Reinach
Unter ihm wurde aargauSüd Impuls zum gefragten Partner: Martin Widmer tritt Ende Jahr als Präsident ab

Acht Jahre lang hat der ehemalige Luftwaffe-Oberst den Wynentaler Gemeindeverband präsidiert. Die AZ hat mit ihm über Erfolge und Enttäuschungen in dieser Zeit gesprochen.

Flurina Dünki
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Martin Widmer gibt sein Ehrenamt bei aargauSüd Impuls ab.

Martin Widmer gibt sein Ehrenamt bei aargauSüd Impuls ab.

Britta Gut

Als sich Martin Widmer mit 61 Jahren als Chef der kantonalen Abteilung für Militär und Bevölkerungsschutz frühpensionieren liess, ging es nicht lange, bis man bei ihm anklopfen kam. Der Klopfende war der Reinacher Ammann Martin Heiz, der Widmer mitteilte, dass der noch junge Gemeindeverband aargauSüd Impuls bereits wieder führungslos zu werden drohte. Der damalige Präsident und Unterkulmer Gemeindeammann Roger Müller gab das Amt wegen Zeitmangels ab. Und den kürzlich zu viel Freizeit gekommenen Widmer betrachtete Heiz als den idealen Nachfolger. Das war 2013. «Ich kannte die Gemeinden und die Gemeinderäte der Region, also hat mich das Amt sehr interessiert», erinnert er sich.

Mittlerweile ist der Gemeindeverband, bestehend aus insgesamt 12 Wynen- und Seetaler Gemeinden plus dem luzernischen Rickenbach zu einem wichtigen Band und auch Vermittler innerhalb der Region geworden. Und Martin Widmer zusammen mit Geschäftsführer Herbert Huber seine Gesichter. In ihren eigenen, offiziellen, Worten ist der Verband «eine Denk- und Diskussionsplattform, ein Netzwerk und Impulsgeber, der die Interessen seiner Mitglieder vertritt und zwischen Gemeinden, Kanton, Forschung und Praxis vermittelt». Jetzt ist Widmer acht Jahre dabei und 69 Jahre alt – und geht Ende Jahr zum zweiten Mal in Pension. Dieses Mal vom Ehrenamt. Die Abgeordnetenversammlung vom Donnerstag in Beinwil am See wird seine zweitletzte sein - an der letzen am 11. November wird sein Nachfolger gewählt.

Dem Ruhestand nähert er sich bereits schrittweise an. Gerade ist er in eine kleinere Wohnung umgezogen. Von Oberkulm, wo er acht Jahre Gemeinderat, davon drei Jahre Ammann, war, nach Unterkulm. Ein ganz kleiner Gump, verglichen mit seiner früheren Tätigkeit als Stationsleiter der Ground Operations bei der Swissair. Der brachte ihn in den 1970ern und nach London und New York. Danach wurde der Kanton Aargau sein neues Berufsgebiet. Zuletzt war er Amtsleiter der Abteilung Militär und Bevölkerungsschutz des Kantons Aargau und militärisch Miliz-Oberst bei der Luftwaffe. «50 Jahre meines Lebens war ich nun Staatsdiener und konnte mich für die Bevölkerung einsetzen», sagt er, als er die AZ im aargauSüd-Büro in Reinach empfängt.

Landflächen-Topf ist Erfolgsgeschichte

Das Wynental hat nicht den Status von Weltmetropolen, wo Martin Widmer wirken durfte – es ist eine sogenannte strukturschwache Region, die als Solche aus dem Fonds der neuen Regionalpolitik (NRP) Gelder für Projekte bekam, welche der Gemeindeverband betreute. Projekte, die damit finanziert wurden, waren gerade angelaufen, als er zum Verband kam. Hier setzte er ein mit dem Denken, Diskutieren und Vermitteln. Zu einem der wichtigsten Projekte wurde das Siedlungsgebietsmanagement: Der Abtausch von Gewerbeflächen zwischen Gemeinden, damit Baumöglichkeiten für potenzielle Arbeitgeber entstehen.

«Wir sagen den Gemeinden nicht, was sie machen sollen, sondern nur, dass es gut wäre, darüber zu reden und dann allenfalls zu handeln»,

sagt Widmer zur Vorgehensweise des Verbands.

Unter Vermittlung und Beratung vom Verband aargauSüd, wo man den Topf mit den möglichen Landflächen drin genau kennt, konnten einige Erfolge verbucht werden. Durch einen Abtausch innerhalb Reinachs kann so etwa die Firma Kaltband im Moos ihren riesigen Erweiterungstrakt bauen oder konnte Glas Trösch in Oberkulm erweitern, indem mit Menziken eine Industriezone abgetauscht wurde. Die kompetente Vermittlung in der Sache hat Interesse geweckt: Man geht als Firma inzwischen zuerst ins Büro von aargauSüd, wenn man bauen möchte. Und auch in den Entstehungsprozess neuer Bau- und Nutzungspläne hat der Verband Einsicht.

Doch nicht nur die Wirtschaft soll im Wynental wachsen können, auch ein kulturelles Angebot gehört zur Lebensqualität. Beim «Erzähltal» etwa, das 2008 entstand, ist der Präsident seit 2014 Vorsitzender im Kernteam und wenn ein Virus keine grossen Veranstaltungen zulässt, beweist dieses Einfallsreichtum: «Nachdem wir letztes Jahr alles absagen mussten, werden wir in diesem Herbst ein Erzähltal unter freiem Himmel machen und auch den fisch eingeweihten Höhenweg einbinden

Der Verband schafft es nicht überall, zu vermitteln

Wo vermittelt und beraten wird, fährt man auch Schlappen ein. Als die Verhandlungen zur Bildung der Kreisschule aargauSüd in eine Sackgasse gerieten, konnte auch der in eingespannte Gemeindeverband nicht mehr helfen. Erst beim zweiten Anlauf, unter Federführung der Gemeinden, entstand die neue Kreisschule. Es gilt, sich von solchen Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Eine Weisheit, die auch potenzielle Nachfolger von Widmer beherzigen müssen. Anwärter in engerer Auswahl gibt es dafür schon.

Und dann ist da noch die Baustelle «Böhlerknoten», wo sich nicht bald eine Lösung abzeichnet: «Wir sind nach wie vor der Meinung, ein T-Knoten wäre die beste Lösung», sagt Widmer, der selber 30 Jahre lang mit dem Auto von Oberkulm nach Aarau zur Arbeit gefahren ist und weiss, mit welchen Stau-Problemen das Wynental kämpft. Für den Gemeindeverband wirkt Grossrätin Karin Faes (FDP) in den Begleitgruppen mit.

Auf gutem Wege ist man dafür mit dem Blick über den Böhlerpass. Der Regionalverband Suhrental ist inzwischen ein enger Partner und die Beziehung soll im Rahmen eines neuen NRP-Projektes noch enger werden. Eine Fusion war mal Thema, doch stattdessen haben sich die beiden Nachbarverbände auf eine intensivere Zusammenarbeit geeinigt. «Beide sind wir kleine Gemeindeverbände mit vergleichsweise hohen Fixkosten», so Widmer, «durch gemeinsame Projekte können wir Synergieefekte nutzen und sparen».