Schöftland
«Es riecht nach Klebstoff, Gummi, Leder und ein wenig nach Weisswein»

Mit Humor, Lakonie und sinnlicher Sprache schreibt Christian Härdi über einen Schuhmacher, der untertauchen will.

Peter Weingartner
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Der Orthopäde Christian Härdi schreibt auch für seinen Berufsverband.

Der Orthopäde Christian Härdi schreibt auch für seinen Berufsverband.

Peter Weingartner

Schöllanden? Da war doch was. Hermann Burger nennt in seinem grossen Roman «Schilten» Schöftland so. Und «Schöllanden» heisst die 116 Seiten starke Geschichte des Schöftler Orthopädieschuhmachers Christian Härdi. Er schätzt Burger offensichtlich, übernimmt auch den Namen des Schiltener Lehrers für seine beiden Protagonisten: Schildknecht.

Wer kennt diese Situation bereits? Zwei ins Alter gekommene Geschwister, ledig, die ein Leben lang nicht voneinander losgekommen sind, in erdrückender Enge leben und einander gewaltig auf den Geist gehen, andererseits aufeinander angewiesen sind. Das sind die beiden Brüder Peter und Erwin Schildknecht. «Ich hatte diese Konstellation schon lange im Kopf», sagt Christian Härdi.

Zweibrüderhaushalt

Peter weiss, wo der Schuh drückt; er ist Schuhmacher, wie der Autor. Da kann Härdi aus dem Vollen schöpfen, und er tut dies in souveräner Manier, konkret und lustvoll ins Detail gehend, von Hermann Burger inspiriert. Der erste Satz setzt die Atmosphäre: «Es riecht nach Klebstoff, Gummi, Leder und ein wenig nach Weisswein.» Er hat in jüngster Zeit ein Alkoholproblem, der Peter, denn er ärgert sich ob seinem Bruder Erwin, der Vögel ausstopft, wegen Unfalls in der Rekrutenschule eine Rente bezieht und im Shoppingcenter in Ofzwingen als Eichhörnchen verkleidet Kinder bespasst. Schwarzarbeit, gut getarnt. Dabei sieht er sich als Weltverbesserer; er hat einen Masterplan. Peter fühlt sich ausgenutzt. Sein Bruder, auch Zecke genannt, hat es faustdick hinter den Ohren: geheime Geschäfte. Der Schuhmacher will nicht länger Wirt der Zecke sein und plant die Flucht. Mehr noch: Er möchte verschollen gehen.

Während Erwins Fürze aus dem Bad hallten, hat Peter zum Abschied mit dem Absatz des kamelbraunen Schuhs den Kopf eines darniederliegenden Waldkauzes zerquetscht.

(Quelle: Christian Härdi, «Schöllanden»)

Ein zweiter Erzählstrang, jener der örtlichen Musikgesellschaft und deren erstem Posaunisten, streift das Bruderelend, als auf einer Wanderung im Wallis jemand abstürzt, weil der angetrunkene Peter bei der Schuhreparatur gepfuscht hat. Das ruft die Polizei nach Schöllanden in die Wohnung der Schildknecht-Brüder.

Atmosphärisch dicht

Christian Härdi gelingt es, atmosphärisch dichte Szenen zu gestalten. Man riecht den Mief förmlich, die Innereien der Vögel, die Verkommenheit. Und die Dohlen am Kirchturm fliegen tatsächlich. Seine Geschichte hat Zug, und man will wissen, wie sie endet. Der Sprache ist anzumerken, dass an ihr gefeilt wurde. Verwandtschaft zum Beruf? «Ein gewisser Perfektionismus muss schon sein», meint Härdi, «es muss passen.» Humor, Lakonie, sinnliche Sprache: «Während Erwins Fürze aus dem Bad hallten, hat Peter zum Abschied mit dem Absatz des kamelbraunen Schuhs den Kopf eines darniederliegenden Waldkauzes zerquetscht.» So verschafft sich aufgestauter Groll Luft.

Der Vater zweier Kinder schreibt für sich, Freunde und Kunden. «Es muss mir Freude machen.» Härdi schreibt auch Schuhgeschichten für die Verbandszeitschrift des Berufsverbands der Schuhmacher und Orthopädieschuhmacher.

Einer Idee eine Form geben. Das ist Härdi mit «Schöllanden» und einem überraschenden Finale gelungen.

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