Frauenstimmrecht
Es ging ihr um die Rechtsgleichheit der Frauen mit den Männern: Julie von May von Rued forderte, was selbst heute noch fehlt

Sie gilt als eine der «Heldinnen des Frauenstimmrechts» und lebte unter anderem im Ruedertal. Eine Spurensuche.

Peter Weingartner
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Julie von May, Schlossrued

Julie von May, Schlossrued

zvg

Am 7. Februar feiert die Schweiz 50 Jahre Frauenstimmrecht. Ein denkwürdiger Tag. Und das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes. Vor einer Woche zeichnete der «Tagesanzeiger» den Weg zum Frauenstimmrecht nach. Unter den «Heldinnen des Frauenstimmrechts» fand eine Frau Erwähnung, die (auch) im Ruedertal gelebt hat: Julie von May von Rued (1808 bis 1875). Welchen Beitrag hat die Berner Patrizierin, durch Heirat vom Weingut Belletruche in Mont-sur-Rolle im Waadtland auf Schloss Rued gekommen, geleistet?

«Lieber hätte man einen Sohn empfangen»

Schwierig zu sagen, was alles dazu geführt haben mag, dass Julie von May zu einer führenden Frauenrechtlerin geworden ist. Gewiss war sie belesen und konnte sich ausdrücken. Ihren Schwiegervater Carl (1768 bis 1846) unterstützte sie bei der Niederschrift seiner «Geschichte der Herrschaft Rued». 1827 heiratete sie dessen Sohn, ihren Cousin Friedrich Amadeus Sigmund von May (1801 bis 1883), einen Privatgelehrten, der nach einem Reitunfall pflegebedürftig geworden war. Julie pflegte ihn, ging mit ihm auf Reisen und erledigte pflichtschuldig die Sekretariatsarbeiten ihres Mannes, der theologische und juristische Essays schrieb, naturkundliche Studien machte, sich der Astronomie und der Homöopathie widmete und von 1838 bis 1840 im Grossen Rat des Kantons Aargau sass.

Die Bemerkung ihres Schwiegervaters, «lieber hätte man einen Sohn empfangen», als Julie 1840 ihre Tochter Esther gebar, mag ein Mosaikstein gewesen sein. Und sie wird in der Zeit der grossen Not um die Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders im Ruedertal, mitbekommen haben, wer in den Familien, in den Taglöhner- und Bauernfamilien die Last einer hungernden Familie zu tragen hat, wenn Männer ihr Elend im Alkohol zu ertränken versuchen. Die Benachteiligung gab es aber auch in patrizischen Kreisen, beispielsweise, wenn es ums Erben ging.

Kampf um Rechtsgleichheit zwischen Mann und Frau

Julie von May von Rued ging es um die Rechtsgleichheit der Frauen mit den Männern, und sie beruft sich in ihrer wichtigsten Schrift «Die Frauenfrage in der Schweiz», erschienen zur Bundesrevision am 12. Mai 1872, auf den Gleichheitsartikel der Bundesverfassung 1848. In ihrer Schrift appelliert sie ans Ehrgefühl der Schweizer: «Die Wiege aller europäischen Freiheit und Gleichheit, die Schweiz, hält ihre Töchter enteigneter und geknechteter als keine der sie umringenden Monarchien; das mündigste Volk Europas betrachtet und behandelt seinen weiblichen Bestandtheil als das unmündigste Kind.»

Sie moniert, dass Frauen zwar die gleichen Pflichten (Steuerrecht, Strafrecht) hätten, nicht aber die gleichen Rechte wie die Männer. Konkret: «Die Mutter hat nirgends volle Vaterrechte (über ihre Kinder), obwohl ihr beim Tode des Vaters, und nicht selten bei seinem Leben schon, alle Vaterpflichten obliegen.»

Sie büsst, während er, der Verführer, lacht

Die einzige Gleichheit sieht Julie von May von Rued im Kriminalrecht. Drastisch beschreibt sie die Ungerechtigkeit am Beispiel einer am Elend verzweifelnden Frau: «Die Kindsmörderin hat bis auf die heutige Zeit ihre Verzweiflung mit dem Leben gebüsst und büsst sie noch jetzt unter den günstigsten Aussichten mit langer Zuchthauserfahrung und lebenslänglicher Schande, während der wirkliche Urheber des Mords, der wortlose Verführer, lachend ausgeht und sein Leben nach wie vor geniesst.»

Im Gegensatz zu ihrer zeitweiligen Mitstreiterin, Marie Goegg-Pouchoulin aus Genf, die das Frauenstimmrecht forderte, glaubt Julie von May an die Einsicht der Männer und besänftigt jene mit dem Satz: «Wir erklären vorab, dass wir keine politischen Rechte verlangen, noch solche verlangen werden, so lange wir unsere Abhülfe von der Gerechtigkeit der Männer gewärtigen können.»

Nichtsdestotrotz fordert sie, was zum Teil nicht einmal das Frauenstimmrecht 1971 gebracht hat: Gleiche Ausbildung, gleiche Besteuerung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Gleichstellung im Erbrecht, Eigentumsrecht, Verwaltungs- und Verfügungsrecht, Gleichberechtigung im Ehe- und Scheidungsrecht.

Frauenvereine und Petitionen für Frauenrechte

Julie von May streicht in ihrer mehr als 20 Seiten umfassenden Schrift die Bedeutung der Bildung heraus. Und um zu zeigen, zu was Frauen fähig sind, zieht sie die Internierung der «Bourbakischen Armee im Februar 1871» heran: «Dieses beispiellose Ereignis hat Frauenhülfe und Frauenwerth ins volle Licht gestellt.»

Die weibliche Volkshälfte müsse sich selber helfen, und zwar durch das «Aufdecken von Mängeln, unter denen wir leiden und allgemeine Bekanntmachung derselben», aber auch durch die «Bildung von Vereinen oder sonstigen Verbindungen zur Beförderung der Sache», und schliesslich soll «anstatt der öffentlichen Abstimmung» mit «Petitionen mit möglichster Unterschriftenzahl» den Frauenforderungen Nachdruck verliehen werden.

Die Familie von May von Rued, verliess 1861 das Schloss Rued. Es wurde an einen Aarauer Fabrikanten verkauft, und Julie von May von Rued starb 1875 an den Folgen eines Schlaganfalls. Esther (1840 bis 1899), ihre Tochter, heiratete Hans von Hallwil (1835 bis 1909), der während knapp zehn Jahren als Regierungsrat das Militär- und das Baudepartement leitete. Sie hatten zwei Töchter, Hildegard (1862 bis 1942) und Esther (1870 bis 1945) und liessen sich 1879 scheiden.

Witzig: In seiner Familie, so erinnert sich Peter von May, ein aktuelles Mitglied der weit verzweigten Familie von May, habe man in seiner Jugend scherzhaft auf «Tante Julie» verwiesen, wenn ein Kind sich aufmüpfig verhalten habe.

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