Menziken
Gemeindeammann Heuberger tritt ab: «Die Politik hat mich nicht herzloser gemacht, aber härter»

Nach 16 Jahren im Menziker Gemeinderat, 12 davon als Ammann, tritt Annette Heuberger ab. Damit geht nicht nur eine versierte Lokalpolitikerin, sondern auch eine der letzten aktiven ehemaligen «Landesringler».

Rahel Plüss
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«Hunde sind tolle Sparringspartner.» Annette Heuberger mit ihren beiden eigenen Labrador-Retrievern Enzo und Kim (v.l.) sowie Yaron, dem Hund ihrer Tochter.

«Hunde sind tolle Sparringspartner.» Annette Heuberger mit ihren beiden eigenen Labrador-Retrievern Enzo und Kim (v.l.) sowie Yaron, dem Hund ihrer Tochter.

Sandra Ardizzone

Heute trägt sie Blau. Ein dunkler Blazer, dazu eine auffällige Kette. Grosse Kugeln auf dem hellen Shirt, alles Ton in Ton. Annette Heuberger liebt Farben. Mal kommt sie in Gelb, ein andermal in Rosa. Nie hat sie an einer Gemeindeversammlung zweimal das gleiche Outfit getragen.

«Ich habe mir jedes Mal vorher etwas Neues, etwas Spezielles gekauft. Als Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Stimmbürgern», sagt sie. «Damit sie nicht immer das Gleiche anschauen müssen.» Sie lacht. 32 Garnituren hat sie unterdessen.

Seit 16 Jahren ist Annette Heuberger (parteilos) im Menziker Gemeinderat, seit 12 Jahren als Ammann. Ende Jahr ist Schluss. Die 56-Jährige zieht sich vom politischen Parkett zurück. Damit geht nicht nur eine versierte Lokalpolitikerin, sondern auch eine der letzten aktiven ehemaligen «Landesringler». Bis zur Auflösung ihrer Partei im Jahr 1999 gehörte Annette Heuberger dem Landesring der Unabhängigen (LdU) an.

Zehn Jahre sass sie für die LdU im Grossen Rat. Ende der Legislaturperiode 2001 verabschiedete sie sich aus der Kantonalpolitik. Ein Wechsel in eine andere Partei war für die Menzikerin kein Thema, obwohl sie damals Angebote von EVP und SVP erhalten hat. «Für mich wäre das ein Verschaukeln der Wählerschaft gewesen», sagt sie.

Landesringler bis heute in Kontakt

Liberal, sozial, ökologisch: Das waren die Schlagworte der LdU. Annette Heuberger blieb ihren politischen Ideologien treu – und mit ihr weitere ehemalige Mitglieder des Landesrings. Der Politzirkel, zu LdU-Zeiten hiess der Treff «Politstubete», wurde weitergeführt und für parteilose, lokalpolitisch interessierte Menziker als Diskussions- und Informationsforum geöffnet. Die Verbindung besteht bis heute. Auch hielt Annette Heuberger stets losen Kontakt zu ehemaligen LdU-Grossratskollegen, so etwa zu den beiden Ostaargauern Walter Hunkeler und Regina Ammann.

«Die Zeit im Kantonsparlament hat mich geprägt», sagt sie. «Dort habe ich gelernt, nicht nur fürs Täli zu denken, die Region zwar im Fokus zu behalten, dabei aber den Blick fürs Gesamte nicht zu verlieren.» So hat sie fortan auch Lokalpolitik betrieben. Das Wohl von Menziken als ihre Heimatgemeinde lag ihr immer am Herzen. Dennoch war ihr als Oberhaupt eines so grossen Dorfes immer auch wichtig, die kleineren Gemeinden in die Prozesse miteinzubinden und dafür zu sorgen, «dass sie sich nicht als Verlierer, sondern als vollwertige Partner sehen».

Wahlkrimi zum Start

Annette Heuberger sah sich als Vermittlerin. In den ersten zwei Jahren als Gemeindeammann wurden diese Fähigkeiten allerdings auf die Probe gestellt, wie sie im Rückblick sagt. «Das war meine härteste Zeit.» Es war 2005. Als Gemeindeammann Jörg Zubler zurücktrat, kandidierte sie als Vizeammann für den Chefposten.

Der vormalige Ammann (1994 bis 2002), Hans Marti (SVP), forderte sie heraus. Und unterlag – allerdings erst in der zweiten Ausmarchung. Im ersten Wahlgang hatte Heuberger das absolute Mehr knapp verpasst. Die Zusammenarbeit gestaltete sich schwierig. «Wir haben uns die ersten zwei Jahre im Gemeinderat leider mitunter mit uns selber beschäftigt. Das hat uns viel Kraft gekostet.» 2007 gab Marti seinen Rücktritt.

Annette Heuberger hat ihr Amt mit Freude und Herzblut ausgeführt. «Das war eine spannende Zeit. Ich würde es wieder machen», sagt sie. Viel Positives habe sie erreichen oder mitgestalten können. «Am Schluss ist es immer das Verdienst des gesamten Gemeinderats.» Besonders stolz mache sie, «dass wir super Grundlagen für die Feuerwehrfusion legen konnten.»

Es gab auch immer wieder Tiefschläge. Dass Hans Marti seinen «Sternen» 2015 dem Kanton als Asylunterkunft vermietete, war so einer. Annette Heuberger hat Fassung bewahrt – «jedenfalls in der Öffentlichkeit», wie sie zwinkernd anfügt. «Sicher hats mich mal verjagt, aber in einem anderen Kreis. Die Bevölkerung hat das Anrecht, dass man sich professionell verhält.»

Dass sie seinerzeit das kantonale Sozialdepartement zur gemeindeeigenen Infoveranstaltung explizit ausgeladen habe, habe ihr in Menziken grossen Respekt verschafft. «Die Politik hat mich nicht herzloser gemacht, aber härter», sagt sie. Und einmal mehr habe sie damals erfahren: «Immer wenn es am heftigsten zu- und hergegangen ist, stand die Bevölkerung hinter mir.» Sie sei stolz auf ihre Menziker. «Wir haben harte Diskussionen an der Gmeind, aber nachher trägt die Bevölkerung den Entscheid mit.»

Auch sie ist eine, die Wort hält. Dafür überdenkt sie gerne eine Sache, bevor sie einen Entschluss fasst. Nein, eine Frau der Schnellschüsse sei sie sicher nicht gewesen, sagt sie und lacht. Dabei sei sie durchaus ein impulsiver Mensch. «Nur nicht in der Politik.» Das Rezept zum Gelassen-Bleiben? «Joggen.» Jeden Morgen gehe sie mit ihren Hunden rennen, ausser am Sonntag. «Das ist mein Ventil. In der Natur kann ich meinen Kopf verlüften – und Hunde sind tolle Sparringspartner.»

Woher hat sie sonst in all den Jahren noch die Kraft genommen? «Ich bin ein gläubiger Mensch», sagt sie. Auch aus dem familiären Umfeld schöpfe sie Kraft. «Mein Mann hat mein Amt immer mitgetragen.» Als sie das Ammann-Amt antrat, gab sie ihre Stelle als Pflegefachfrau am Spital Menziken auf. Ihre drei Kinder waren damals bereits 14, 16 und 18 Jahre alt.

Trotzdem habe sie sich oft rechtfertigen müssen, als Mutter ein solches Amt auszuführen. «Als Frau wird man einfach anders bewertet als ein Mann». Das habe sie gegen ihren Willen als Realität anerkennen müssen. Trotzdem hat sie nie den Humor verloren. Sie kann herzhaft lachen, auch über sich. Mit ihrer offenen Art hat sie sich manche Türe geöffnet und ein breites Netzwerk geschaffen – weit über das Täli hinaus.

Das Wynental war Landesring-Land

In den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren war das Wynental eine Landesring-Hochburg. Die Partei hatte grossen Zulauf – nicht zuletzt wegen ihrer Wynentaler Vertreter in Bern, die eine breite Abstützung genossen. «Der Landesring war eine Partei, in der sich viele gefunden hatten», sagt Annette Heuberger, Gemeindeammann Menziken und von 1991 bis 2001 LdU-Grossrätin. «Die LdU hat ein breites Spektrum an Leuten angesprochen, weil sie nicht eine Einthemenpartei war.» Die SP war damals im Wynental sehr stark. «Der Landesring war für viele eine Möglichkeit, sich dagegen und auch vom Bisherigen
abzuheben.»

Zu den Wynentaler LdU-Grössen gehörten:

- Andreas Müller (83), Gontenschwil, LdU-Nationalrat von 1976–1990.

- Samuel (Sämi) Meier (1948–1999), Teufenthal, LdU-Grossrat von 1977 bis 1991 und Nationalrat von 1990 bis 1999 (Nachfolger von Andreas Müller).

- Eduard (Edi) Wyss (1925–1996), Leimbach, LdU-Gemeinderat von 1974 bis 1993, ab 1982 Ammann.

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