Spital Menziken
Spitaldirektor spricht nach der Schliessung der Geburten-Abteilung über sein schlechtes Gewissen

Das Spital Menziken schloss Knall auf Fall die Geburtenabteilung. Im Interview nimmt jetzt Spitaldirektor Daniel Schiblernimmt Stellung zu den Reaktionen.

Melanie Eichenberger und Urs Helbling
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Spitaldirektor Daniel Schibler auf dem Balkon seines Büros. Im Hintergrund das Spital Menziken.

Spitaldirektor Daniel Schibler auf dem Balkon seines Büros. Im Hintergrund das Spital Menziken.

Am Montag fand im Spital Menziken eine kleine Demo von Frauen statt. Herr Schibler, haben Sie die Emotionen überrascht, die der Schliessungsentscheid hervorgerufen hat?

Ich habe mit Emotionen gerechnet – aber nicht in dieser Form. Es war keine Demonstration, sondern eine Solidaritätskundgebung. Es hat mich berührt, dass man in dieser Situation daran dachte, den Hebammen zu danken. Und der Aufmarsch hat mir gezeigt, dass die Frauen in unserem Spital gut betreut worden sind.

Kein Mensch versteht, warum die Geburtenabteilung so überfallmässig innerhalb von drei Tagen dichtgemacht wurde. War das Spital nicht in der Lage, eine geordnete Übergangsfrist zu finanzieren?

Es geht nicht um die Finanzierung, sondern um die Sicherstellung des Dienstbetriebs. Diese war nicht mehr gewährleistet, weil wir ab dem 1. Mai nur noch zwei statt drei Gynäkologen hatten. Die Voraussetzungen, die der Kanton an eine Geburtshilfe stellt, waren damit mittelfristig nicht mehr erfüllt.

Wie ist der Entscheidungsprozess konkret abgelaufen?

Wir haben bis Ende März einen zusätzlichen Gynäkologen gesucht, der auch Geburtshilfe macht. Am 3. April beschloss der Verwaltungsrat, beim Regierungsrat die Einstellung der Geburtshilfe zu beantragen. Die Kantonsregierung erteilt Leistungsaufträge – und sie zieht sie auch wieder zurück. Der Regierungsrat entschied am 25. April, dass das Spital Menziken per 30. April vom Geburtshilfe-Auftrag entbunden wird.

Stimmt das Gerücht, dass es Bewerbungen für die Nachfolge der wegziehenden Gynäkologin gab? Die Kandidaten sollen bis heute keine Absagen erhalten haben.

Es gab Bewerber, aber sie kamen für uns aus verschiedensten Gründen nicht infrage. Wir haben tatsächlich relativ lange zugewartet mit den Absagen, weil wir nicht genau wussten, was der Regierungsrat entscheiden wird und uns deshalb die Option offen gehalten, die Stellenausschreibung weiter laufen zu lassen.

Das heisst, Sie haben damit gerechnet, dass Sie der Kanton zum Weiterbetrieb der Geburtenabteilung zwingt?

Wir haben intensiv mit dem Gesundheitsdepartement kommuniziert. Aber der Entscheid lag letztendlich beim Regierungsrat. Wir haben nicht mit einem Nein gerechnet, weil die Sachlage klar war. Aber sicher sein konnten wir nicht.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie an die Frauen denken, die Sie noch am letzten April-Mittwoch über Geburten im Spital Menziken orientierten?

Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen. Wir befanden uns in einem absoluten Sachzwang. Wir erhielten den Entscheid am Mittwoch um 19 Uhr – praktisch gleichzeitig mit dem Beginn des Informationsabends über Geburten.

In Menziken sank die Zahl der Geburten letztes Jahr auf 168. Was ist falsch gelaufen, dass Ihr Spital bei Schwangeren derart wenig Kredit geniesst?

Ob etwas falsch gelaufen ist, weiss ich nicht. Schlussendlich gibt es auch im Gesundheitswesen einen Markt. Von Menziken fährt man in einer guten halben Stunde ins Kantonsspital Aarau (KSA), in 40 Minuten in die Klinik Hirslanden, in einer halben Stunde nach Muri und in 15 Minuten nach Sursee. All diese Spitäler machen Geburtshilfe. Etwa ein Drittel der schwangeren Frauen aus dem Bezirk Kulm hat in Menziken geboren.

Rückblickend betrachtet: Hätten Sie nicht mehr Marketing für Ihre Geburtenabteilung betreiben sollen?

Die Hirslanden Klinik oder das KSA machen wahnsinnig viel für die Vermarktung ihrer Geburtenabteilungen. Wir haben das Marketing in den letzten vier Jahren auch ausgebaut. Wir haben etwa Informationsabende und Kurse veranstaltet, aber auch die Infrastruktur ausgebaut, beispielsweise ein neues Stillzimmer eingerichtet und günstige Familienzimmer angeboten. Aber schlussendlich schafften wir es nicht, die Zahl der Geburten nachhaltig zu steigern. Im Gegenteil. Sie ist auf tiefem Niveau noch zurückgegangen.

Welche Zahl hätte das Spital Menziken erreichen müssen, damit sich die Geburtenabteilung betriebswirtschaftlich rechnet?

Um die 600 Geburten. Es gibt aber auch Spitäler, die mit weniger Geburten an ihren Geburtsabteilungen festhalten.

Ohne Geburtenabteilung verliert ein Regionalspital einen Teil seiner Existenzberechtigung. Haben Sie nicht Angst, dass Ihre Klinik in einen Abwärtsstrudel gerät?

Die Geburtenabteilung ist wohl der emotionalste Teil eines Spitals. Dort behandelt man Patientinnen, die eigentlich keine sind – weil die Frauen nicht krank sind. Es gibt durchaus Spitäler, die schon lange keine Geburtenabteilung mehr haben. Von einer fehlenden Existenzberechtigung kann man nicht sprechen. Ich glaube nicht, dass unser Spital jetzt in einen Abwärtsstrudel geraten wird.

Warum?

Das Spital Menziken ist daran, sich neu auszurichten, sich neu zu positionieren. Es will sich klarer profilieren als Gesundheitszentrum für die Bevölkerung der Region Aargau Süd. Diese strategische Ausrichtung ist beschlossen, jetzt beginnen wir, sie umzusetzen. Darum glaube ich nicht, dass die Existenz des Spitals bedroht ist.

Bisher hat die Politik, haben die Kulmer Grossräte, nicht hörbar auf die Schliessung der Geburtenabteilung reagiert. Eigentlich muss Sie diese Gleichgültigkeit beunruhigen.

Nein. Ich habe keinen Aufschrei erwartet. In der regionalen und kommunalen Politik versteht man, weshalb wir diesen Entscheid fällen mussten. Am Donnerstagabend haben wir zudem die Politiker der Region aargauSüd an unserem regionalen politischen Gedankenaustausch persönlich informiert.

Sie wollen einen Computertomografen (CT) anschaffen. Bei solchen Investitionen denkt man automatisch an die Kostenexplosion im Gesundheitswesen.

Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen ist eine Tatsache, aber sie ist nicht durch das CT, das wir anschaffen, verursacht. Für uns geht es um einen Qualitätsschritt und einen deutlichen Komfortgewinn für unsere Patienten. Heute werden die Patienten für einen CT-Untersuch in die Hirslanden Klinik nach Aarau gefahren. Künftig fällt die unbequeme Fahrt weg und der Patient verfügt schneller über eine Diagnose und die Informationen zum weiteren Behandlungsverlauf.

Seit der Bekanntgabe der Schliessung brodelt die Gerüchteküche: Stimmt es, dass letztes Jahr 50 Geburten von Menziken nach Aarau verlegt wurden?

Das höre ich zum ersten Mal. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen Frauen aus medizinischen Gründen verlegt werden müssen. 2017 war dies bei insgesamt sechs Frauen notwendig.

Stimmt es, dass die Geburtenabteilung dem Computertomografen weichen muss?

Nein – dafür haben wir einen anderen Platz.

Die Asana-Gruppe, die Spitäler in Leuggern und Menziken sowie das Altersheim Falkenstein in Menziken, hat ihren Abschluss 2017 noch nicht publiziert. Hat das Spital Menziken schwarze Zahlen geschrieben?

Die Asana Gruppe AG schreibt im Geschäftsjahr 2017 schwarze Zahlen. Der Jahresbericht wird wie bereits in den Vorjahren in der zweiten Maihälfte veröffentlicht.

Das Spital Menziken gehört der Asana-Gruppe, die wiederum zu 50 Prozent im Besitz des Spitalvereins Menziken ist. Wer sind die Mitglieder des Spitalvereins?

Ausschliesslich Privatpersonen. Ich bin auch Mitglied. Es gibt keine institutionellen Mitglieder wie beispielsweise Gemeinden.

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