Schlossrued
Munderotik als Kriterium: Die Metzgete im «Storchen» ehrt die Blutwurst

Ein Verein degustiert im Ruedertal Wollschweinfleisch. Die Mitglieder bewerten Blutwürste, Leberwürste, Rippli und Schnörrli, Beilagen oder Restaurant. Geachtet wird dabei auch auf die Oralhaptik: Und zwar darauf, wie sich die Wurst im Mund anfühlt.

Peter Weingartner
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Metzgete im «Storchen»: Die einen spüren Zimt in der Blutwurst, andere den pfeffrigen Abgang. WPO

Metzgete im «Storchen»: Die einen spüren Zimt in der Blutwurst, andere den pfeffrigen Abgang. WPO

«Heil Dir, geliebtes Schwein, heil Dir, Blutwurstverein, Sanguinophilie; Ehre der Leberwurst, und dem saumäss’gen Durst. Ehre der VBL-Kunst, und des Keilers Brunst» – Die Hymne, zur Melodie von «Heil Dir, Helvetia» intoniert, singt nicht ein brauner Blut- und Boden-Verein. Es sind die Teilnehmer der Metzgete im «Storchen» zu Schlossrued. Und die rund vier Dutzend anwesenden Mitglieder des Vereins zur Förderung des Ansehens der Blut- und Leberwürste (VBL) singen im Stehen, die Hand aufs Herz gelegt. Nachher wird serviert: Fleisch von Bio-Wollschweinen, gemästet auf dem Mattenhof in Kölliken.

«Schau einmal, wie ich aussehe! Ich bin Epikureer», sagt Roland Eglin, 1934 geboren, und wohl etwas zu kurz für sein Gewicht. Er holt sich nach der Führung durch die Brauerei eine Stange Bier und geniesst eine Zigarre. Der Arzt war 16 Jahre lang Friedensrichter der Stadt Zug und meint lakonisch: «Geräucherte Ware hält länger.» Eglin ist Tafelmajor h.c., und die Ehre wurde ihm zuteil für seine Verdienste um den 1968 gegründeten Verein. Er hat Spuren hinterlassen, indem er die Tradition kultureller Vorprogramme zu den Degustationen von Metzgeten begründete: Am Samstag, organisiert vom aktuellen Tafelmajor Peter Bolliger aus Hirschthal, die Besichtigung von Brauerei und Mühle beim «Store».

Am Tisch entwickelt sich eine Weindiskussion. Ein guter Maienfelder passe zwar zur Metzgete, doch kommt ein Rioja auf den Tisch. Berge werden nun aufgetischt: Gnagi, Speck, Blut- und Leberwürste, Rippli, Sauerkraut, Bohnen, Rösti, Apfelschnitze. Und eine Zwiebelsauce. «Die ist gut, sicher nicht aus der Tüte», sagt Roland Eglin. Peter Bolliger spürt Zimt in der Blutwurst. Edgar mit dem Freiburger Dialekt nimmt einen angenehm pfeffrigen Abgang wahr. Da sind Fachleute am Werk, denn es geht auch um eine Bewertung. «Gut im Salz», sei der Speck, ist da zu hören, was im Klartext heisst: etwas zu stark gesalzen. Dafür sind die Wädli «absolut der Hammer», sagt Peter Bolliger. Und die Blutwurst besteche, so ist zu hören, durch eine vortreffliche Konsistenz, abgesehen vom Geschmack, der auch gefällt: sehr ausgewogen, aber nicht langweilig. Der Jargon gemahnt an Weinbewertungen.

Der Verein wurde 1968 von Studenten gegründet, die es satt hatten, sich Schnipo ins Gesicht zu drücken. Und eher zufällig auf die Metzgete gekommen sind. Die letzten vier Wörter des Vereinsnamens, inzwischen gestrichen, lauteten vielsagend: «und der Rolling Stones». Ein Vereinsorchester muss wieder her. In Schlossrued sind Mitglieder der Countryband «Bluet- und Leberwürscht» aus Siebnen dabei.

Der Wirt und Metzger Ferdinand Rossmüller, als Bayer mit deftiger Kost vertraut, trägt nun Souschnörrli und Öhrli auf; auch Züngli und Bratwürste werden serviert. Dabei sind die Platten noch voller Wädli, Würste und Speck. Nein, man isst hier nicht, bis man sich nicht mehr kennt. Wenn man nicht noch Auto fahren müsste, so Edgar, könnte man sich jetzt einen «coup du milieu», einen Schnaps, genehmigen: «Dann gehts nachher wieder.» Es muss auch noch bewertet werden. Eglin macht Viertelnoten. Bis zu 28 mal können Noten zwischen 1 und 6 verteilt werden. Es wird unterschieden zwischen Blutwürsten, Leberwürsten, weiteren Sauereien wie Rippli und Schnörrli, Beilagen und Restaurant. Pro Saison besucht der Verein etwa sechs Metzgeten, und die beste erhält einen Preis. Dabei muss der Durchschnitt über einer fünf liegen. Bei den beiden Kernprodukten ist auch die Oralhaptik zu bewerten. «Wir nennen das die Munderotik», sagt der Arzt. Wie fühlt sich die Wurst im Mund an?

Rund 80 Mitglieder hat der Verein, darunter auch jüngere wie Thomas Häni und Claudio Weber aus Bern. Über Radio DRS 3 wurden sie auf den Verein aufmerksam. Für sie ist das Folklore mit einem tieferen Sinn: Es gibt nicht nur das Filet; man kann alles vom Schwein verwenden.

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