Bezirk Kulm

Fehlender Anstand: Bezirkspräsidentin schlägt Alarm – «die SVP hat eine Revision nötig»

«Ich bin mit der SVP gross geworden. Ich liebe diese Partei mit all ihren Kanten und Ecken.», Präsidentin der SVP Kulm, Barbara Borer-Mathys (Archivbild)

«Ich bin mit der SVP gross geworden. Ich liebe diese Partei mit all ihren Kanten und Ecken.», Präsidentin der SVP Kulm, Barbara Borer-Mathys (Archivbild)

Die Präsidentin der SVP Kulm, Barbara Borer-Mathys, macht sich Sorgen um ihre Partei und macht Vorschläge, wie es weitergehen könnte. Unter dem Titel «Die SVP hat eine gehörige Revision nötig» beschreibt sie ihre Einschätzung.

Rechtsanwältin Barbara Borer-Mathys (37, Holziken) ist Präsidentin der SVP des Bezirks Kulm. Sie hat zwei Funktionen: Als Parteipräsidentin will sie in zehn Tagen die vier Sitze der SVP im Bezirk Kulm verteidigen. 2016 erreichte die Partei dort einen Wähleranteil von 42 Prozent – den höchsten im ganzen Kanton. Als Privatperson möchte Barbara Borer-Mathys in den Grossen Rat gewählt werden. Sie hat die SVP quasi im Blut. Ihr Vater ist Hans Ulrich Ma­thys (74), ehemaliger Nationalrat und ehemaliger Kantonalparteipräsident.

Barbara Borer-Mathys macht sich Sorgen um den Zustand ihrer Partei, die im Aargau von Nationalrat Andreas Glarner (57) präsidiert wird. Unter dem Titel «Die SVP hat eine gehörige Revision nötig» beschreibt sie ihre Einschätzung. Der Name Glarner steht nicht im Text, aber es ist klar, wer gemeint ist. Die AZ publiziert den Diskussionsbeitrag, den Barbara Borer-Mathys der Redaktion zugestellt hat, nachfolgend im vollen Wortlaut (die Zwischentitel stammen von der Redaktion):

«Dieser Tage liest man viel darüber, warum die SVP Abstimmungen verliert und warum sie den Zenit überschritten hat. Namhafte Medien sprechen von abhanden gekommenem Anstand, Verlust der Bindung zur Basis, überalterten Leitfiguren und fehlenden Charakterköpfen mit einer Vision für die Zukunft.

«Wir politisieren offensichtlich teilweise am Volk vorbei»

Für mich ist klar: Es gibt Grund­regeln, wie man sich begegnet und miteinander umgeht. Der Respekt gegenüber Andersdenkenden ist das Öl im Getriebe des Zusammenlebens. Das gilt für alle, die am politischen Diskurs teilnehmen, von links bis rechts. Das kommt unserer SVP mitunter abhanden.

Es stimmt, unsere Partei muss sich neu orientieren. Es stimmt, gewissen Exponenten fehlt der Anstand. Es stimmt, unsere Partei rudert im Wasser umher, vielfach ohne Boden- und Uferhaftung. Und es stimmt auch: wir politisieren offensichtlich teilweise am Volk vorbei. Dass das unsere Exponenten auf Stufe Schweiz und Kanton nicht merken oder merken wollen, stimmt mich nachdenklich.

Wir müssen aufhören, uns auf alte Strategien zu verlassen. Sie helfen uns heute kaum noch. Unsere Partei muss wieder lernen, dem Volk den Puls zu fühlen. Und dieser Puls schlägt heute anders als noch vor Jahren. Wir sind eine staatstragende Partei, wir stellen zwei Bundesräte, zwei Regierungsräte. Wir sind die stärkste Fraktion im Aargauer Parlament. Trotzdem gelingt es kaum, mit anderen bürgerlichen Parteien einen Schulterschluss zu erwirken. Warum ist das so? Liegt es immer nur an den Anderen, die angeblich zu links sind, unzuverlässig, zu sehr die Fahne im Wind?

«Wir müssen lernen, ein verlässlicher Partner zu sein»

Wir werden nicht besser, wenn wir die Schuld immer nur bei diesen Anderen suchen. Wir müssen lernen, den Menschen unsere Positionen besser zu erklären. Wir müssen lernen, ein verlässlicher Partner zu sein. Hart in der Sache, anständig im Ton, mit dem Willen zum Kompromiss – wenn auch nicht um jeden Preis.

Es gibt in unserer Partei Positionen und Werte, die nicht verhandelbar sind: die Frage der Zuwanderung, in der wir seit Jahrzehnten eine klare Position einnehmen, denn wir schaffen es nicht, alle aufzunehmen, die auf der Suche nach einem besseren Leben zu uns kommen. Das ist Realität. Oder wenn es um die Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz geht: Ein Beitritt zur EU oder ein institutionelles Rahmenabkommen in der vorliegenden Form ist keine Option.

«Angerostete Teile im SVP-Getriebe auswechseln»

Aber bei der Mobilität, beim Klima, bei der Altersvorsorge, hier sind wir gefordert. Es sind Lösungen gefragt und möglich, ohne dabei den bürgerlichen Kompass aus den Augen zu verlieren. Davon bin ich überzeugt. Immer nur Nein sagen treibt uns die Wähler in die Arme der Gegner.

Ich bin mit der SVP gross geworden. Ich liebe diese Partei mit all ihren Kanten und Ecken. Aber ich bin Realistin genug, um zu merken, dass wir in unserem SVP-Getriebe eine Revision vornehmen und wahrscheinlich auch gewisse angerostete, ausgeleierte und überflüssige Teile auswechseln müssen. Ich bin bereit, mich dafür mit aller Kraft einzusetzen.» 

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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