Muhen

Thorsten und Susanne Dedecke politisieren liberal – aber nicht in derselben Partei

Susanne und Thorsten Dedecke sind Grossratskandidaten.

Susanne und Thorsten Dedecke sind Grossratskandidaten.

Ein Ehepaar aus Muhen will in den Grossen Rat. Während Susanne Dedecke für die Grünliberalen antritt, steht ihr Mann Thorsten auf der Liste der FDP. Bei politischem Zoff helfe Rotwein.

Unter ihrem Dach wird nach liberalem Grundsatz diskutiert: Susanne und Thorsten Dedecke haben klare Vorstellungen, was während und nach Corona politisch anzustossen ist. Die Förderung des Einkaufens beim lokalen Händler etwa, an ihrem Wohnort Muhen oder der Region. Und: Der Staat sollte trotz oder gerade wegen der Krise so wenig Regulierungen wie möglich machen. Beide sind sie politisch engagiert. Und beide möchten sie künftig auf Kantonsebene mitreden. Thorsten Dedecke (55) ist auf dem 8. Listenplatz, Susanne Dedecke (46) auf dem 12. Nur, dass die Liste nicht dieselbe ist.

Die Ehepartner haben das politische Heu nur halbwegs auf der gleichen Bühne. Susanne Dedecke tritt am 18. Oktober für die Grünliberalen des Bezirks Aarau an, ihr Mann für die FDP. Er in der Ortspartei der FDP, sie mangels einer Müheler Sektion in der GLP Bezirk Aargau. Die Diskussionen, die unter dem Dach ihres markanten gelben Hauses an der Suhrgasse stattfinden, sind also hin und wieder kontrovers.

Ein Streitpunkt ist das Klima, bei der FDP nicht mehr auf der Prioritätenliste. «Aufgrund von Corona stellt momentan die Wiederbelebung unserer heimischen Wirtschaft nach dieser Krise das vorrangige Ziel dar», sagt Thorsten Dedecke am Familien-Esstisch, wo schon manch brenzlige Debatte – mit gütlichem Ausgang – stattgefunden hat. Die GLP findet hingegen: jetzt erst recht. «Ökologie und Wirtschaft sind gegenseitige Booster», sagt Susanne Dedecke. «Wir befinden uns in der Energiewende und jetzt ist der Moment, um den Energiekanton Aargau vorwärtszubringen.»

Der Sohn entscheidet sich für keine Seite

Wie überstehen die beiden ihre politischen Auseinandersetzungen, ohne ihre Ehe zu belasten? «Glücklicherweise stimmen wir bei vielen Punkten überein.» Wenn sich aber ein deftiger Schlagabtausch anbahne, dann gäbe es schon einmal eine längere politische Debatte, sagt Thorsten Dedecke. Ein Rotwein aus dem Keller entschärft zusätzlich. So auch beim Thema Tagesschulen. «Die FDP unterstützt zwar schon die Einführung von Tagesschulen, weil sie sieht, dass es für die Wirtschaft förderlich ist, wenn Frauen Beruf und Familie vereinbaren können», sagt Susanne Dedecke. «Wir von der GLP finden aber, Mütter sollen sich nicht zwischen Familie und Karriere entscheiden müssen.» Der Wissenschaftsredaktorin, die in Zürich für die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (European Society of Cardiology) arbeitet, ist Frauenförderung ein grosses Anliegen. So engagiert sie sich nebenberuflich dafür, Frauen für technische Berufe und IT zu begeistern.

Ihr neunjähriger Sohn versucht gar nicht erst, sich für das eine oder andere Lager zu entscheiden. «Er hat seine eigene Ideologie», so die Mutter, «jetzt gerade ist er für Umwelt- und Tierschutz». Verbildlicht würden die verschiedenen Ausrichtungen, wenn die Familie grilliere: Der Vater legt ein Steak vom lokalen Metzger auf den Grill, die Mutter die selbstgezüchteten Zucchini und der Sohn seine Marshmallows.

In der Schweiz kennengelernt

Thorsten Dedecke ist Fachverantwortlicher in einer Pharmafirma. Er kam 2001 wegen eines Jobangebots von Deutschland in die Schweiz. Die Arbeit lotste 2006 auch Susanne Dedecke in die Schweiz, deren erste Anstellung bei Roche in Basel war. Dort lernten sich die beiden Exildeutschen eines Abends in einer Bar kennen. «Politik kam damals eigentlich gar nicht zur Sprache», erinnert sich der Ehemann. Dies, obwohl die seine zukünftige Frau bereits ein grünes Curriculum vorzuweisen hatte. Schon zu Studienzeiten in den 90er-Jahren war sie Teil des grün-liberalen Realo-Flügels der Grünen Partei um Joschka Fischer. Thorsten Dedecke ist erst vor ein paar Jahren in die FDP eingetreten. Zusammengeschweisst hat sie die Schnittmenge ihrer Ideologien. Dazu gehört die Förderung des technischen Fortschritts und das Einstehen gegen staatliche Verbote.

Spätestens seit ihrer Einbürgerung vor drei Jahren sind die beiden Vorzeigeschweizer, die fleissig wählen und abstimmen, im Engadin Ferien machen und ihre Lebensmittel im Dorf einkaufen. «Einbürgern lassen haben wir uns, weil wir die Politik aktiv mitgestalten wollten», sagt Susanne Dedecke. Bleibt abzuwarten, wer von den beiden als erstes für die jeweilige Partei ein Amt ergattert.

Meistgesehen

Artboard 1