Bezirksgericht Kulm

«Er nannte mich Hure und Schlampe, riss mich an den Haaren»: Täglicher Kleinkrieg im Konkubinat

Die Anklägerin warf dem Angeklagten vor, sie nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einem 40 Zentimeter langen Fleischermesser bedroht zu haben. (Symbolbild)

Die Anklägerin warf dem Angeklagten vor, sie nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einem 40 Zentimeter langen Fleischermesser bedroht zu haben. (Symbolbild)

Was soll ein Richter tun, wenn Beweise fehlen und Aussage gegen Aussage steht? Ein Fall am Bezirksgericht Kulm zeigt, dass es im Strafrecht keine Grautöne gibt.

Was muss das für eine Beziehung gewesen sein, die Reto und Yvonne (Namen geändert) während dreier Jahre geführt haben! «Er nannte mich Hure und Schlampe, riss mich an den Haaren, wollte wissen, mit wem ich SMS austausche», erzählt Yvonne, 33, schluchzend: «Ich hatte Angst vor ihm; er erniedrigte mich, freute sich, wenn es mir schlecht ging, der Horror.»

«Sie hat mir ein Bild über den Kopf gezogen und sich wegen der Scherben selber verletzt und auch den Fernseher kaputt gemacht», sagt Reto, 32. Und immer wieder habe sie seinen Lebenswandel kritisiert. Die beiden machen ihre Aussagen getrennt, sehen einander nicht. Während die eine Person vor Gerichtspräsident Christian Märki aussagt, hört die andere im Nebenzimmer mit.

Was beide bestätigen: Es habe fast täglich Konflikte gegeben in den drei Jahren ihres Zusammenseins, das letzte davon in einer gemeinsamen Wohnung. Konflikte, von denen auch Nachbarn etwas mitbekamen, wenn sie verbal ausgetragen wurden, die eine den anderen lauthals Vergewaltiger nannte, der andere die eine schlecht machte.

Beschuldigter soll zum Messer gegriffen haben

Die Anklage geht weiter, wird handfest. Yvonne wirft Reto vor, sie nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einem 40 Zentimeter langen Fleischermesser bedroht zu haben. Einen Meter vors Gesicht habe er ihr das Messer gehalten: «Ich vergesse seinen Blick nie.» Er werde ihr den Kopf abschneiden, habe Reto, gelernter Metzger, nunmehr im Gerüstbau tätig, ihr gesagt. An einem anderen Tag habe er ihr den Mund zugeklemmt und sie an den Lippen verletzt sowie den Unterarm an ihren Hals gedrückt. Einfache Körperverletzung?

Schliesslich habe Reto Yvonne gedroht, den Hund abzustechen. Und er werde Yvonnes Kopf durch die Wand schlagen, dann würde sie wissen, was Gewalt sei. Eine Anspielung darauf, dass sich Yvonne an die Kantonale Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt gewendet hatte. Was sind diese Aussagen und gegenseitigen Beschuldigungen wert? Haben Tränen mehr Gewicht als ungläubiges Kopfschütteln?

Christian Märki folgt im Wesentlichen der Argumentation des Verteidigers. Im Zweifel für den Angeklagten. Der Gerichtspräsident legt Wert darauf, dass das nicht heisse, Yvonne lüge. Ebenso wenig heisse es, dass Reto nicht tätlich werden kann. Was er aktenkundig getan hat; Gewalt und Drohung gegen Beamte.

Es heisst: Zu beweisen ist nichts; es gibt keine einschlägigen Arztberichte für die eingeklagten Verletzungen. Aussage steht gegen Aussage; Zeugen gibt es keine: Vier-Augen-Delikte. Am Ende stünden Schuldspruch oder Freispruch. Schwarz oder Weiss; das Strafrecht kenne keine Grautöne. Und er zitiert einen ehemaligen Bundesrichter: Für die Gesellschaft sei es weniger schlimm, wenn ein Schuldiger nicht bestraft werde, als wenn ein Unschuldiger bestraft würde.

Konsequenterweise wird Reto in den Punkten Drohung, mehrfache einfache Körperverletzung und Nötigung freigesprochen. Er muss nicht, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, 180 Tage ins Gefängnis. Dass er im Februar dieses Jahres eine Linie Kokain konsumiert hat, bestreitet Reto nicht. Und dafür wird er bestraft. 600 Franken Busse kostet ihn das.

Dagegen erhält er 600 Franken Genugtuung für die drei Tage Untersuchungshaft. An den Kosten für das Verfahren und die Verteidigung hat er sich zu einem Viertel zu beteiligen. Und das Metzgermesser bekommt Reto zurück. Offen bleibt, ob die Staatsanwaltschaft den Fall ans Obergericht weiterzieht.

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