Theater Reinach
Firma First: Die Liebe in Zeiten der Krise

Das Reinacher Theater am Bahnhof bringt mit «Kleiner Mann, was nun?» eine Geschichte im Angestelltenmilieu auf die Bühne.

Peter Weingartner
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Pinneberg (Stefan Lienhard) und Lämmchen (Susanne Vonarburg-Lässer).

Pinneberg (Stefan Lienhard) und Lämmchen (Susanne Vonarburg-Lässer).

wpo

Berlin ist auch im Wynental. Oder umgekehrt. Und 1932 ist auch 2018. Als Hans Falladas Roman «Kleiner Mann, was nun?» 1932 erschien, waren die Folgen der Weltwirtschaftskrise – hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Werteverlust, politische Orientierungslosigkeit – aktuell. Die Nazis standen vor der Machtübernahme.

Und heute? Wählen die Arbeiter Milliardäre. Und gibts Entlassungen, wenn die Rendite nicht stimmt. Fallada macht dem kleinen Mann keine Vorwürfe. Vielmehr zeigt er ihn in seinem ehrlichen Bestreben, anständig zu bleiben.

«Wir haben das Stück im Gorki-Theater in Berlin gesehen und waren sehr berührt», sagt Regisseurin Gunhild Hamer. Im Hinterkopf: Ein Stück für das TaB-Theater, das sich mit der Industriekultur im Wynental verbinden lässt.

Gesehen – gefunden: Man traf im Regisseur des Gorki-Theaters Hakan Savas Mican auch den Autor einer Volkstheaterversion, die Gunhild Hamer und Produktionsleiter Clo Bisaz gefällt. Er wird an der Premiere vom 2. März in Reinach anwesend sein.

Publikum auf Drehstühlen

Mitten durch den Zuschauerraum führt ein ansteigender Laufsteg. Ansteigend ist auch absteigend, je nach Geh-Richtung. Ebenfalls im Zuschauerraum, erhoben, ist rechts die Wohnung der Mutter des kleinen Mannes Johannes Pinneberg, links die spätere Unterkunft Pinnebergs und seiner Frau Emma, genannt Lämmchen.

Das Publikum sitzt auf Drehstühlen. Und auf der eigentlichen Bühne stehen unter anderem auch die Kleiderständer, die Verkäufer Pinneberg leeren müsste. Verkaufen halt. Nachdem er vorher vom Getreidehändler als Buchhalter entlassen worden war, da der Händler seine Tochter gerne verkuppelt hätte, Pinneberg aber Lämmchen liebt. Solidarität? Fehlanzeige. Jeder ist froh, trifft es nicht ihn.

«Kostenlos leben wir, kostenlos, schwerelos, haltlos leben wir», singt der Chor. Musik spielt eine grosse Rolle in der Inszenierung. Trompete, Schlagzeug und Klavier, und zwar live. Dazu schaffen Projektionen Atmosphäre.

So sieht man einen Berliner Bahnhof oder einen Park. Im Kleiderladen, wo Pinneberg Arbeit gefunden hat, wird ein Reorganisator angestellt. Das kennen wir doch: Mc Wieviel? Er verdient etwa das Zwanzigfache von Pinnebergs Gehalt, und als jener die Vorgaben, den «Quotenplan», trotz verzweifelter Bemühungen nicht erreicht, wird er entlassen. Kleiner Mann, was nun?

Firma first

Der Stoff ist mehrfach verfilmt und fürs Theater dramatisiert worden. Die aktuelle Fassung nimmt das moderne Gefasel von «Krise als Chance» oder «an der Performance arbeiten» auf. Fahl in den Gesichtern, grau in der Kleidung, so erscheinen Arbeitslose. «Wir stellen keine neuen Kräfte ein, denn wir bauen die alten ab.»

Logik? Pinneberg wird klargemacht: Zuerst kommt immer die Firma. Unpünktlichkeit wird mit fristloser Entlassung geahndet. Dabei haben Pinneberg und Lämmchen inzwischen ein Kind. Na und? «Ihr Privatleben ist für die Firma gänzlich ohne Interesse», sagt der Chef.

Es wird hochdeutsch gesprochen, an der Probe auch (meistens) im informellen Umgang. «Eine interessante Herausforderung für die Spielenden ist das gewesen», sagt Gunhild Hamer. Ein Sprachtrainer hat mit ihnen gearbeitet.

«Den Text in Mundart zu übersetzen, wäre schade gewesen; er hätte verloren», ist Hamer überzeugt. Die beiden Hauptpersonen zeigen sich im Stück als positive Identifikationsfiguren, die nicht aufgeben: In unsicherer Zeit bleiben sie sich treu, lassen sich nicht biegen. «Und sie stehen immer wieder auf», sagt Clo Bisaz.

«Man schätzt, was man hat» – Interview mit Stefan Lienhard

Stefan Lienhard (42) aus Beinwil am See spielt Johannes Pinneberg, den kleinen Mann. Der Primarlehrer kennt den wirtschaftlichen Druck, ein Thema des Stücks, von seinem früheren Beruf als Typograf.

Wie fanden Sie in Ihre Rolle als «kleiner Mann»?

Stefan Lienhard: Am Anfang hatte ich das Gefühl, ich sei weit weg von der Rolle des Pinneberg. Mit dem Spiel bin ich auf die Essenz gekommen: Pinneberg steht in seiner Tragik für viele Leute auf der Welt, die kämpfen, ausgenutzt werden, ihre Arbeit verlieren, sich wieder aufraffen. Ein Leuchtturm ist seine Frau, die übernimmt, wenn er ausfällt.

Was fasziniert Sie an diesem Stück?

Lienhard: Wir haben die Inszenierung in Winterthur gesehen und die Zeitlosigkeit des Stücks erkannt. Es gehört auch in die heutige Zeit. Jeder findet in den Figuren Anknüpfungspunkte zu seinen Lebenserfahrungen. Das Stück ist ja nicht nur traurig. Pinneberg und seine Frau machen auch Mut.

Sehen Sie die Welt nun anders?

Lienhard: Man sieht und weiss ja vieles, auch, dass es immer schlimmer zu werden scheint. Aber die Chose wurde präsenter im Hirn. Und man schätzt, was man hat. Ich sehe die Aktualität auch bei den Kindern in der Schule: Fehlende Betreuung, da beide Elternteile arbeiten müssen, um gesellschaftlich mithalten zu können.

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