Tagesschule

Schulpionier Daniel Keller: «Kinder lernen am meisten von Kindern»

Daniel Keller arbeitete 22 Jahre an der Volksschule, ehe er 2005 zusammen mit seiner Frau Estelle die private Tagesschule Wannenhof in Unterkulm gründete.

Daniel Keller arbeitete 22 Jahre an der Volksschule, ehe er 2005 zusammen mit seiner Frau Estelle die private Tagesschule Wannenhof in Unterkulm gründete.

Daniel Keller führt mit seiner Frau Estelle die Tagesschulen auf dem Wannenhof und dem Wiliberg. Im Interview spricht er über die finanzielle Herausforderung einer Schulgründung, seine wichtigsten Grundsätze und übertherapierte Kinder.

2011 wurde in Wiliberg nach Anfrage durch Schulpflege und Gemeinderat ein zweiter Tagesschul-Standort eröffnet. Für die Gemeinde ein Glücksfall: So konnte sie ihre Schule, die sonst hätte geschlossen werden müssen, erhalten. Die Gemeinde bezahlt die Schulgelder, damit die Kinder aus Wiliberg Kellers Privatschule besuchen können. Doch im Moment kämpft der Standort mit zu geringer Auslastung. Dagegen will auch die Gemeinde etwas tun.

Herr Keller, was gab den Ausschlag, eine Privatschule zu gründen?

Daniel Keller: Ich unterrichtete 22 Jahre lang an der Volksschule, an verschiedenen Orten. Ende der 90er-Jahre übernahm ich im Refental eine Gesamtschule von der 1. bis zur 5. Klasse. Das gefiel mir ausgesprochen gut, es war prägend. An einem Fest im August 2004 mit Lehrerkollegen kam die Idee auf, im Schulhaus Wannenhof, das damals leer stand, eine alternative Privatschule aufzubauen. Dabei war auch ein Geschäftsmann. Von ihm kam der Impuls, die Idee sofort umzusetzen. Schon im Dezember 2004 hat der Regierungsrat unser Konzept bewilligt.

Ein Jahr später sind Sie gestartet.

Wir mussten genügend Leute überzeugen können, damit wir überhaupt starten konnten. Die finanzielle Herausforderung ist gross: Es braucht Personal, Gebäude, Schulbusse. Ich hatte das Glück, dass einige Kinder, die ich früher unterrichtet hatte, zu uns kamen. So konnten wir mit 14 Kindern starten.

Was sind Ihre wichtigsten Grundsätze?

Schon im Refental wurden Kinder zu mir geschickt, die besondere Bedürfnisse haben: Kinder mit sozialen Auffälligkeiten oder Lernschwierigkeiten beispielsweise. Es war von Anfang an klar, dass auf dem Wannenhof ebenfalls Platz für solche Kinder sein soll. Es braucht an den Volksschulen wenig, damit die Kinder Schwierigkeiten bekommen. Und es braucht oft ebenso wenig, diesen Schwierigkeiten zu begegnen. Das Wichtigste ist, dass man als Lehrperson zu den Kindern eine Beziehung aufbauen kann.

Eine Kritik an unseren Schulen lautet, die Kinder würden inzwischen übertherapiert.

Das Kontrollieren nimmt überhand. Es wird immer früher und immer genauer hingeschaut. Man muss genau hinschauen, keine Frage. Aber vieles ist eine Frage der Entwicklung. Und die geht nicht immer so schnell, wie es manche Leute gerne hätten. Kinder sind immer noch Kinder. Man weiss inzwischen, dass sie später nicht mehr können, auch wenn sie früher gefördert werden. Man sollte mit Frühförderung und ausserschulischen Coaching-Angeboten etwas entspannter umgehen.

Heute sind Eltern ungeduldiger?

Ja, schon die Kleinen sind mit einem Beurteilungsraster konfrontiert. Man kommt aber nicht zu mehr Leistung, indem man dauernd von Leistung spricht. Das freie Spiel kommt inzwischen zu kurz. Hier ist das noch möglich: Die Kinder können im Wald spielen, ohne dass die Lehrpersonen ständig alles vorgeben. Kinder lernen am meisten von Kindern.

Die Schule ist auch ein Ort der ideologischen Auseinandersetzung: Man streitet sich darüber, was in der Volksschule nötig ist und was nicht.

Schule macht Freude – das muss man in erster Linie einmal unterstützen. Die Unterschiede sind enorm: Der eine kann schon lesen und schreiben, der andere kann noch nicht einmal die Schuhe binden. Aber der Spruch «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» ist vollkommen daneben. Man kann auch sagen: «Was Hänschen nicht kann, kann Hans meistens.» Es braucht einfach die entsprechende Unterstützung. Wenn Kinder besonders aufnahmefähig sind, soll man diese Phasen nutzen. Wenn man merkt, dass nichts geht, arbeitet man lieber später weiter. Eine gewisse Flexibilität ist also absolut entscheidend.

Aber immer mehr Stoff aufladen – das funktioniert nicht?

Kinder können nicht immer mehr aufnehmen, das müsste auch die Pädagogik wissen. Man kann nicht immer mehr aufstocken. Klar: Medienkompetenz gehört heute dazu, ebenso der Umgang mit Computern und IT. Manche sagen, die Wandtafel sei schon auf Primarschulstufe veraltet; das ist völliger Blödsinn. Interaktive Wandtafeln werden überschätzt. Zumal Kinder heute schon viel Zeit vor Bildschirmen verbringen.

Zu Wiliberg: 2011 haben Sie dort ein zweites Standbein eröffnet; so konnte die Gemeinde ihre Schule erhalten. Wie kam es dazu?

2010 kam eine Arbeitsgruppe zu uns und fragte, ob wir Interesse hätten, in Wiliberg eine Aussenstation zu eröffnen, da die Schule sonst geschlossen werden müsse. Hier Hand zu bieten, war mir sofort sympathisch; ich kannte Wiliberg, auch weil mein Vater als Inspektor im Kanton unterwegs war. Wir wussten aber, dass das nicht ganz einfach werden würde. Wir sind dann mit 16 Schülern gestartet.

Zurzeit sind es wieder 16 Kinder. Das ist die untere Grenze. Ist der Standort gefährdet?

Wir versuchen, den Standort bekannter zu machen. Wiliberg ist der kleinste Ort im Aargau. Wer in Wiliberg wohnt, dem wird die Tagesschule von der Gemeinde bezahlt. Im Moment sind aber kaum Wohnungen in Wiliberg frei. Der Standort Wiliberg wird derzeit durch den Standort Wannenhof querfinanziert. Wir sind im Gespräch mit dem Gemeinderat Wiliberg. Längerfristig muss etwas geschehen. Für die Entwicklung des Dorfes wäre es sehr wichtig, dass die Schule erhalten bleibt.

Ihre Schule ist teuer – eine Familie, die zwei Kids zu Ihnen schickt, zahlt 46 800 Franken pro Jahr.

In Einzelfällen übernehmen Gemeinden die Schulgelder, dann nämlich, wenn ein Kind an der öffentlichen Schule nicht adäquat unterrichtet werden kann.

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