Bezirksgericht Kulm

Vater zückt Messer im Streit mit Sohn – zehn Monate Knast

Der 51-Jährige hat seinen Sohn schon einmal mit dem Messer verletzt. (Symbolbild)

Der 51-Jährige hat seinen Sohn schon einmal mit dem Messer verletzt. (Symbolbild)

Ein 51-jähriger Vater muss zehn Monate ins Gefängnis, nachdem er im Streit mit seinem Sohn ein Messer gezogen hat. «Beim Beschuldigten sitzt das Messer offensichtlich zu locker», stellte der Gerichtspräsident fest.

Es passierte am 11. September letztes Jahr in Reinach. Zwischen Amir (Name geändert) und seinem Sohn war es zum Streit gekommen. Ein Streit, der mit einem gezückten Messer und Schnittverletzungen auf beiden Seiten endete.

Amir hatte einen über den Durst getrunken, was seinem Sohn, nennen wir ihn Bekim, überhaupt nicht gefiel. Bekim rügte seinen Vater, mehr noch, er beleidigte ihn in der Öffentlichkeit. Er spionierte ihm in der Bar nach und besuchte sogar seinen Chef.

In Rage ob der Schmach, die ihm angetan worden war, suchte der betrunkene Vater seinen Sohn in dessen Wohnung auf und drohte, sich selber umzubringen. Mit dieser Schande wolle er nicht weiterleben. Er zückte ein Messer und richtete es gegen sich selbst. Dabei verletzte er sich an der Hand. Als sein Sohn ihm das Messer wegnehmen wollte, griff dieser in die Klinge und zog sich ebenfalls Schnittverletzungen zu.

So jedenfalls lautet die Version, die Amir dem Richter in der Verhandlung am Bezirksgericht Kulm diese Woche auftischte oder vielmehr, die aus der anderthalbstündigen, stockenden, von einem Übersetzer begleiteten Befragung schliesslich hervorging.

Der hagere, grauhaarige Mann im grauen Trainingsanzug mit zusammengeketteten Füssen sitzt gebeugt auf seinem Stuhl. Nur ab und zu blickt er beim Reden auf und unterstützt seine Worte mit einer vagen Handbewegung. Er spricht leise. Albanisch.

Widersprüchliche Aussagen

Immer wieder muss der Gerichtspräsident nachhaken. Amir hat anscheinend so einiges vergessen, er machte widersprüchliche Angaben, verstrickte sich. Auch schienen sich einige Aussagen nicht mit denen zu decken, die er in früheren Einvernahmen gemacht hat. Und mit den Aussagen seines Sohnes und von dessen Frau decken sie sich erst recht nicht.

Die beiden gaben einen anderen Tathergang zu Protokoll. Hier war von Drohung die Rede.

Davon, dass Bekim um sein Leben fürchtete. Davon, dass er in Anbetracht des auf sich gerichteten Messers ein «Flashback» erlebt habe und jäh an jenen Vorfall vor sieben Jahren erinnert worden sei, als sein Vater im Streit schon einmal ein Messer gezückt und ihn in der Bauchgegend verletzt habe. Das habe er nicht noch einmal erleben wollen, deshalb griff er ein, versuchte, dem Vater das Messer zu entreissen und sich selbst zu schützen.

Alles falsch, sagt Amir im Gerichtssaal. Er habe seinem Sohn nicht gedroht. Er habe ihn nicht verletzen wollen. Er habe das Messer ja gegen sich selbst gerichtet. Es sei ein Unfall gewesen – genau wie damals.

Damals war im Jahr 2008 in England. Jenes Gericht sah die Sache offensichtlich anders. Amir sass für die Tat drei Jahre im Gefängnis – in London, wo er bis zu seinem Umzug in die Schweiz im letzten Jahr gelebt hatte. Er war 1998, als 33-Jähriger, aus Serbien nach England ausgewandert. Im Vereinigten Königreich hat er sich so einiges zuschulden kommen lassen. Sein Vorstrafenregister ist lang. Es reicht von Sachbeschädigungen über Widerhandlungen gegen das Waffengesetz bis hin zu Körperverletzungen.

Dieses Vorstrafenregister war es denn auch, das am Ende schwer wog im Bezug auf das Urteil. Auch wenn der Gerichtspräsident von einem «vollständig umstrittenen Sachverhalt» sprach, befand er die Aussagen des Sohns und von dessen Frau als glaubwürdiger als die des Beschuldigten. Die Tatsache, dass Amir stereotyp und widersprüchlich antwortete, sich verstrickte und alles als Unfall abtat, trug nicht gerade zu seiner Glaubwürdigkeit bei.

Trotzdem: «in dubio pro reo», der Gerichtspräsident entschied zumindest in einem Punkt für den Angeklagten. Er folgte dem Antrag der Verteidigung und sprach Amir mangels Beweisen vom Vorwurf der Drohung frei.

Für unbestritten befand er hingegen, dass es wegen des Alkoholkonsums zu einem Disput zwischen Vater und Sohn gekommen sei und dass der Vater in der Folge ein Messer gezückt habe – ein rücksichtsloses Vorgehen und eine skrupellose Handlung. «Beim Beschuldigten sitzt das Messer offensichtlich zu locker, er hat sich aus verletztem Stolz zu der Handlung hinreissen lassen», so der Gerichtspräsident in seinen Ausführungen zum Urteil.

Ausserdem sei Amir uneinsichtig und zeige kaum Reue. Er sprach ihn gemäss Anklage der einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand schuldig und verurteilte ihn zu zehn Monaten Gefängnis. Unbedingt.

«Das heisst, ich gehe zurück ins Gefängnis?» Amirs Frage ist rhetorischer Art und er meint wohl eher: «Können wir jetzt endlich gehen?» Er wirkt nicht überrascht.

Noch bevor die Verhandlung richtig geschlossen ist, greift er nach seinem Plastiksack unter dem Tisch und wendet sich dem Polizisten zu, der das Geschehen aus der hintersten Reihe verfolgt hat.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1