohnen und mich nicht engagieren», sagt er. Zwei Jahre später wurde er Präsident der Kirchenpflege.

Ein weiteres Hobby, das Müller zu jener Zeit entdeckt hatte, ist das Lesen – und das Schreiben. Wenn Müller heute ein Buch liest und es ihn packt, dann kann er ohne Probleme das ganze Werk in einem Zug verschlingen. Ähnlich euphorisch, atemlos und ohne Pause wird Müller, wenn er selber schreibt. Mittlerweile ist bereits das zweite dünne Büchlein im Eigenverlag erschienen. Das erste, «Im Handstand über die Zimmerdecke», ist vor drei Jahren entstanden. Das zweite, «Station machen», ist erst gerade aus der Buchpresse gekommen. Ideen für weitere Geschichten seien vorhanden, verrät Matthias P. Müller. Doch wann es ihn wieder packt und er ein drittes Buch schreiben wird, kann er nicht sagen.