Reinach

Schweizer Premiere: Zum ersten Mal sind Brocki und Kirche unter einem Dach

Am Samstag eröfnnet die Heilsarmee Aargau Süd in Reinach ihre Brockenstube. Sie tut dies mit einer schweizweiten Neuheit.

Unter der Schublade lag er, im Geheimfach. Ein kleiner, mehrfach gefalteter Zettel. Der Liebesbrief von Coni. Gut gehütet in den Innereien des Sekretärs lag er, so gut versteckt, dass er glatt vergessen ging. Und da liegt er noch heute. Auch wenn der Sekretär inzwischen in der Brockenstube der Heilsarmee Aargau Süd steht, bereit zum Verkauf. «Dieser Brief gehört zu diesem Möbel dazu, den konnten wir nicht einfach so entsorgen», sagt Cécile Schmid, stellvertretende Leiterin der «brocki Reinach».

Rund um den Sekretär stehen natürlich noch abertausend andere Gegenstände. Und alle haben sie Geschichten zu erzählen. Vom goldrandverzierten Sonntagsgeschirr bis zum Buch, so unbeachtet, dass zwischen den Seiten noch immer die Geburtstagskarte der Tante klemmt. Auf 1300 m2 und zwei Stockwerken verteilen sich diese Gegenstände. Eine riesige Auswahl, zusammengetragen aus den Beständen der anderen Heilsarmee-Brockis im ganzen Land.

Entsprechend gross ist auch die Ungeduld der Bevölkerung, die Brocki zu erkunden; immer wieder klingle das Telefon. «Die Leute wollen wissen, wann wir endlich eröffnen», sagt Majorin Katharina Hauri und lacht. Jetzt hat das Warten ein Ende: Morgen Samstag wird mit einem «Tag der offenen Tür» auch die Brocki eröffnet, am Sonntag findet das offizielle Eröffnungsfest für den Komplex statt.

Eine Hälfte gehört der Brocki, die andere Hälfte der Kirche

Die Brocki in Reinach ist die 20. Heils–armee-Brocki der Schweiz und die vierte, die ganz und gar der Heilsarmee gehört und nicht eingemietet ist. Die Brockenstube nimmt rund die Hälfte des neuen 8,8-Millionen-Neubaus an der Wiesenstrasse ein, den die Heilsarmee im November bezogen hat. Ein schweizweit einzigartiger Komplex: Es ist der erste Bau, der sämtliche Angebote unter einem Dach vereint: Sozialarbeit, Lebensmittelabgabe (Mittwoch und Freitag), Begleitetes Wohnen, Notunterkunft, Kinderhort, Gebetsraum und Brocki.

In der anderen Hälfte des Gebäudes befinden sich im Erdgeschoss der Raum für die Gottesdienste, eine Cafeteria (die vorläufig einmal im Monat am Samstagmorgen geöffnet ist) sowie die Küche und zwei Notunterkünfte. In den beiden Obergeschossen befinden sich die Büros, die Räume für die Jugendlichen und die Kinder, ein Gebetsraum sowie die Wohnung für das Begleitete Wohnen (mit Platz für drei Bewohner ab 18 Jahren). Auf dem Dach befindet sich die Wohnung der Gemeindeleiter Katharina und Peter Hauri. Alles hell und schlicht gehalten, die Fenster mit Blick auf den Homberg.

«Hier haben wir endlich Platz, es ist ein sehr angenehmes Arbeiten», freut sich Katharina Hauri. Bis im Herbst 2019 war die Heilsarmee Aargau Süd an der Stumpenbachstrasse auf drei Gebäude aufgeteilt; acht Jahre lang wurden die Gottesdienste in einem Zirkuszelt gefeiert, das den Besucherinnen und Besuchern mehr Platz bot, aber nicht optimal war; im Sommer floss der Schweiss, im Winter sassen die Besucher im Mantel da.

«Dieser Ort ist eine gute Schnittstelle»

Mit der Brocki ist auch die Zahl der Angestellten gestiegen: Vier Festangestellte (alle 100 Prozent) betreuen die Brocki; Leiterin ist Nathalie Keller, ihre Stellvertreterin Cécile Schmid. Zu den vier Festangestellten kommt eine Stelle aus dem Wiedereingliederungsprogramm «Travaille Plus», ausserdem wird es auch Platz für Zivildienstleistende haben. Die Brocki ist von Dienstag bis Freitag (9 bis 18.30 Uhr) und am Samstag geöffnet (9 bis 17 Uhr).

Im kirchlichen Teil des Komplexes sind sechs Personen tätig; nebst den Majoren Katharina und Peter Hauri sind dies Nadine Gazzetta (Bereichsleitung Sozialdiakonie), Sabine Nestmeier (Leitung Administration und Finanzen), Mirjam Haldimann (Jugendarbeiterin) sowie Salvatore Buda (Allrounder). Und dann ist da noch Windhund Jadoo, auch er ein wichtiges Mitglied des Teams.

«Wir wünschen uns, dass wir mit diesem Neubau eine neue Anlaufstelle, einen Ort der Begegnungen schaffen können», sagt Katharina Hauri. Und Peter Hauri ergänzt: «Dieser Ort ist eine gute Schnittstelle von Menschen mit Migrationshintergrund und Schweizerinnen und Schweizern, aber auch von Menschen verschiedener sozialer Schichten.» Hier werde jedem geholfen, egal welchen Status oder Glauben er habe.

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