Sie schwingen ihre Hüften im Salsa-Rhythmus zum Hit eines kubanischen Schmusesängers. Der Herr im schwarzen Hemd und die Dame in geblümter Bluse sind ein derart eingespieltes Tanzpaar, dass sie die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden – wenn denn noch andere Tanzende im Saal wären. Denn Antonio Aiello und Lucia Costantini befinden sich nicht auf einem Rendez-vous in einem Latino-Club, sondern in Aiellos Unterentfelder Trainingslokal hinter dem Coop-Baumarkt.

Antonio Aiello zeigt erst die einfache Form «22» und dann sein tänzerisches Können.

Antonio Aiello zeigt erst die einfache Form «22» und dann sein tänzerisches Können.

Hier will der 32-jährige Müheler bald wöchentlich Salsa-Liebhaber übers Parkett tanzen lassen. Jeden Freitag wird er seine Tür im ersten Stock des «House of Dance» öffnen, durch die man für einen Abend lang auf kubanischen Boden tritt. In Aiellos «Practicas», der in der Salsa-Szene üblichen Mischung zwischen Kurs und Tanz-Ausgang, wird vor allem getanzt, zwischendurch an Figuren geschliffen und unter dem prüfenden Blick des Lehrers weitergetanzt.

Nur Fussball im Kopf

Eigentlich hätte es gar nicht dazu kommen sollen. Das Parkett, das Aiello ursprünglich für sich vorgesehen hatte, war mit Gras bewachsen. «Seit ich klein war, spielte ich Fussball. Es gab nichts anderes neben der Schule, später neben der Stifti. Andere möglichen Hobbys ignorierte ich damals komplett.»

2002 fiel er als 15-jähriger FC-Aarau-Spieler dem Zürcher Grasshopper Club auf, der ihn unter Vertrag nahm. Der Nachwuchs-Tschutter spielte in mehreren Nationalmannschaften, von der U16 bis zur U20. Er war vom Erfolg verwöhnt – rückblickend vielleicht zu sehr. Denn irgendwann liess er die angefangene Detailhandelslehre sausen, die der GC-Vertrag beinhaltet hatte, denn er sah sich bereits als gut bezahlter Fussballprofi. «In meinem Kopf existierte nur der Fussball. Ich fehlte oft im Büro und verpasste viele Schulstunden, auch, weil ich mit der Nati an Auslandsspielen war», sagt Aiello, den man sich in seiner eleganten Salsa-Kluft so gar nicht in einem durchgeschwitzten Fussballtrikot mit Grasflecken vorstellen kann.

Doch der Traum platzte, noch bevor der Suhrentaler 20 war. Mit 17 musste er den Meniskus am linken Knie operieren lassen, mit 19 den am rechten Knie. «Meine Chancen im Profifussball wurden immer kleiner», sagt er. Doch mittlerweile hatte sich noch mehr verändert: Der Fussball, seit Kindesbeinen seine einzige Leidenschaft, hatte ernsthafte Konkurrenz bekommen. Dies, seit ihm seine damalige Freundin vorschlug, zusammen einen Salsa-Kurs zu machen. Die Beziehung zur Dame hielt nicht, diejenige zum Tanzen aber schon. «Nach dem Fussballtraining rannte ich los, um rechtzeitig in den Salsa-Kurs zu kommen. Meine Fussballkollegen scherzten bereits, ich sei ein Latino-Player, der die Frauen beeindrucken will.»

Den Fussball machte Aiello mit 21 wieder zum Hobby – zum zweitwichtigsten. Er absolvierte eine Bürolehre und ist heute für einen Haushaltsgeräte-Hersteller in der Ostschweiz als Aussendienstmitarbeiter unterwegs. Als er alle Salsakurse an der Schönenwerder Tanzschule durchhatte, gab es nur noch einen Ort, wo er hinzulernen konnte: Havanna, Kuba. «Zum ersten Mal war ich vor fünf Jahren dort, dieses Jahr gehe ich zum zehnten Mal hin», so Aiello. Wann immer sein kubanischer Salsa-Lehrer einen Besuch in der Schweiz macht, gibt er den Tanzkollegen seines Schweizer Protegés eine Lektion – eines Tages wird er auch als Special Guest in Unterentfelden vorbeischauen.

Vom Schüler zum Lehrer

Selber zu unterrichten, daran habe er eigentlich gar nicht gedacht, sagt Aiello. «Aber immer öfter kamen die Kollegen nach den Kursen zu mir und fragten, ob ich ihnen diese oder jene Figur zeigen könne.» Als man an der Tanzschule in Schönenwerd einen Salsa-Lehrer suchte, sagte eine Kollegin: «Mach das doch du.»

Den Raum in Unterentfelden mietete Aiello Anfang Jahr, um nach der Arbeit an seinen Salsa-Schritten feilen zu können. Nun können das an den «Practica»-Abenden auch andere Angefressene mit ihm machen. Können sich mitten in Unterentfelden in der Karibik wähnen, während der Salsa-Sänger aus dem Lautsprecher auf Spanisch singt: «Dein Blick macht mich verrückt.»