Als sie in Aarau in die Kantonsschule eintrat, erhielt Barbara Borer-Mathys ihre erste bittere Lektion in Sachen Politik. Ihr Vater Hans Ulrich Mathys war seit kurzem SVP-Nationalrat, wofür sie von Lehrern vor ihrer Klasse scharfe Kommentare hören musste. «Ich erlebte erst dann, als ich von Holziken in die Stadt kam, was es heisst, wenn der Vater Exponent einer Partei ist, die polarisiert.»

Nach diesem Vorgeschmack, was sie auf dem Politparkett erwarten könnte, verspürte Barbara Borer keine Eile, sich selbst politisch zu engagieren. «Denn», sagt sie, «in der SVP polarisiert man offen.»

Motivation für andere SVP-Frauen

Heute ist sie 36 und Präsidentin der SVP Kulm. Denn vor zwei Jahren – sie wohnte seit geraumer Zeit in Aarau und arbeitete als Obergerichtsschreiberin – fand sie, sie hätte genug gewartet, und startete politisch gleich durch. Sie wurde Vizepräsidentin der SVP Aarau und kandidierte 2017 als Aarauer Einwohnerrätin.

Obwohl sie ein politischer Neuling war, erreichte sie gleich den ersten Ersatzplatz. Bei der Frage, wie sie das geschafft habe, beginnt sie zu lachen. «Ich habe einen grossen Bekanntenkreis in Aarau. Ich bin aufgeschlossen und komme mit allen gut aus, auch mit Leuten anderer Parteien – ich glaub, ‹met mer het mers loschtig›.» Dass die SVP ihre Partei ist, war immer klar: «Ich wurde von meinem bürgerlichen Elternhaus geprägt, in dem Politik immer Thema war, und wusste, hier bin ich am richtigen Ort.»

Dass sie wenig später ins Präsidium der Kulmer SVP wechselte, hat sie grösstenteils ihrer eineinhalbjährigen Tochter Helena zu verdanken. Auf der Suche nach einem Familienheim zog sie mit ihrem Mann, dem Sohn des ehemaligen Aargauer Polizeikommandanten Léon Borer, ins Heimatdorf Holziken zurück. Kaum dort angekommen, klopfte die Kulmer Bezirkspartei an. Präsident Martin Sommerhalder war kurzfristig abgetreten und man hatte gehört, dass die Vize der Aarauer SVP in den Bezirk gezügelt war. Als «erste Frau in diesem Amt» präsentierten die Kulmer ihre neue Präsidentin im September 2018; stolz, das Frauenmanko etwas vermindert zu haben. «Es ist wichtig, dass Frauen bei der SVP an Parteispitzen kommen», sagt Barbara Borer, «das motiviert wiederum andere junge Frauen, sich in der Partei zu engagieren.»

Zu Kind, Haus und Parteiamt kam vergangenes Jahr auch ein neuer Job: Sie ist heute Anwältin in einer Aarauer Kanzlei im familienfreundlichen Teilzeitpensum.

«Die Ortsparteien sterben uns weg»

In ihrem ersten Jahr als Bezirkspräsidentin hat sie sich zusammen mit ihrem Vorstand bereits tüchtig an die Arbeit gemacht: «Mit einer jungen Frau erhoffte sich die Bezirkspartei neuen Schwung», sagt Barbara Borer, «und ich bin mir dieser Verantwortung bewusst.» So liess sie eigene Statuten (statt der von der Kantonalpartei übernommenen) erstellen und nahm darin auch den Punkt «Regelmässiger Austausch mit Ortsparteien» auf. «Die Ortsparteien sterben uns weg», sagt sie. Also geht sie gemäss Papa Hans Ulrichs Credo «Du musst bei den Leuten vorbei» bei den Ortsparteien auf Besuch und hat regelmässige Sitzungen mit Parteivertretern aus den Dörfern auf die Beine gestellt.

Höhepunkt 100-Jahr-Jubiläum

Der wichtigste Anlass ihrer jungen Präsidentinnenkarriere steht kurz bevor. Am Freitag feiert die SVP Kulm im Reinacher Saalbau ihr 100-Jahr-Jubiläum mit Festredner Christoph Blocher. Dafür hat Barbara Borer mit ihrem OK Stunden am Sitzungstisch verbracht. Den Gästen werden ein Jubiläums-Pin und eine Festschrift überreicht. Nach dem Aufräumen im Saalbau könnte bereits ein nächster Wahlkampf anstehen. Denn üblicherweise kandidiert die Bezirkspräsidentin auch als Grossrätin. Wahlen sind 2020.

Die Feier der SVP Kulm findet Freitag ab 18 Uhr im Saalbau Reinach statt. Der Eintritt ist frei.