Gontenschwil

Leidenschaft und Nische gefunden: Mit dem Chüngelkäfig fing es an

Kurt Gautschi vor seinem Prunkwerk, dem 4-Meter-Buffet im Biedermeierstil. Claudio Thoma

Kurt Gautschi vor seinem Prunkwerk, dem 4-Meter-Buffet im Biedermeierstil. Claudio Thoma

Der Antikschreiner Kurt Gautschi verarbeitet Holz aus der Gegend zu Unikaten.

Regelmässig packt es Kurt Gautschi – er muss auf Einkaufstour gehen. Der Gontenschwiler und seine Frau Ruth steigen ins Auto und fahren los, von der Oberen Egg, von woher sie das ganze Wynental überblicken, ins Tal runter. Dorthin, wo es Felder, Weiden und Wiesen gibt. Denn dort liegt sein Einkaufsgut: Baumstämme, die einst zu einem Nuss-, Apfel-, oder Kirschbaum gehörten. «Der Bauer legt den gefällten Baum in Strassennähe hin, um zu zeigen, dass er zu verkaufen ist», sagt Gautschi. Der 65-Jährige ist Antikschreiner, restauriert also antike Möbel und fertigt neue Möbel im Stil einer vergangenen Ära an.

«Am beliebtesten ist der Biedermeier-Stil», sagt Kurt Gautschi. Er sei schlicht und passe zu allem, auch zu modernen Möbeln. «Die Schnörkel, mit denen Barock- oder Renaissancemöbel verziert sind, passen kaum in ein Wohnzimmer.» Auch sein jüngstes Stück ist ein Biedermeier-Möbel. Jedoch kein Stuhlset oder eine Frisierkommode. Ein junges Paar hatte ihm Anfang Jahr das Werk in Auftrag gegeben, das seine Laufbahn krönen wird. Ein über vier Meter langes Wohnzimmer-Buffet aus Nussbaumholz – Whiskeyschrank, Schreibfläche und Büchergestell inklusive.

«Solch grosse Einrichtungsstücke im antiken Stil werden heute von Privatleuten nur noch selten in Auftrag gegeben», sagt Gautschi, umso weniger habe er damit gerechnet, dass er jemals ein solches Grossprojekt ausführen dürfe. Nach dem ersten Durchschnaufen liess er die Kundschaft in seine Werkstatt kommen, denn «wir mussten uns richtig in die Augen schauen können und sie mussten wissen, was ich genau mache.» Das Paar blieb dabei: Der Gontenschwiler Antikschreiner war ihr Mann.

Käfige für Chüngel

Der Zeitpunkt war goldrichtig: Während des halbjährigen Arbeitsprozesses trat Gautschi ins Pensionsalter über, setzte einen Glanzpunkt auf seine Schaffensphase. Denn nun, so hat er sich vorgenommen, will er hauptsächlich zum Plausch schreinern und nur das, was die 65-jährigen Knochen erlauben.

Die Liebe zum Holz entdeckte Gautschi, als er seinem Vater half, ein Zubrot zu verdienen. Als Jugendlicher assistierte er dem Papa beim Schreinern von Chüngelkäfigen, um sie in Gontenschwil zu verkaufen. «Damals vor 50 Jahren hielt jeder hier Chüngel, unsere Käfige liefen sehr gut», sagt er. Der Verkaufserlös investierte der Vater in Schreinermaschinen. In der Garage von Vater Gautschi, die Sohn Kurt später in eine professionelle Werkstatt umbaute, standen Hobel-, Schleif- und Drechselmaschinen. «Ich habe mit 13 Jahren meine ersten Holz-Schälchen gedrechselt, die ich dann für einen Fünfliber in der Verwandtschaft verkaufte», so Gautschi.

Vom Modell- zum Antikschreiner

1969 begann er eine Lehre zum Modellschreiner, «weil es sich so ergeben hat». Zwar hatte er als solcher mit Holz zu tun, doch was er fertigte, diente als Modell für Metall-Einzelteile, die in der Giesserei gegossen wurden. Teile für Autos oder Webmaschinen. Keine Arbeit, wo sich seine Kreativität hätte entfalten können. Gearbeitet hat er nie auf dem Beruf. Schon während der Stifti stieg er in Vaters Werkstatt ins Metier der Antikschreinerei ein. «Ich hatte meine wahre Leidenschaft und gleichzeitig eine Nische gefunden.» Gautschis Können sprach sich unter Kennern herum, jede Kundin brachte ihm wieder eine neue – eine davon sollte er heiraten.

Sein Möbel halten Jahrhunderte

Alle seine Werke fertigt er aus dem Holz, das er von seinen Ausfahrten in der weiteren Umgebung zusammensucht. Nuss- und Obstholz aber auch Strauchhölzer wie Eibe und Goldregen verarbeitet er. «Ich mag spezielle Hölzer», sagt er. «Obstholz hat starke Farben, rötlich oder schwarz. In Kombination mit anderem Holz sorgt es für einen wunderbaren Kontrast». So leuchten auch am wuchtigen Nussbaum-Buffet rote Kirschholz-Griffe an den Schubladen. «Vom Holz, das ich kaufe, kenne ich die Herkunft und die Geschichte.» Was Gautschi schreinert, das hält ebenso viele Jahrzehnte wie die echten Biedermeiermöbel. Früher seien diese Kommoden, Schränke und Tische auch von Generation zu Generation weitervererbt worden, so Gautschi. «Heute wollen viele Junge den alten Schrank ihrer Eltern nicht in ihre modern eingerichtete Wohnung stellen.» Doch neu sei auch wieder die gegenteilige Tendenz erkennbar: Dass alte Möbel cool sind.

Morgen wird das Gautschi-Prunkstück aus Nussholz abgeholt. An den roten Griffen wird nun täglich gezogen, aus den Glasschränken Whiskey geholt, ins Gestell Schillers Werke gestellt. Wobei es beim heute angesagten Stil-Mix auch ein Harry Potter sein dürfte.

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