Das Gasthaus Löwen in der luzernischen Gemeinde Rickenbach war an diesem Bettagwochenende Ausgangspunkt einer Geschichtswanderung. Der Aargauer Schriftsteller Pirmin Meier, selbst Einwohner der Gemeinde, passierte am Samstagnachmittag während einer knappen Stunde wirkungsträchtige Wegmarken der Schweizer Historie.

In seinem sprudelnden und quellenreichen Vortrag verwickelte Meier die Schlacht bei Sempach und diejenige bei Marignano, die Geschichte der Habsburger und den Vorabend zum Sonderbundskrieg zu einem Erzählstrang, den er im grossen Saal des über 500 Jahre alten Gasthauses Löwen festzuknüpfen wusste.

Das Gasthaus wurde schliesslich mit Blick auf eine Unterschriftensammlung im Jahr 1845, mit der sich die lokale Bevölkerung gegen die Hinrichtung des Arztes und späteren Pioniers der Bundesverfassung, Jakob Robert Steiger, aussprach, zu einem Hort demokratischer Genese. «Dies ist meine tiefste Überzeugung als Historiker», erklärte Pirmin Meier seinen zahlreichen, aufmerksamen Zuhörern. «Alles was passiert, passiert netto vor Ort.»

Pirmin Meier begab sich im Rickenbacher «Löwen» auf die Spuren der Region.

Pirmin Meier begab sich im Rickenbacher «Löwen» auf die Spuren der Region.

Rickenbach beteiligte sich heuer als Gastgemeinde am dreitätigen Kulturanlass Erzähltal, der bereits zum sechsten Mal veranstaltet wurde. Organisiert vom Gemeindeverband aargauSüd und selbstständigen Teams in den einzelnen Gemeinden präsentierten 13 Gemeinden insgesamt 21 Veranstaltungen, bei welchen die Erzählung, das gesprochene und lebhafte Bilder erzeugende Wort im Mittelpunkt stehen sollte.

Kraft des Rückzuges

Pirmin Meier, der sich als kultureller Fährtenleser auf den politischen und gesellschaftlichen Spuren einer Region zeigte, passte trefflich ins Konzept. «Mit dem Erzähltal wollen wir ein breites Publikum ansprechen und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung der Region Aargau Süd stärken», sagt Martin Widmer, Präsident des Gemeindeverbandes aargauSüd.

Von der Kraft der Kontemplation und des Rückzuges erfuhren die Besucher des Erzähltals im Dominikanerinnen-Kloster von Rickenbach. Schwester Maria führte zuerst in die Kapelle, in welchem gerade eine Hochzeit vorbereitet wurde, und danach in die Zimmer des Gästehauses.

Mit ihrem besonnenen Temperament berichtete sie anekdotenreich vom Klosterleben und den Erfahrungen mit den Gästen, die im Kloster oft für einige Tage Stille und Ruhe suchen. Wie schon Pirmin Meier machte auch Schwester Maria auf den grundlegenden Charme des Erzähltals aufmerksam. All die Geschichten, die in den vergangenen drei Tagen das Publikum fesselten und unterhielten, leben von ihren Erzählern und deren Fähigkeit, Erfahrung und Wissen mit Leidenschaft zu vermitteln.

Anlass zum Leuchtturm machen

Nicht zu kurz kamen beim Erzähltal die Kinder und Schüler. So wurden vorausgehend und in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Projekt «Kultur macht Schule» drei Literaturworkshops veranstaltet. Für die jüngsten Zuhörer wurde im Schriber Bernina Nähworld in Reinach vorgelesen. Die Kindergärtnerin Judith Wyttenbach liess sich von der Umgebung aus Stoffen, Scheren und Nähmaschinen inspirieren und erzählte das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Zuvor hatte Christine Haller am selben Ort mit einem Vortrag in die Lebensgeschichte der Modedesignerin Coco Chanel eingeführt.

Für Martin Widmer, Präsident von aargauSüd, war das diesjährige Erzähltal ein voller Erfolg. «Ich bin äusserst positiv überrascht über die vielen Besucher.» Bereits hat das zuständige Kernteam Ideen für die nächste Austragung gesammelt und will sich auch technisch dem Lauf der Zeit anpassen. «Unser Ziel ist es, das Erzähltal zu einem traditionellen Anlass und kulturellen Leuchtturm in der Region weiterzuentwickeln», so Martin Widmer.