Reinach
Jetzt gehts auch ohne Kassiererin

Coop-Kunden rechnen in Reinach ihre Produkte jetzt selber ab – ein Problem für die ältere Generation?

Rahel Plüss
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Viele junge Leute benutzen gerne die Self-Checkout-Automaten, die älteren tun sich zum Teil schwer. Rahel Plüss

Viele junge Leute benutzen gerne die Self-Checkout-Automaten, die älteren tun sich zum Teil schwer. Rahel Plüss

Rahel Plüss

Sie scheint gut organisiert. Mit der linken Hand scannt sie geschickt einen Artikel um den anderen ein – was erfasst ist, kommt direkt in die Einkaufstasche – in der rechten hält sie bereits die Supercard und die Aktionsgutscheine, die sie aus einer Zeitschrift fein säuberlich ausgeschnitten hat. Kein Zweifel: Die Frau mittleren Alters steht nicht zum ersten Mal an einer Self-Checkout-Kasse.

Seit vergangenem November stehen auch im Reinacher Coop vier dieser «neumodischen Geräte», wie eine ältere Kundin, die sich nach wie vor lieber an der Kasse bedienen lässt, die Zahlautomaten bezeichnet. «Ich bin 85 und nicht mehr so schnell im Kopf», sagt sie fast entschuldigend und legt ihre Siebensachen aufs Band. Das ältere Ehepaar hinter ihr pflichtet ihr bei. «Wir haben in Gränichen kein solches System», sagt der Mann, und die Frau fügt an: «Deshalb lohnt es sich für uns nicht, umzulernen. Bis wir das nächste Mal herkommen, haben wir schon wieder vergessen, wie es geht.»

Automaten lösen Kassen nicht ab

Wird das Gränicher Rentnerpaar irgendwann doch umlernen müssen, weil es künftig keine bedienten Kassen mehr gibt? «Nein», heisst es auf Anfrage bei Coop Schweiz. «Das System löst die klassischen Kassen nicht ab, sondern ergänzt sie», so Pressesprecher Patrick Häfliger. Die Kundschaft könne weiterhin wählen, wie sie bezahlen möchte. Auch spare man damit kein Personal ein, denn selbst bei den Self-Checkout-Kassen stünden Mitarbeitende bereit, um bei Problemen zu helfen.

Der Augenschein vor Ort bestätigt Häfligers Worte. Unterdessen hat die gut organisierte Frau mittleren Alters am Self-Checkout-Automaten ihre Waren fertig eingescannt. Gebannt schaut sie auf den Bildschirm. Auf dem Display dreht ein Pfeil munter seine Runden. Weniger munter ist unterdessen der Gesichtsausdruck der Kundin. Hilfesuchend schaut sie sich um. «Hat er sich aufgehängt?» Die Frage der herbeieilenden Verkäuferin ist mehr eine Feststellung. Die Kundin kann ihren Unmut kaum verbergen: «Muss ich jetzt alles noch einmal einscannen?» In dem Moment verschwindet der Pfeil und die Maschine tut kund, dass es ihr leider nicht möglich sei, den Gutschein zu identifizieren. Was solls. Die Kundin stopft den Gutschein in ihre Manteltasche und die Kreditkarte in die Maschine. Pin eintippen, Quittung einstecken. Fertig.

«Wir sollen die Leute animieren, die Self-Checkout-Kasse zu benützen», sagt die Verkäuferin, die heute für die Betreuung der Kunden an den Zahlautomaten zuständig ist. Die langhaarige Brünette, die zielstrebig auf eine der grauen Maschinen zusteuert, bedarf offensichtlich keiner Animation. Warum sie lieber den Automaten benutze? «Weil es schneller geht und ich pressiert bin», sagt sie und widmet sich rasch wieder ihrem vollen Einkaufskorb. Den Strichcode auf der Brottüte muss sie dann aber doch einen Moment lang suchen.

Self-Checkout mit Kindern einfacher

Geht es am Self-Checkout wirklich schneller? Ein vergleichender Blick zur Kasse nebenan lässt Zweifel aufkommen. Aber eins ist sicher – man steht als Kunde nicht untätig herum. «Ich warte nicht gerne», sagt eine junge Frau. Gerade mit Kindern sei es viel angenehmer, sich nicht in die Schlange stellen zu müssen. «Weniger Gequengel, weils schneller geht und die Süssigkeiten ausser Sichtweite sind», so die junge Frau.

Die Animation durch das Verkaufspersonal scheint Früchte zu tragen. Gemäss Pressesprecher Häfliger nimmt die Nutzung der Kassenautomaten seit ihrer Einführung stetig zu. Aber wie ehrlich sind die Kunden? Scannen sie wirklich alle Waren ein? Dies kann Häfliger nicht explizit für den Standort Reinach beantworten. Schaue man aber über alle Verkaufsstellen mit Self-Checkout in der Schweiz, «gibt es keine signifikanten Abweichungen in Sachen Inventurverluste gegenüber Verkaufsstellen mit herkömmlichen Kassen.» Der Reinacher Filialleiter durfte selber keine Stellung nehmen, wie Coop Schweiz schreibt.

Ein junger Mann steuert geradewegs auf eine Kasse zu. «Nein», er lacht, «die hübsche Verkäuferin sei nicht der Grund». Nach einer Pause meint er: «Aber es ist halt schon persönlicher an der Kasse. Das ist mir wichtig.» Wenn die Schlange nicht ewig lang sei, gehe er deshalb nicht zum Self-Checkout.

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