Gastkommentar

General Electric baut Hunderte Stellen ab: Was tun?

Für den Aargau ist eine solche Krise nicht neu – im Gegenteil. Der Aargau ist ein Kind der Krise.

Für den Aargau ist eine solche Krise nicht neu – im Gegenteil. Der Aargau ist ein Kind der Krise.

Wirtschaftsingenieur FHNW und Präsident der GLP Bezirk Aarau Philippe Kühni (38) befasst sich mit dem Stellenabbau von GE. Kühni arbeitet seit 12 Jahren in unterschiedlichen Positionen in der Energiewirtschaft.

2015 investierte General Electric kräftig in die Zukunft: Für 12 Milliarden Dollar kaufte das Unternehmen die Stromsparte von Alstom. Fünf Jahre später ist der Kauf auf null abgeschrieben, der damalige CEO und mit ihm über 2000 erfahrene Profis für den Bau von Turbinen und Hochspannungsnetzen entlassen. Kürzlich wurde angekündigt, dass in Oberentfelden weitere 500 Stellen nicht wie geplant nach Birr verlegt werden, sondern wahrscheinlich ganz wegfallen.

Für den Aargau ist eine solche Krise nicht neu – im Gegenteil.

Der Aargau ist ein Kind der Krise

Er wurde vor 100 Jahren zum Energiekanton. Der Grund war derselbe wie heute: eine abrupte Krise. Im Ersten Weltkrieg konnte die Schweiz keine Kohle mehr importieren. Die Schweizer Politik handelte so mutig wie kaltblütig: Eisenbahn und Fabriken wurden radikal elektrifiziert. Das Land investierte Unsummen in Wasserkraft, Netze und elektrische Lokomotiven.

Die Schweiz war Pionierin und ermöglichte so den kometenhaften Aufstieg der Elektroindustrie. Darunter Giganten wie BBC, die heutige ABB, die mit Aufträgen und Know-how in einem starken Heimmarkt wachsen konnte.

BBC siedelte sich im Aargau an. Gefolgt von Konkurrenten und Zulieferbetrieben. Der Energiekanton Aargau exportierte fortan nicht nur Strom nach ganz Europa, sondern komplette Kraftwerke und Technologien.

Kurz: Die Schweiz hat die Energiekrise im Ersten Weltkrieg durch kühne strategische Entscheide in ein Geschäft verwandelt, von dem wir 100 Jahre gut gelebt haben.

Der Energiemarkt von morgen

Heute ändert sich die Energiewelt wieder: nicht vorübergehend, sondern für immer. Grosse, zentrale, fossile Turbinenkraftwerke, eben noch das Herzstück, sind nun beinah unverkäuflich. Der Energiemarkt der Zukunft ist dezentral, vernetzt und erneuerbar.

Hier die Pläne von vier Schwergewichten:

Europa will CO2-neutral werden und plant den «European Green Deal» – mit Investitionen von 2 Billionen Euro.

Auch die Schweiz hat das­selbe Ziel. Letztes Jahr beschloss der Bundesrat, bis 2050 CO2-neutral zu werden. Und bekräftigte den Entschluss seither mehrfach.

Etwas überraschender: Shell, BP und weitere Ölmultis steigen komplett aus dem fossilen Geschäft aus und investieren dafür massiv in erneuerbaren Energien. Das nicht wegen der Moral, sondern weil sie nicht mehr an die Zukunft ihres Produktes glauben.

Die verblüffendsteNeuigkeit kam am 22. September 2020: Chinas Premier Xi erklärte, dass die Volksrepublik spätestens 2060 CO2-neutral sein will.

Ein klarer Wink kommt auch von der Finanzindustrie: Immer mehr Institute weigern sich, fossile Projekte zu finanzieren oder zu versichern. Man zweifelt am Profit.

Die Welt von heute

Schon in den 1980er-Jahren ­sagte der damalige saudische Ölminister: «Die Steinzeit endete nicht, weil es keine Steine mehr gab.» Das Zitat wurde später ergänzt: «…sondern weil Bronzewerkzeuge billiger wurden.»

GE sah nicht kommen, dass die Preise für Solarpanels, Windräder und Batterien derart schnell sinken würden. Und jetzt billiger sind als Kohle, Öl und Gas. Selbst Pioniere der Branche wurden vom Tempo überrascht. Der Preiszerfall macht, was gestern noch Utopie war, mit einem Schlag wirtschaftlich.

Die neue Energiewelt besteht nicht mehr aus wenigen riesigen Kraftwerken, sondern aus Hunderttausenden winzigen, nicht selten auf den Dächern unserer Häuser. Der produzierte Strom wird direkt vor Ort verbraucht, die Überschüsse landen in den spottbilligen Batterien oder werden übers Netz mit den Nachbarn gehandelt.

Nostalgie im Aargau

100 Jahre Erfolg sind eine gefährlich lange Zeit. Die Energiepolitik im einstigen Pionierkanton Aargau ist heute ultrakonservativ. Viele Politiker sind noch immer stolz, dass der Kanton die Energiestrategie abgelehnt hat, und träumen insgeheim von neuen Atomkraftwerken.

Die Stimmbevölkerung hat das neue Energiegesetz mit 50,9 Prozent abgelehnt. Das war eine verpasste Chance. Dabei muss man nicht einmal an die Zukunft der Umwelt denken, sondern an die Zukunft des eigenen Portemonnaies. Wie schaffen wir es, dass der Aargau seine Rolle als Energiekanton auch in der neuen Welt behält? Wie schaffen wir Arbeitsplätze, um die bei GE verlorenen zu ersetzen?

Dazu braucht es – wie vor hundert Jahren – Mut. Und Mut ist nichts anderes als die bedingungslose Akzeptanz der Realität. Was im Aargau nicht erst seit der letzten Abstimmung fehlt, ist ein klares Bekenntnis der Politik. So wie unsere Vorfahren damals das klare Signal schickten. Genauso sollte es heute heissen: Raus aus den fossilen Energien, rein in die ­erneuerbaren.

Sie haben das Timing verpasst

In diesem Zusammenhang ist auch die Bürgermotion in Aarau zu sehen, die ein klares Signal fordert: Die Stadt soll verbindlich festlegen, welche Gasleitungen noch erneuert und welche dereinst stillgelegt werden. Das schafft Planungssicherheit.

Eigentlich hätten wir die Voraussetzungen, weiterhin an der Spitze zu sein. Wir haben die Fachhochschule, das Paul Scherrer Institut, die Energiekonzerne und nicht zuletzt viele innovative KMU. Was fehlt, ist der Verzicht auf Nostalgie in der Politik. Und die klare Botschaft für die Zukunft unseres Kantons: Schluss mit Öl, Schluss mit Gas. Das gibt den Rahmen vor.

Welche technischen Lösungen sich durchsetzen, das geht die Politik nichts an. Das ist Sache der Unternehmen, der Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Was aber Sache der Politik ist: nicht wie GE das Timing zu verpassen. So wie schon Churchill sagte: «Never waste a crisis.»

Philippe Kühni (38) ist Wirtschaftsingenieur FHNW und Präsident der GLP Bezirk Aarau. Er arbeitet seit 12 Jahren in unterschiedlichen Positionen in der Energiewirtschaft und kandidiert für den Grossen Rat.

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