1. August

Hauptsache geistig: «Verlorener Sohn» wurde Pfarrer statt Schnapsbrenner

Markus Anker (47) hält die Bundesfeierrede in Holziken.

Markus Anker (47) hält die Bundesfeierrede in Holziken.

Der Sohn des Holziker Schnapsbrenners zog aus, um Pfarrer zu werden. Nun besucht Markus Anker als Bundesfeierredner seine alte Heimat.

«Verlorener Sohn»? Markus Anker lacht. Heute Abend kehrt er ins Dorf zurück, in dem er aufgewachsen ist und seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Verloren hat er Holziken als Lebensmittelpunkt, denn seit 14 Jahren arbeitet der 47-Jährige als Universitätspfarrer und Lehrbeauftragter für Theologie an der Universität St. Gallen. Und er kommt ab und zu zurück nach Holziken, um seine Mutter zu besuchen und seinen Vater, der auf dem Friedhof begraben ist. Vor 20 Jahren, als Student, hat er schon mal an einer Holziker Bundesfeier gesprochen. Heute wird er es wieder tun.

«Gott hat Humor»

Wie kommt der Sohn eines Schnapsbrenners dazu, Theologe, ja Pfarrer zu werden? «Dass das möglich ist, ist für mich ein Zeichen dafür, dass Gott Humor hat», sagt Markus Anker. Als «designierter Nachfolger» seines Vaters sei es nicht ganz einfach gewesen, diesen Weg einzuschlagen. Auch seine Familie bewies aber Humor: «Hauptsache, du machst weiterhin etwas Geistiges.» Und der Herr Pfarrer verschmäht Fruchtdestillate keineswegs.

Am Waldrand aufgewachsen, liegt Anker die Natur nahe. «Ich habe eine Schnupperlehre als Forstwart gemacht», erinnert er sich an die Zeit der Berufswahl. Auch Wildhüter hätte ihm gefallen. «Ökologische Themen haben mich interessiert», sagt er. Waldsterben, Thema in den 80er-Jahren. Der Wunsch, Pfarrer zu werden, sei nach und nach gewachsen und habe sich bei ihm mit 17 Jahren verdichtet: ein vielseitiges Studium, und es geht um existenzielle Lebensthemen. «Ich wusste, was ein Pfarrer macht, was beim Juristen beispielsweise nicht der Fall war.»

Bodenständiger Hintergrund

Im Nachhinein hat sich das Aufwachsen in einer Schnapsbrennerei als gute Vorbereitung erwiesen: In einem solchen Betrieb habe man «Kundenkontakte mit allen möglichen Leuten». Zudem seien hier wie dort Beruf und Privatleben nicht scharf zu trennen. Der «bodenständige» Hintergrund helfe auch bei Menschen, die nun ein Gespräch mit ihm suchen: weniger Hemmungen, anzuklopfen.

Warum nicht Dorfpfarrer, sondern Universitätspfarrer? Das habe sich so ergeben, sagt Markus Anker. Nachdem er 2000 bis 2003 an der Uni Zürich als Wissenschaftlicher Assistent gearbeitet hatte, bewarb er sich auf die ausgeschriebene Stelle in St. Gallen. «Die Verbindung von Lehrberuf und Pfarramt – teaching and preaching – ist als Gemeindepfarrer schwierig zu bewerkstelligen», sagt er. Und genau das behagt ihm, ja es begeistert ihn. Natürlich ist er ein Exot an einer Hochschule, die nicht eben als religions- und kirchenfreundlich gilt.

Begleitung in Krisen

Zu seiner Kundschaft gehören Studenten, Dozenten, aber auch Ehemalige der Uni. Psychische Krankheiten, Lebenskrisen, Traumata. Damit kommen sie zum Universitätspfarrer. «Aber auch bei «normalen» Lebenskrisen, bei Übergängen – Studienbeginn, Studienabschluss – oder in Beziehungskrisen», umreisst Markus Anker sein grosses Arbeitsspektrum. Das reicht bis zu Kriseninterventionen. Auch Hochzeiten und Taufen kämen vor, fast keine Beerdigungen.

Im universitären Umfeld kommen ihm seine sprachlichen Kompetenzen zu pass: Er spricht nicht nur deutsch, sondern auch englisch, französisch und italienisch. Und die religiöse Ausrichtung spielt keine Rolle: Das Haus Steinbock an der Steinbockstrasse 1, wo er mit seiner Familie (Ehefrau Andrea, Pfarrerin im appenzellischen Teufen, Tochter Magdalena, 9, und Sohn Jonathan, 8) lebt, steht allen offen.

Jäger und Sammler

Steinbock? Markus Anker ist durch seinen Vater, der mit über 50 sein Patent gemacht hat, Jäger geworden. Dabei gehe es nicht ums Töten, obwohl er das Aufbrechen – Ausnehmen und Ausblutenlassen – nicht scheue, wenn er als Pächter der Jagdgesellschaft Wattwil-Schönenberg denn ein Tier erlegt hat: Das gehöre dazu, sagt er und sieht darin keinen Widerspruch zum Gebot des Nichttötens. «Ich entnehme der Natur einen Teil dessen, was sie im Überfluss hervorbringt», sagt er. Eine Frage der Nutzung der Natur. Wie die Heidelbeeren, die er nun mit seinen Kindern pflückt.

Zufall? Auch sein Lieblingsautor, der österreichische Krimiautor Wolf Haas, hat einen tierischen Namen. «Literatur, die Spass macht», schwärmt er, «die eigenwillige Syntax, die Sprache, und dann der rätselhaft verworrene Plot.» In seinen Predigten verwendet er gerne fiktive Geschichten, auch Briefe. «Ich arbeite gerne mit der Sprache», sagt er, und er hat seinen Suhrentaler Dialekt nicht verloren. Die Holziker müssen also keine Angst haben, ihr «verlorener Sohn» bediene sich heute Abend auf dem Gelände der Reithalle als Festredner an der Bundesfeier des sanktgallischen Idioms.

«Eine Predigt wäre einfacher», schmunzelt er. Wovon wird er denn sprechen? Dankbarkeit, Freiheit, der Wille zur Freiheit. Das sind seine Themen. Er freut sich auf Begegnungen mit alten Bekannten. Markus Anker zitiert ein afrikanisches Sprichwort: «Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen.» Es brauchte Holziken, um aus Markus Anker einen Universitätspfarrer zu machen, der dankbar in sein Dorf zurückkommt, um ihm etwas zurückzugeben.

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