«Ist hier noch frei?» Eine einfache Frage, in den Zügen täglich tausendfach gestellt. Den meisten Menschen bereitet es keine Mühe, andere Fahrgäste anzusprechen und sich zu jemandem Fremden ins Abteil zu setzen. Bei Simone S.* (Name geändert) war das anders. Die 32-Jährige bekam Panikattacken, wenn sich jemand neben sie setzte, wusste nicht, wie sich verhalten, wohin blicken. Sie fing an, das Zugfahren zu meiden, erschien nicht mehr zur Arbeit, verlor den Job.

Das ist keine erfundene Geschichte. Es ist die Geschichte einer Klientin mit einer Suchterkrankung, die derzeit in der Gontenschwiler Klinik «im Hasel» in Behandlung ist. Mit ihren Problemen steht sie nicht alleine da. Viele Menschen mit Sucht- oder psychischen Erkrankungen erleben ähnliche Situationen, weil sie Mühe haben, sich auszudrücken oder auf ein Gegenüber adäquat zu reagieren. Die Folge: Sie ziehen sich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Die Ergotherapie setzt hier an, will den Menschen Hilfestellungen geben, wieder in einen normalen Alltag zurückzufinden.

Strategieentwicklung für den Alltag

Eine solche Hilfestellung haben Janine Ribolla (29) und Ulrika Sundberg (37) zusammen mit einer Sechsergruppe Klienten der Klinik «im Hasel» erarbeitet. Konkret haben die Ergotherapie-Studentinnen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Winterthur, Departement Gesundheit, Übungsvideos mit Verhaltensbeispielen gedreht. Auf eine gespielte, alltägliche Konfliktsituation werden verschiedene Reaktionsmöglichkeiten und deren Konsequenzen aufgezeigt. «So sollen sich psychisch erkrankte Menschen, die Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion haben, Strategien für ihren Alltag aneignen», erklärt Janine Ribolla.

Die Videos könnten in Gruppensitzungen als Vorlage für Rollenspiele eingesetzt werden, aber auch Einzelpersonen als Input dienen. «Unser Fernziel wäre eine interaktive App, mit der bestimmte Situationen geübt werden könnten», so Ulrika Sundberg.

Davon sind die beiden Frauen noch weit entfernt. Schon das Erstellen der Videos war «enorm aufwendig», wie sie einhellig sagen. Denn sie haben nicht einfach Fantasie-Situationen verfilmt, sondern aktuelle Problemfelder mit den Klienten eruiert und gezielt umgesetzt. Das hat mehrere Monate in Anspruch genommen. Aber die beiden wollen dranbleiben, weitere Videos erarbeiten und in der Praxis testen. Schliesslich betreten sie Neuland: Das Video wird im Sozialkompetenz-Training noch wenig eingesetzt. Und es kommt gut an. Das hat die Evaluation unter den Klienten ergeben. Eine Klientin beschreibt ihre Erfahrung so: «Das gesehene wirkt ganz anders, als die Thematik nur zu lesen. Ich war emotional mitten drin.» Auch den Studentinnen ging das Projekt nahe. «Mich hat überrascht, wie offen die Klienten waren, wo es doch um etwas sehr Intimes ging», sagt Janine Ribolla und Ulrika Sundberg fügt an: «Mich hat beschäftigt, wie massiv diese Probleme sind und wie stark diese Muster die Klienten behindern.»