Reinach

Repol-Chef Holliger: «Man muss immer mit Attacken rechnen»

«Die Polizei wird heute häufiger gerufen.» Dieter Holliger (59) ist seit 2005 Chef der Regionalpolizei aargauSüd.

«Die Polizei wird heute häufiger gerufen.» Dieter Holliger (59) ist seit 2005 Chef der Regionalpolizei aargauSüd.

Dieter Holliger, Chef der Regionalpolizei aargauSüd, über vermehrt heikle Einsätze, Leerläufe und warum er die Bürogemeinschaft mit der Kantonspolizei vermissen wird

Für die Regionalpolizei (Repol) aargauSüd ging das vergangene Jahr mit einer Verfolgungsfahrt mit spektakulärem Ausgang zu Ende. Ein Mann floh kurz vor Weihnachten mit seinem Auto vor einer Polizeikontrolle in Reinach und krachte in Zetzwil in eine Hauswand.

Herr Holliger: Das waren filmreife Szenen, die sich da am frühen Morgen des 24. Dezembers abspielten. Was war genau passiert?

Dieter Holliger: Einer unserer Patrouillen war ein Autofahrer aufgefallen, der in Reinach durch eine Einbahn fuhr. Als die beiden Polizisten ihn kontrollieren wollten, gab er Gas und raste davon. Die Patrouille folgte ihm in grossem Abstand – er war sehr schnell unterwegs. In Zetzwil verlor der 40-jährige Schweizer die Herrschaft über sein Fahrzeug und krachte in eine Hauswand. Der Schaden an Auto und Fassade war gross. Zum Glück ist weder meinen Leuten noch dem Unglücksfahrer etwas passiert.

Das kommt nicht alle Tage vor?

Nein, glücklicherweise nicht. 2017 war – zumindest was das Strafmass der Fälle betrifft – ein durchschnittliches Jahr. Eine grosse Verhaftung, wie sie uns 2016 gelang, war nicht dabei. Aber es gab beispielsweise auch keine Einbruchserie in der Region.

2016 hatte die Repol mit 1227 Einsätzen eine «Rekordzahl an Ausrückungen» zu verzeichnen, wie Sie vor Jahresfrist sagten. 2017 waren es mit 1108 Ereignissen rund 10 Prozent weniger. Was lässt sich daraus ableiten?

Diese Zahl schwankt von Jahr zu Jahr. Wie erwähnt, gab es auch weniger Ereignisse in der Region. Aber ich gehe nicht davon aus, dass die Einsätze wirklich weniger werden. Die Zahl stieg in den vergangenen Jahren kontinuierlich an und hat sich jetzt auf einem sehr hohen Niveau eingependelt.

Was bedeutet das?

Das heisst nicht unbedingt, dass es mehr Kriminalität gibt. Es heisst nur, dass die Polizei mehr gerufen wird. Einerseits hat heute jeder ein Telefon bei sich, andererseits ist auch die Hemmschwelle gesunken, die Polizei zu alarmieren – nicht zuletzt aufgrund von Kampagnen der Polizei. Das ist gut so. Natürlich kommt es auch öfters vor, dass sich ein Einsatz als Leerlauf entpuppt. Aber lieber 20 Leerläufe und einen richtigen Fang, als dass jeder wegschaut.

Aber das Verhältnis ist nicht 20 zu 1?

Nein, natürlich nicht. In rund einem Drittel aller ausgerückten Fälle liegt eine strafbare Handlung vor, welche von uns oder der Kapo bearbeitet wird.

Wie viele Leute sind Sie aktuell bei der Repol?

Derzeit sind wir 14 Polizistinnen und Polizisten sowie zwei zivile Angestellte in je einem 50-Prozent-Pensum.

Welches war für Sie persönlich das speziellste Ereignis im letzten Jahr?

Ein Einsatz wegen häuslicher Gewalt ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil er sich sehr lange hinzog. Der stark alkoholisierte Mann zeigte sich äusserst unkooperativ und leistete immer wieder passiven Widerstand, sodass sich die angeordneten Massnahmen extrem in die Länge zogen und die Inhaftierung erst einige Stunden nach der Verhaftung erfolgen konnte. Wir durften ihn keinen Moment aus den Augen lassen. Er wollte permanent abhauen.

Eine gefährliche Situation?

Nicht unbedingt, der Mann hat uns nie proaktiv angegriffen. Er leistete einfach passiven Widerstand. Aber Gewaltanwendung gegen Polizisten ist auch bei uns ein Thema. Man muss unterdessen eigentlich immer mit Attacken rechnen, wenn man ausrückt – dass man tätlich oder mit Worten angegriffen wird. Vergangenes Jahr mussten deswegen fünf Personen zur Anzeige gebracht werden. Es ist eine grosse Herausforderung.

Wie meinen Sie das?

Ein Polizist muss sich immer im Griff haben – nicht nur einige Minuten lang, sondern manchmal, wie in dem genannten Beispiel, über einen längeren Zeitraum. Auch wenn er nicht beschimpft wird, ist das eine psychische Belastung. Da ist man sehr angespannt.

Dieter Holliger, Polizeichef, Oberkulm: «Was ich erlebe, beschäftigt mich manchmal schon»

«Was ich erlebe, beschäftigt mich manchmal schon»

Repol-Chef Dieter Holliger im vergangenen Herbst im Interview für die AZ-Serie «Lüt usem Aargau». Hier gehts zum Dossier der Serie.

Wie erholen Sie sich?

Nach einem langen Einsatz gehe ich erst mal ins Bett. Aber auch nach 36 Jahren im Dienst kann ich oft nicht einfach die Augen schliessen und einschlafen. Ich gehe das Erlebte und die getroffenen Entscheidungen noch einmal gedanklich durch – aber immer nur einmal. Ich entscheide, was richtig war, was vielleicht anders hätte gemacht werden können. Danach lege ich den Fall bewusst weg. Dann kann ich in der Regel einschlafen.

Die Kantonspolizei baut den Posten in Unterkulm ab Mitte Jahr um, per 2019 zieht sie sich aus Reinach zurück. Was ändert sich dadurch für die Repol?

Zwei Dinge: Einerseits ist ab Mitte Jahr die gesamte Regionalpolizei in Reinach stationiert. In Unterkulm wird von uns nur noch eine Person zu Schalteröffnungszeiten vor Ort sein. Auf unser Patrouillenkonzept hat das aber keinen Einfluss. Wir patrouillieren nach wie vor in unserem gesamten Einsatzgebiet.

Und zweitens?

Die Zusammenarbeit mit der Kapo wird für uns ein bisschen erschwert, fürchte ich. Im gleichen Büro hat man kurze Laufwege und kann im Notfall auch gleich zusammen ausrücken. Das wird nicht mehr so sein. Haben wir einen Fall, der in die Zuständigkeit der Kapo fällt, werden wir künftig auf ihre mobile Patrouille zurückgreifen müssen.

Wird die Repol dadurch öfters zuerst vor Ort sein?

Wir machen heute schon relativ viele Erstinterventionen. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass dies in Zukunft noch häufiger vorkommt. Im Gegenzug ist es aber auch möglich, dass uns die Kantonspolizei den einen oder anderen Fall abnimmt. Wir sind ja immer noch eine Piket-Organisation, haben also keinen Schichtbetrieb. Es ist denkbar, dass es für uns in diesem Bereich durch die mobilen Patrouillen der Kapo etwas einfacher wird. Vielleicht müssen wir nachts ein paarmal weniger in die Hosen steigen. Aber die Bürogemeinschaft mit der Kapo werde ich vermissen.

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