Muhen

«Über dieses Buch kommen Sie auf die Welt»: Das Leben und Leiden der Menschen

Autor Kurt Rey (r.) und Pirmin Meier an der Buchvernissage beim Strohdachhaus Muhen.

Autor Kurt Rey (r.) und Pirmin Meier an der Buchvernissage beim Strohdachhaus Muhen.

In Muhen hat Kurt Rey ein Buch über das Schwabital geschrieben. 150 Exemplare wurden gedruckt, 90 vorbestellt, und an der Vernissage im und um ein Festzelt hinter dem Strohhaus nahmen gut 120 Personen teil.

Mit 87 Jahren – wer gäbe ihm dieses Alter? – ist Kurt Rey der älteste Bewohner des nordöstlich gelegenen Dorfteils von Muhen, Schwabistal. Und diesem Tal zwischen den Hügeln Lotten und Gibel hat Kurt Rey, der wohl beste Kenner der Geschichte des Suhrentals, ein Buch gewidmet. 150 Exemplare wurden gedruckt, 90 vorbestellt, und an der Vernissage im und um ein Festzelt hinter dem Strohhaus nahmen gut 120 Personen teil. Ein gemeindeversammlungswürdiger Aufmarsch für den ehemaligen Müheler Gemeindeammann.

Weltgeschichte in der Dorfgeschichte

Der Historiker Pirmin Meier strich in seinem frei gehaltenen Vortrag, einer Würdigung von Kurt Reys Arbeit, die in diesem Werk überaus gelungene Idee heraus, in der Dorfgeschichte die Weltgeschichte abzubilden, ganz konkret in aller Tragik und Komik. Meier: «Über dieses Buch kommen Sie auf die Welt!»

Was meint er damit? Im Gegensatz zu Werken anderer Historiker in ihrem krampfhaften Bemühen, aktuell zu sein, dabei aber, dies ein Beispiel, Pandemien vergessen, werden in Reys Buch das Leben und Leiden, aber auch die Freuden der Menschen im Schwabistal lebendig. Ohne die politischen Verhältnisse von den ersten schriftlichen Erwähnungen 1295 über die Zeit der Berner Herrschaft, die Helvetik und die Neuzeit ausser Acht zu lassen. Sie bieten ihm dank eindrücklichen Quellen Einblicke in die sozialen und wirtschaftlichen Zustände.

Beispiel Pandemie: In Briefen aus dem Jahr 1918 ist das Wüten der Spanischen Grippe dokumentiert. Täglich bis zu drei Tote in Kölliken und Entfelden. Und dann die Hungersnöte 1816/17 nach dem Jahr ohne Sonne 1816 (Ausbruch eines Vulkans in Indonesien) oder um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die auch Menschen aus dem Tal zur Auswanderung bewegte.

Persönliche Erinnerungen, Originale in Anekdoten

Es sind die konkreten Einzelschicksale, die der Geschichte, auch der Weltgeschichte, Gesichter geben. Porträts von Persönlichkeiten und Familien, bildlich und oft in Zitaten präsent, würzen das Buch. Dass da Bernhart Matter, der Erzgauner und Frauenheld, nicht fehlen darf, versteht sich. Rey zeigt Menschen und ihr Verhalten vor dem Hintergrund grosser wirtschaftlicher Not, präsentiert aber auch Personen, die sich als Unternehmer oder Politiker profiliert haben, versucht Übernamen – man muss die Lüscher und Müller ja unterscheiden können – zu erklären.

Als «Terrasophen» bezeichnet Pirmin Meier seinen Kollegen: Die Natur ist ihm wichtig. Das zeigt Kurt Rey auch in seinem Buch. Die Bedeutung des Bodens – im Schwabistal nicht der beste –, das Wasser, das «kleine Fabrikli» entstehen liess (Schuhbändel, Papieri, Besenstiele), Landschaftsschutz vor Ort, all das findet einen konkreten Niederschlag in Kurt Reys Buch.

Die «historische Volkskunde» (Meier), wie Kurt Rey sie zur Meisterschaft gebracht hat, bietet anschauliche Sozialgeschichte. Heimindustrie, Geschichten aus dem Armenhaus auf dem Lotten, Kochrezepte. Originale aus dem Dorf sind in Anekdoten präsent. Rey hat nicht nur Dokumente studiert, sondern auch mit Leuten gesprochen. Und nicht zuletzt verwendet er, der auf acht Jahrzehnte zurückblicken kann, eigene Erinnerungen und Erlebnisse, so an seine Kindheit während des zweiten Weltkriegs.

Kurt Rey ist in seinem reich illustrierten Werk (240 Seiten) ein eindrückliches Werk geglückt, ein verständlich geschriebenes Lesebuch, übersichtlich gegliedert. Wer es liest, kann sich seiner Wurzeln bewusst werden, kann staunen, eintauchen, mitleiden, schmunzeln, und diese Wurzeln müssen keineswegs im Schwabistaler Boden gründeln, eingedenk des Mottos des Buchs, geschrieben vom spanischen Philosophen und Soziologen Ortega y Gasset: «Der Fortschritt besteht nicht darin, das Gestern zu zerstören, sondern dessen Essenz zu bewahren, die ja die Kraft hatte, das Heute zu schaffen.»

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