Zetzwil

«Sex kannst du üben»: Erste Sexualkunde-App für Menschen mit Beeinträchtigung lanciert

«Was ist Sex?» Die Themen der Aufklärungs-App sind über Links miteinander verbunden.

«Was ist Sex?» Die Themen der Aufklärungs-App sind über Links miteinander verbunden.

Die Stiftung Schürmatt in Zetzwil lanciert die erste Sexualkunde-App für Menschen mit Beeinträchtigung. Google bringt die neue App aber vorerst nicht in ihrem Play Store.

Klara, eine Frau mit dicken Brillengläsern, schmiegt sich eng an Karl. Die beiden gezeichneten Figuren sind verliebt, das sieht man in ihren Gesichtern. Ein normales Paar und doch speziell. Karl, auf dessen Schoss Klara sitzt, ist im Rollstuhl. Klara und Karl sind die beiden Protagonisten der neuen App «Klar und Einfach», die auch als Website existiert. Es ist die erste App in der deutschsprachigen Schweiz, die Menschen mit einer körperlichen oder kognitiven Behinderung als Sexualkunde-­Nachschlagewerk dient.

«Sex kannst du mit fast allen Beeinträchtigungen vom Körper haben», steht dort etwa, bewusst in einfacher Sprache. Oder: «Auch Sex kannst du üben. Du befriedigst dich selbst. Du hast Sex mit deinem Partner.» Die App-Nutzerin erfährt auch, welche Verhütungsmittel und Geschlechtskrankheiten es gibt, was ein Vorspiel ist und was eine Erektion.

Die Idee zur App hatten Mitarbeiterinnen der Stiftung Schürmatt in Zetzwil. Die Institution betreibt für jede Altersklasse differenzierte und modulare Angebote zur Bildung, Förderung und Begleitung von aktuell 550 kognitiv- und mehrfachbehinderten sowie entwicklungsverzögerten Menschen. Sie hat 450 Angestellte. Die App ist spezifisch für Erwachsene konzipiert.

«Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen»

«Viele meiner ehemaligen Kindergärtler sind inzwischen in der Pubertät oder schon älter», sagt Gisela Roth, Bereichsleiterin Kindergarten und Eingangsstufe der «Schürmatt». Wann immer sie heute deren Eltern antreffe und die Sorgen hinsichtlich Sexualität des eigenen Kindes höre, denke sie sich: «Man müsste sie in der Pubertät unterstützen können.»

Zum Thema eine App statt eines Buchs zu machen, sei naheliegend gewesen. Via App könne man sich die Texte vorlesen lassen und diese könne stetig erweitert werden. Die zweite im Boot war Anja Schenk, «Schürmatt»-Kommunikationsverantwortliche, die dritte Sibylle Ming von der Fachstelle sexuelle Gesundheit Aargau. Die «Schürmatt» rekrutierte zudem einen Entwickler aus der Region, Florian Gyger, und die Illustratorin Sabine Schwyter-­Küpfer.

Vor drei Jahren, sagt Gisela Roth, hätten sie noch keine Ahnung gehabt, welcher Chrampf die Entwicklung einer App bedeute. Das eine seien Kosten und Technik, das andere die Kunst, das umfangreiche Thema knapp und deutlich zu erklären. Klar und einfach eben. Der Leitfaden aber war gesetzt: «Wir reden in der App über Sex, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen», sagt Gisela Roth. Dieser Wunsch sei bei Umfragen bei Klientinnen und Klienten klar zum Ausdruck gekommen.

Und wenn man über Sex redet, muss man über das rein Technische hinausgehen. Nicht nur können auf der App einzelne Körperstellen von Frau und Mann angetippt werden. Nicht nur lernt man, was bei einer Befruchtung der Eizelle geschieht oder wie Hormone in der Pubertät den Körper verändern. Der Nutzer erfährt auch, was Verliebtsein ist, dass es normal ist, wenn beim ersten Mal noch nicht alles klappt oder dass man Nein sagen soll, wenn man nicht angefasst werden will.

Die moralisch-bevormundende Haltung, die noch bis vor wenigen Jahren gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung Standard war, hat keinen Einzug in die Aufklärungsapp gefunden. Dank Sätzen wie «Selbstbefriedigung tut dir gut» oder «Durch den gemeinsamen Sex fühlt sich das Verliebtsein vielleicht noch besser an» sieht sich die Nutzerin jedem andern Menschen gleichberechtigt. So werden auch Heirat und gleichgeschlechtliche Beziehungen angesprochen.

Recht zur Aufklärung haben alle

«Jeder Mensch macht dieselbe psychosexuelle Entwicklung durch, Menschen mit Beeinträchtigungen machen da keine Ausnahme», sagt Sibylle Ming. Deren sexuelle Rechte seien aber lange beschnitten worden, wie das Recht auf Aufklärung oder auf Heirat. «Nur in Kursen aufgeklärt zu werden, das reicht nicht», fügt sie an. «Jeder von uns möchte zu diesem Thema auch einmal etwas nachschlagen, ohne dass eine andere Person dabei ist.»

Bevor die App lanciert wurde, musste sie den Test durch ihre Zielgruppe bestehen. Die Klienten hätten sehr gut darauf reagiert. Oft sei dabei auch die Frage aufgetaucht: «Wie finde ich eine Freundin?» Auch dazu hat die App Tipps. Sie verweist etwa auf geeignete Partner­vermittlungsseiten wie die Schatzkiste Argovia und hält Ratschläge bereit, wenn jemand das Bedürfnis hat, sich hübsch zu machen.

Google will die App nicht im Play Store

Nach dem Jubel über die Fertigstellung ihrer App musste das Team jedoch einen Rückschlag einstecken: Im App Store von Apple kann man sie runterladen, via Play Store des Google-­Androidsystems aber nicht. Der Internetgigant aus dem Silicon Valley hatte vor ein paar Monaten entschieden, keine Apps mit sexuellem Inhalt mehr anzubieten, auch nicht solche mit Bildungszweck. Das habe etwas wehgetan, sagt Anja Schenk, denn die meisten «Schürmatt»-­Klienten hätten ein Smartphone mit Androidsystem.

Solange Google bockt, müssen diese Nutzer über die Website ausweichen. Wie genau die App verändert werden müsste, um von Google genommen zu werden, ist nicht bekannt. Doch Kompromisse einzugehen, sei es bezüglich Texte oder Illustrationen, kommt nicht in Frage. «Wir wollen, dass man sieht, was beim Sex passiert», sagt Gisela Roth.

Die Liebesgeschichte der Protagonisten Karl und Klara steht übrigens erst am Anfang. Während ihre Beziehung sich entwickelt, schicken sie sich Textnachrichten, die beim Nutzer aufpoppen. Diese Geschichte ist nicht vorgeschrieben, sondern entwickelt sich laufend. «Wo ihre Liebe hinführt oder ob sie plötzlich enden wird», so Anja Schenk, «wissen wir selber noch nicht.» Ganz so wie im echten Leben auch.

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