Staffelbach

«In der Schweiz fragt man vorschnell nach dem Nutzen»

Bildhauer Thomas Lüscher wohnt in der ehemaligen methodistischen Kirche Staffelbach.

Bildhauer Thomas Lüscher wohnt in der ehemaligen methodistischen Kirche Staffelbach.

Kurse gestrichen, Ausstellungen abgesagt: Covid ist einschneidend für Bildhauer Thomas Lüscher aus Staffelbach.

Wer eine Bildhauerarbeit von Thomas Lüscher sehen will, kann diese – stilisiert oder naturalistisch – in Neuseeland finden, wo der Fünfzigjährige ein halbes Jahr lang gelebt und gearbeitet hat. Vorwiegend Holzarbeiten, manchmal verbunden mit gegossener Bronze.

Ihn faszinieren unterschiedliche Rohmaterialien, so auch Marmor. Man kann aber auch zum Staffelbacher Waldhaus spazieren und da eine Eule entdecken, welche anlässlich einer Landart-Ausstellung der Jugendkulturkommission entstanden ist.

Kirche als Atelier und Wohnung

Seit knapp sieben Jahren ist die ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche in Staffelbach Werkstatt und Heim des Holzikers und seiner Familie mit Ehefrau Rita, die als Pflegefachfrau arbeitet, und den Töchtern Nelly (17) und Emely (15).

Im ehemaligen Kirchenraum stehen Werkbänke, an denen Interessierte in fünf Kursen jeweils in kleinen Gruppen Schnitzwerkzeuge einsetzen, um eine eigene Holzskulptur zu schnitzen. Winterkurse finden zu Coronabedingungen, nach den Vorgaben vom Bundesamt für Gesundheit, mit Abstand, Maske, Stosslüften, Kaffee und Kuchen statt.

«Es gibt Leute, die kommen seit mehr als 20 Jahren, jeden Winter», sagt er. Für den Kursleiter ein Hobby, denn die Kurskosten deckten die Auslagen und machten ab und zu eine Neuanschaffung möglich. Für viele Kursteilnehmende, «Herzensmenschen», sagt Lüscher, ein familiäres Arbeiten, bei dem der Kursleiter sich als Berater sieht, Tipps gibt, Modelle und Werkzeug zur Verfügung stellt.

Reiseverbote schränken Arbeit ein

Thomas Lüscher arbeitet auch in Italien und Österreich, Deutschland und Dänemark. Er hat sich einen Namen geschaffen, wird eingeladen, wenn beispielsweise die Feuerwehr Aue im Erzgebirge ihr 150-Jahr-Jubiläum feiert, eine Tourismusorganisation auf Usedom etwas für das Ortsbild tun will oder Kulturorganisationen einen Event realisieren möchten.

Dieses Jahr war lange Zeit tote Hose. Reiseverbote nach Dänemark, wo er auf Einladung eines Schreinermuseums ein ausgewähltes Modell hätte realisieren sollen. «Ich habe sieben Wochen Arbeit verloren», sagt er. Corona sagte auch Ausstellungen ab, beispielsweise in Hotels in den Schweizer Bergen.

Die Schweiz als hartes Pflaster

Einen Lichtblick gab’s: Im Spätsommer lud die Region Serfaus-Fiss-Ladis in Tirol professionelle Bildhauer für den Herbstevent ein. Die Veranstalter kommen für Spesen und Materialkosten auf und bieten die entstandenen Werke zum Verkauf an. Was nicht verkauft wird, kann der Künstler behalten. «Manchmal kaufen die Veranstalter auch selber etwas», sagt er.

Und die Schweiz? Da werde vorschnell die Frage nach dem Nutzen gestellt. Und wenn in einer Stadt Kettensägen in Aktion träten, müsste mit Einsprachen gerechnet werden, sagt er.

Da geht er lieber mit seinem Hund Cappuccino (benannt nach dem Kapuzinerorden, nicht nach dem Kaffee), einem Lagotto Romagnolo, im Wald spazieren. Thomas Lüscher: «Das tut mir einfach gut.»

Auftragsarbeiten und freies Schaffen

Der Bildhauer lebt auch von konkreten Aufträgen wie jenem einer Zimmerei im luzernischen Buchs, wo nun vertrauenerweckend zwei riesige ineinandergreifende Hände die Visitenkarte des Unternehmens abgeben. Da ist solides Handwerk gefragt. In seinen Werken, die Holz und Bronze kombinieren, kann man auch den nachdenklichen, aber nichtsdestotrotz schalkhaften Künstler entdecken.

Etwa, wenn eine Figur, auf einer riesigen Holzkirsche stehend, am Stiel rupft, als ob sie sich selber aus dem Sumpf ziehen möchte. Oder die Plastik «Gleichgewicht». Da stehen auf einer Kugel aus Nussbaum zwei Menschen auf den Händen. Spränge ein weg, wäre das Gleichgewicht gestört. Und als Sockel, damit die Kugel nicht wegrollt, dienen Nüsse aus Bronze.

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